Außen jung, innen 15 Jahre Rentner - Dr. Kawashimas Gehirn-Jogging

Alex Duk

Mein geistiges Alter? 80. Das brachte mir Dr. Ryuta Kawashima vor rund einer Woche bei. Ein dauergrinsender Polygonkopf mit Pausbäckchen, der nicht aufhören kann vom präfrontalen Cortex des menschlichen Gehirns zu reden. Unverschämt! 80? Das hat früher auf dem Nintendo DS besser ausgesehen - und da war ich noch nicht einmal volljährig.

Dr. Kawashimas Gehirn-Jogging für Nintendo Switch - Veröffentlichungstrailer.

Dr. Kawashima will mich geistig jünger machen

Während solche Späße bei offiziellen IQ-Tests Stunden dauern, haut mir Dr. Kawashima diese absurd hohe Zahl nach einem rund 60 Sekunden langen Minigame an den Kopf. Ein Spiel, das wahrscheinlich nur dazu da ist, um zu zeigen, was die Joy-Cons der Switch so drauf haben. Ich hielt also die Infrarotkamera des rechten Joy-Cons (ich wusste auch nicht, dass es eine gibt) in meiner linken Hand und richtete sie auf meine rechte Hand. Die Worte „Versuche zu verlieren“ und eine Faust werden mir angezeigt. Mein Kopf fängt an zu rattern. So müssen sich die Schüler beim bayrischen Mathe-Abitur gefühlt haben. Schere-Stein-Papier, also? Die Antwort, die ich nach ca. 5 Sekunden Bedenkzeit mit meiner rechten Hand formte, war „Schere“. Richtig. Noch 19 Mal. Viel schneller wurde ich nicht. Vielleicht bin ich wirklich 80 Jahre alt im Kopf.

Dass mein geistiges Alter nach so einem Spiel genau bestimmt werden kann, das glaubt Dr. Kawashima doch selber nicht. Aber vielleicht ist da etwas Wahres dran. Vielleicht bringt das Spiel doch etwas für meinen präfrontalen Cortex. Werde ich dadurch produktiver in meinem Job? Werde ich weniger vergesslich? Ist Dr. Kawashimas Gehirn-Jogging das Spiel, das die durchschnittliche Lebenserwartung des Menschen in die Höhe schießen lässt? Wohl kaum. Irgendwie macht es trotzdem Spaß.

Neue Übungen neben bekannten Klassikern

Das, was mich nach dem kleinen Joy-Con-Show-off erwartet, waren die Klassiker des DS. 25 kleine Rechenaufgaben: Von einem einfachen 2+4, das jedes Grundschulkind innerhalb eines Bruchteils einer Sekunde lösen kann, bis zu einem 7×8, das wahrscheinlich noch nie ein Mensch auf der Erde gelöst hat. Lautes lesen: Das soll den präfrontalen Cortex deutlich mehr trainieren als leises Lesen. Das hat mir Dr. Kawashima durch eine visuell ansprechende Grafik von Gehirnaktivitäten gezeigt. Cool, ich habe Spaß und ich lerne etwas! Vielleicht sollte ich diesen Artikel ab jetzt auch einfach laut schreiben und alle meine Kollegen nerven. Leider hört es mit dem Lernen von interessanten Fun-Facts über das Gehirn danach recht schnell auf.

Präfrontaler Cortex hier. Präfrontaler Cortex da. Präfrontaler Cortex überall.

Der präfrontale Cortex oder Cortex praefrontalis ist ein Teil des Frontallappens der Großhirnrinde (Cortex cerebri). Er befindet sich an der Stirnseite des Gehirns und ist eng mit den sensorischen Assoziationsgebieten des Cortex, mit subcorticalen Modulen des limbischen Systems und mit den Basalganglien verbunden.

-Wikipedia

Achso. Ja, das würde ich gerne behalten. Dr. Kawashima rät mir für heute aber, mein Gehirn auszuruhen, indem ich einen Dr. Mario-Abklatsch spiele, der als einziges Spiel nicht meinen präfrontalen Cortex trainiert. Funktioniert sogar ganz gut! Und die Musik im Hintergrund ist ein langsamer Pianosolo-Remix vom originalen „Fever“ - der ikonischen Dr. Mario Titelmusik. Ich bin entspannt und glücklich. Gute Nacht und bis morgen, Dr. Kawashima!

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Würde das Spiel den Langzeittest schaffen?

Nach und nach schalte ich weitere Spiele frei, die allesamt ein ganz bestimmtes Gehirnareal trainieren sollen, auf das ich nicht weiter eingehen möchte. Immer wenn ich Lust habe, darf ich bis zu einmal täglich mein Gehirn auf mein geistiges Alter testen. Und siehe da: Nach drei zufällig ausgewählten Spielen, die mich auf verschiedene Attribute wie „Selbstbeherrschung“ oder „Reaktion“ testen sollen, war ich nicht mehr 80, sondern Mitte 60. War es Zufall? Ist es nur so, weil das schreckliche Schere-Stein-Papier-Spiel nicht für mich ausgewählt wurde, sondern nur eins, wo ich möglichst schnell laut von 1 bis 120 zählen soll? Heißt es jetzt, dass ich nachher beim Einkaufen schneller bin, weil ich keine Einkaufsliste mehr brauche? Noch merke ich nichts. Was ich mich aber immer noch frage: Wie lange muss ich jeden Tag spielen, um eine wirkliche Verbesserung meines Gehirns zu spüren? Ist es nicht das, womit Dr. Kawashimas Gehirn-Jogging wirbt?

In den nächsten Tagen hat sich eine Art Ritual eingespielt. Ich komme zur Arbeit, mache mir einen Kaffee und spiele meine 15 Minuten lang Gehirn-Jogging. Wenn es gerade technische Probleme gibt, schiebe ich vielleicht noch eine Runde Sudoku dazwischen. Dafür ist das Spiel wirklich sehr gut. Sudoku-Freunde dürfen sich auf sehr viele digitale Sudoku-Spiele freuen. Neulinge erhalten eine Assistenten-Funktion, die darauf aufmerksam macht, ob die Zahl die man einträgt die Richtige ist. Mich persönlich reizt es nicht so sehr, aber ich erkenne den Wert und habe sogar etwas Spaß daran gefunden.

Mit allen Zweifeln, die ich bei dem Spiel habe, sehe ich ein, warum es eine Art Kultstatus erreicht hat. Es raubt nicht viel Zeit, schafft eine Routine und verspricht langfristige Verbesserungen des Gehirns. Die Spiele, die man mit der Zeit freischaltet, sind sehr abwechlungsreich. Einige Spiele, wenn auch nur sehr wenige, kann man sogar lokal gegen eine andere Person spielen. Hoffentlich kommt da in Zukunft noch mehr.

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Danke, Dr. Kawashima

Ich bleibe bei meinem neuen Ritual (nur, dass ich es nach Zuhause verlagern muss). Auch, wenn es mir im Alltag nicht viel bringen sollte - solange ich Spaß an den kleinen Multitasking-Aufgaben und den Infrarot-Joy-Con-Spielen habe, ist es für mich den Spaß im Gegenzug wert. Und falls ich mich in naher Zukunft im Alltag plötzlich doch besser erinnern kann oder logische Schlüsse schneller ziehen kann, dann chapeau, Dr. Kawashima. Danke, dass du immer für mich da bist, wenn ich mein Gehirn trainieren möchte und danke, dass du der Retter meines präfrontalen Cortex bist.

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