Call of Duty: Modern Warfare – Der Ego-Shooter, der (fast) alles richtig macht

Jens-Magnus Krause 3

Bereits auf dem Papier überzeugt Call of Duty: Modern Warfare. Die Kampagne ist zurück, der Multiplayer weist zahlreiche neue Varianten auf und im Koop feiert der Survival-Modus sein Comeback. Geht noch mehr in Richtung Perfektion? Ja, und wie!

Der Namenszusatz „Modern Warfare“ taucht das erste Mal im Jahr 2007 bei der Call-of-Duty-Reihe auf. Erfinder Infinity Ward schmückt damit den vierten Serienteil und machte ganz klar: hier geht es um moderne, potenzielle Kriegsszenarien.

Call of Duty: Modern Warfare - Launch Gameplay Trailer.

Beim nunmehr 16. Ableger sieht es ganz ähnlich aus. Mit dem Unterschied, dass alles offener, moderner, authentischer und realistischer wirkt – über jeden Spielmodus, die Steuerung und das Audiovisuelle hinweg. Kurzum: hier erwartet euch ein echter Ego-Shooter-Knaller.

Die Kampagne ist zurück

Was viele Einzelspieler-Fans im Vorgänger Call of Duty: Black Ops 4 vermisst haben, war die Kampagne. Der Modus eben, der seit jeher für brachiale Feuergefechte, geskriptete Action und coole Funksprüche steht. Zeit aufzuatmen, denn die Kampagne ist wieder da. Unmittelbarer Vorteil: sie erweitert den Umfang des Spiels um abwechslungsreiche sechs Stunden Spielzeit.

In den ersten Momenten fühlt sich dabei alles wie gewohnt und nahezu schon klassisch an. Ihr startet als Elite-Soldat eure Mission, nachdem euch vorher eine schicke Rendersequenz alles zum Thema Ziele und Ablauf in groben Zügen mitgeteilt hat. Das bedeutet gleichzeitig, dass das Grundgerüst des Spielaufbaus den alten Teilen entspricht, was aber kein Nachteil ist, denn das funktioniert auch heute noch exzellent.

Emotionale Weltreise

Ihr reist für eure Einsätze in viele unterschiedliche Regionen der Welt, vor allen Dingen aber nach Europa und Asien. Dabei schlüpft ihr in die Haut verschiedener Protagonisten, die unterschiedlichen Organisationen angehören. Erste große Neuerung: In Rückblenden spielt ihr mit manchen Charakteren in der Vergangenheit, was euch diese besser kennenlernen und ihre teilweise persönlichen Motive besser verstehen lässt. Das führt dazu, dass ihr euch mit den spielbaren Figuren identifiziert, mit ihnen mitfühlt und vor allen Dingen mitleidet. Das ist eine emotionale Bereicherung für den sonst so brachialen Ego-Shooter.

Wer es etwas genauer wissen möchte: Ihr kämpft im Jahr 2019 in London gegen Terroristen der Organisation „Al-Qatala“, seid in Georgien in einer Gasfabrik im Einsatz und absolviert mehrere Missionen im fiktiven Land Urzikstan. Letzteres ist eine Verkörperung des Nahen Ostens, weil die Entwickler keinem echten Land zu nahe treten und es als Terrorhochburg bezeichnet möchten.

Charaktere mit Schauspieler-Vorlage

In den meisten Missionen seid ihr als Alex unterwegs, einem auf Anti-Terror spezialisierten CIA- und Marines-Verschnitt. Daneben geht es als britischer „Special-Air-Service“-Soldat, namentlich Kyle, ebenfalls in den Kampf – oder als Farah Karim, die Anführerin der „Urzikstan Liberation Force“. Die Person, die alle anderen verbindet, ist ein alter Bekannter: SAS-Soldat Captain Price, mit seinem Schnäuzer und fettem, britischen Akzent.

Warum die Charaktere so entscheidend sind? Weil sie das verbindende Element zwischen dem Spieler, also euch und der Spielwelt sind. Durch sie wisst ihr, warum ihr etwas tut oder sogar tun müsst. Selbst dann, wenn es sich nicht gut anfühlt. Was euch die Identifikation erleichtert? Jedem Hauptcharakter dient ein echter Schauspieler als Vorlage. Das Aussehen, Gestik und Mimik und die Stimme sind sozusagen alle echt und aus einer „Quelle.“ Und das gelingt: Ein Captain Price schafft es mehrfach im Spielverlauf, dass ihr den Kopf schütteln müsst, Vertrauen zu ihm spürt oder auch latente Wut.

Was diesen filmischen, ja beinahe schon kinoähnlichen Ansatz noch verstärkt: Es gibt keinerlei Ladezeiten in der Kampagne. Wenn ihr nicht „aufpasst“, habt ihr alle Missionen am Stück durchgespielt, weil sie sich wie ein abwechslungsreicher Action-Film konsumieren lassen.

Spielerische Neuerungen überzeugen

Für viel Abwechslung während der Kampagne sorgen nicht nur die häufigen Wechsel der Szenerien, sondern auch der spielerische Bereich. So weit, so gewohnt: mal findet eine Verfolgungsjagd statt, ein anderes Mal müsst ihr ein strategisch wertvolles Gebäude verteidigen, ein anderes Mal als getarnter Einheimischer eine Baustelle infiltrieren und Hubschrauber manipulieren. Wenn ihr jetzt denkt, dass das überhaupt nichts Neues ist, so ist das auf den ersten Blick richtig. Aber nur, bis ihr die Neuerungen gesehen habt.

Was zu allererst auffällt, ist die komplett neu entworfene Audio-Engine. Besonders über das Headset habt ihr wahrscheinlich noch nie so einen mächtigen, voluminösen oder klaren Klang wahrgenommen. Ihr könnt unvorsichtige Gegner schon an ihren Schritten erkennen, bevor ihr sie überhaupt sehen könnt. An euch vorbeizischende Kugeln schüchtern euch ein, denn allein das unangenehme Geräusch signalisiert euch, dass ihr so etwas besser nicht mit eurem Körper abfangen solltet. Und die Luftangriffe zerbersten neben euch dermaßen laut, dass ihr zucken müsst.

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CoD Modern Warfare: Alle Waffen mit Liste und Stats

Daneben überzeugen Missionsareale, die deutlich offener sind, als die Schlauchlevels aus den Vorgängern. Diese gibt es hier zwar auch, aber nicht mehr ganz so häufig. Das stellt euch dann unweigerlich vor gewisse Herausforderungen: Wie geht ihr vor, wenn sich der Feind durch ein dicht bewachsenes Feld eurer Stellung nähert? Bleibt ihr auf dem Dach mit eurem Scharfschützengewehr? Geht ihr nach unten in den Nahkampf mit dem Sturmgewehr? Werft ihr erst mal Granaten? Eure Entscheidung.

Wo wir gerade bei Entscheidungen sind: In den Zwischensequenzen kommen erstmalig in der Call-of-Duty-Reihe Antwortmöglichkeiten vor. So könnt ihr in einem Verhör dafür sorgen oder Schuld daran sein, dass eine andere Person überlebt oder nicht. Das beeinflusst zwar nicht das Ende der Kampagne, aber es gibt nach solchen Momenten verschiedene, kleine Abzweigungen in der Handlung.

Düstere Schock-Momente

Was auf jeden Fall ein sensibles Thema ist, sind die in die Kampagne eingebauten Schock-Momente. Nicht etwa Gruselpassagen, sondern Szenen, in denen Soldaten innerhalb kürzester Zeit Entscheidungen über Leben oder Tod treffen müssen. Das Spiel wirft euch immer wieder in solche Momente, die laut Aussage des Entwicklers in Zusammenarbeit mit Ex-Soldaten entstanden sind. Manche mögen nun behaupten, dass das nur dazu dient, Aufsehen zu erregen. Wir hatten beim Testen das Gefühl, dass die Szenen sehr hart und auch unmenschlich sind, jedoch – leider – in den Kontext und unsere heutige Welt passen. Ob ihr so etwas in einem Videospiel sehen möchtet, muss jeder von euch für sich selbst entscheiden.

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Insgesamt kommt das Spiel erwachsener, düsterer und taktischer daher. Neben den brisanten Terror-Themen, sorgen dafür vor allen Dingen die unterschiedlichen Locations wie dunkle Wälder, ein zu infiltrierendes Haus oder eine Nacht- und Nebelaktion auf feindlichem Gebiet. Auch die Gegner wirken durch ihre hohe Treffgenauigkeit – besonders auf einem höheren der fünf Schwierigkeitsgrade – sehr bedrohlich. Es funktioniert auch nicht mehr, durch die Tür eines Kellerraums voller Gegner zu platzen. Stattdessen könnt ihr die Tür nun langsam öffnen, eure Waffe via Knopfdruck am Türrahmen abstützen und langsam hereinspähen.

Neben all den Neuerungen gibt es eigentlich nur zwei Mini-Kritikpunkte: Nach wie vor ereilen euch in der Kampagne unerklärliche Bildschirmtode. Ihr könnt einfach nicht nachvollziehen, warum ihr gestorben seid, was in dem Gewusel auf dem Bildschirm aber wiederum in Bezug auf „Krieg“ nachvollziehbar ist. Und ganz selten gibt es kurzzeitige Trial-and-Error-Momente, bis ihr eine Stelle geschafft habt.

Mehr Spieler, mehr Spaß

Wie nahezu alles im Spiel, überzeugen auch die Mehrspieler-Modi. Allen voran „Gunfight“, eine zwei-gegen-zwei-Variante, in der ihr mit vorher vom Spiel festgelegten Loadouts in den Kampf auf sehr kleinen Karten zieht. Die intensiven Kämpfe sind kurzweilig, überzeugen durch die Chancengleichheit aufgrund der vorgegebenen Waffen und der abwechslungsreichen Maps, die vom Waldstück, über Waschräume in einem Arbeitslager bis hin zu einem Mini-Hafengebiet reichen.

Was im Multiplayer besonders hervorsticht, ist die Möglichkeit des punktgenauen Zielens, dank der sensiblen und sehr facettenreich zu konfigurierbaren Steuerung und dem damit verbundenen, exakten „Aiming.“

Der Battle-Royale-Modus „Blackout“ aus dem Vorgänger fehlt, dafür gibt es jetzt „Ground War.“ 64 Spieler kämpfen in zwei Teams darum, fünf Punkte auf der Karte einzunehmen und zu verteidigen. Die großen Schlachten unterhalten auch dank der steuerbaren Fahrzeuge wie Jeeps oder Panzer. Auch Hubschrauber sind steuerbar. Dennoch verkommt der Modus mit Einzelgängern oftmals zu einem Kampf gegen Windmühlen, weil ihr jederzeit und jederorts von 32 Gegnern getötet werden könnt.

Kein Season-Pass und keine Loot-Boxen mehr

Es ist immer schön zu sehen, wenn Publisher und Entwickler den Spielern zuhören. So geschehen bei Call of Duty: Modern Warfare, denn es gibt weder einen Season-Pass, noch Loot-Boxen im Spiel. Darauf haben die Spieler in den Vorgängern extrem negativ reagiert, besonders weil neue Mehrspielerkarten nicht kostenlos waren. All das ändert sich jetzt. Dennoch gibt es einen Battle-Pass und einen Ingame-Store, die allerdings nur kosmetische Verbesserungen beinhalten und anbieten.

Ebenfalls neu: das Spiel unterstützt Cross-Play, ihr könnt also über Systemgrenzen hinweg mit euren Freunden spielen. Wo wir gerade bei „Cross“ sind: auch jeglicher Spielfortschritt wirkt sich positiv auf euer Charakterlevel aus, unabhängig vom Spielmodi. Maximal erreicht ihr dieses Mal wieder Level 55.

Natürlich gibt es auch nach wie vor die klassischen Spielmodi wie „Free for All“, „Team-Deathmatch“ (jetzt auch mit 20 Spielern pro Karte) oder „Domination.“ Aus dem Vorgänger haben es „Kill Confirmed“ und „Search & Destroy“ geschafft. Dazu gesellen sich auch neue Spielmodi, wo „Cyber Attack“ durch das Legen oder Entschärfen einer Bombe an „Counter-Strike“ erinnert.

Ein Koop-Modus für alle, ein anderer exklusiv für PS4

Der dritte große Menüpunkt hört auf den Namen „Koop.“ Dahinter verstecken sich die Special-Ops-Missionen. Mit bis zu vier Spielern könnt ihr Koop-Missionen erfüllen und dabei Gegnerwellen bekämpfen.

Zeitexklusiv für die PS4 gibt es für ein Jahr den Special-Ops-Survival-Modus, dem Pendant zu dem bei Fans beliebten Zombie-Modus. Gegnerwelle um Gegnerwelle gilt es als vierköpfiges Team zu überstehen.

Call of Duty: Modern Warfare - Spezialeinheit-Modus Trailer.

Beide Modi spielen sich extrem herausfordernd, ja sogar extrem schwer. Pro Mission solltet ihr zwei Stunden einplanen, bis ihr überhaupt in die Nähe eines Erfolges kommt. Gleichzeitig motiviert das aber auch, dran zu bleiben und besser zu werden.

Call of Duty: Modern Warfare bekommst du im Moment auf

Fazit

Wo soll ich anfangen? In nahezu jedem Bereich macht Call of Duty: Modern Warfare einfach alles richtig. Die Kampagne ist eine gelungene Mischung aus altbewährtem und sinnvollen Neuerungen, die den schmalen Grat meistert, alte CoD-Hasen, aber auch Neulinge gleichermaßen zu begeistern. Dazu gesellt sich ein Multiplayer mit genialem Aiming, neuen und zahlreichen Mehrspielerkarten und absoluter eSport-Tauglichkeit. Zu guter Letzt ergänzt der Koop das Spiel um eine Mischung aus den beiden anderen Modi. Kurzum: Call of Duty: Modern Warfare ist für mich das seit Jahren stärkste Spiel der Serie. Punkt.

Wird euch gefallen, wenn ihr schon mal einen Ego-Shooter gespielt habt und auf brachiale Action steht.

Wird euch nicht gefallen, wenn euch nur ultra-realistische Taktik-Shooter gefallen oder ihr tiefgehende RPG-Elemente voraussetzt.

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