Nokia N1: Apples „Schuld“ an der iPad-Kopie (Kommentar)

Sven Kaulfuss 52

Wir staunten nicht schlecht, als Nokia gestern ein neues Tablet vorstellte. Das N1 erinnerte uns doch allzu sehr an das Design des iPads. Kopiervorwürfe werden laut. Diese sind zwar berechtigt, doch Apple ist an diesem Umstand alles andere als unschuldig.

Nokia N1: Apples „Schuld“ an der iPad-Kopie (Kommentar)

Ganz schön unverfroren: Nicht nur zitiert das neue Nokia N1 die Formensprache von iPad mini und iPhone 6, auch die Inszenierung auf der eigens dafür geschaffenen Webseite kann eine nahe Verwandtschaft zum Apple-Auftritt nicht leugnen – wir berichteten. Wohlwollend kann man dies noch als Inspiration abtun, treffender wäre es hingegen das Kind beim Namen zu nennen: Es ist schlichtweg eine dreiste Kopie – Punkt (siehe auch unsere Bilderstrecke). Ist Nokia – einstiger Vorreiter und Marktführer im Mobilfunkgeschäft – schon so tief gesunken, sind eigene Ideen im „Land der tausend Seen“ heutzutage Mangelware?

Faktencheck zum Nokia N1

So einfach gestrickt ist die Wahrheit leider doch nicht, denn auch Apple trägt eine gewisse Mitschuld am Nokia N1. Wie kann dies sein? Bevor ich meine These darlege, möchte ich jedoch zuvor unseren Lesern einen kleinen Faktencheck bieten.

Microsoft trifft keine Schuld: Mit Interesse beobachtete ich gestern die Reaktion auf die Vorstellung des Nokia N1. Vielerorts wurde auch Microsoft von nicht informierten Apple-Fans angefeindet. Fakt ist jedoch: Die Jungs aus Redmond können sich in dieser Angelegenheit ausnahmsweise die Hände in Unschuld waschen. Zwar verkaufte Nokia die gesamte Smartphone-Sparte vor nicht allzu langer Zeit an Microsoft – Geräte, die Lumia-Markenrechte und das Team wechselten daraufhin das Lager. Das nun vorgestellte Tablet mit Android entstammt jedoch nicht dieser Übernahme. Am Verkaufs-Deal vorbei präsentierte Nokia (die Ursprungsfirma in Finnland) das N1 in Eigenregie. Smartphones darf Nokia bis einschließlich 2016 nicht mehr bauen, Tablets betrifft diese Regelung aber augenscheinlich nicht.

Dumm gelaufen für Microsoft: Eine Vertragsklausel erlaubt es Nokia weiterhin, Tablets unter eigenem Namen zu verkaufen, die Dresche für rotzige Kopien bekommt aber auch Microsoft. Immerhin verzichtet „Kleinweich“ schon jetzt bei neuen Produkten auf die Marke Nokia. Dennoch, so schnell vergisst man nicht, die Markenverwirrung ist perfekt.

Das Nokia N1 ist gar kein Nokia: Was uns Nokia gestern als neues Produkt präsentierte, ist gar kein Gerät der Finnen. Hat mit denen soviel zu tun wie ich – dem Michelin-Männchen nicht unähnlich – mit einem Supermodel. Richtig gelesen. Entwicklung, Vertrieb, Service… all dies stammt von einem chinesischen OEM-Produzenten. Nokia steuert allein den einstigen guten Namen bei und legt obendrauf noch einen Android-Launcher – fertig. Damit ist es final: Nokia gehört nun endgültig auch zur illustren Runde der Markenzombies. Ehemals große Namen – wie beispielsweise Grundig, Telefunken, Braun… – die ihre Marke für den schnöden Mammon an jeden beliebigen Technik-Schuster verscherbeln. Nokia möchte letztlich nur die Verbraucherkuh – ja ihr seid gemeint, liebe Leser und Kunden – solange melken, wie es halt geht. Diese Absicht wird durch die „Androhung“ zukünftiger Lizenz-Deals mit weiteren OEM-Produzenten noch bekräftigt. Da geht sie hin, die einstmals glänzende Welt der europäischen Technikmarken.

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Unsere Bilderstrecke Nokia N1 vs. iPad mini 3: Einfach darauf klicken und die beiden Tablets miteinander vergleichen.
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Nokia N1 vs. iPad mini 3: Showdown in Bildern.

Ursächlich: Apples Gang nach China

Doch wer ist eigentlich dieser ominöse „chinesische“ OEM-Entwickler? Foxconn! Eigentlich aus Taiwan stammend, fertigt man im Reich der Mitte seit Jahren allerlei Elektronikware für verschiedene Marken, nicht zuletzt auch unsere geliebten iPhones und iPads im Auftrag von Apple. Kurzum: Für das „Nokia“ N1 bedient sich Foxconn des gesammelten Know-hows – die verdächtige Ähnlichkeit zu Apple-Gerätschaften ist daher nur folgerichtig.

Doch inwiefern ist dies die Schuld Apples? Korrekterweise hätte Apple allen Grund mit den Verantwortlichen bei Foxconn hart ins Gericht zu gehen. Allerdings ist das eigentliche Problem struktureller Art und liegt wesentlich tiefer. Nicht nur Apple beschloss vor vielen Jahren den Gang nach China: Billige Löhne und eine professionell aufgestellte Fertigungslinien versprachen die Optimierung des eigenen Geschäfts. Daran nicht ganz unbeteiligt der damalige Apple-COO und heutige CEO Tim Cook. Die Idee ging auf: Apple erwirtschaftet heutzutage mit Abstand die höchsten Margen innerhalb der Branche. Die komplette Auslagerung der Produktion hat daran einen gehörigen Löwenanteil.

Die Kehrseite: Die Auftragsfertiger möchten ihrerseits noch stärker am Erfolg der Branche partizipieren. Ihnen genügt es nicht mehr, allein nur die „Drecksarbeit“ zu machen, eine eigene Entwicklung und Vermarktung sind da vielversprechend. Was fehlt? Die geeignete Marke. Mit Nokia hat Foxconn nun den passenden „Partner“ gefunden. Möglich ist dies aber allein durch den Technologie- und Ideentransfer von Auftragsgebern wie Apple. Eine solche Entwicklung hätte man früher oder später auch in Cupertino vorhersehen können – dummstellen sollte man sich daher heute nicht. Erst Firmen wie Apple und deren Globalisierungsstrategien der letzten Jahre erlauben es OEM-Fertigern wie Foxconn sich gegenwärtig „aufzuschwingen“ und nach Höherem zu greifen.

Kein Weg zurück: Ohne China geht es nicht mehr

Die Krux: Einen Weg zurück gibt es nicht mehr. Nicht nur haben wir es hier im „Westen“ verlernt, derartige Produktionsabläufe auf die Beine zu stellen, auch entwickelt sich China immer mehr zum wichtigsten Absatzmarkt. Wer dort seine Waren zukünftig verkaufen möchte, muss auch vor Ort produzieren. Der Ideentransfer wird den westlichen Partnern dabei nicht nur nahegelegt, sondern geradezu abverlangt. Derzeit spürt dies schon die Automobilbranche, die angehalten ist, aufgezwungene Joint-Ventures mit chinesischen Partnern einzugehen. Der Drache schlägt zurück und verschlingt dabei nicht nur die westlichen Ideale.

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