Need for Speed Heat – Der 2-in-1-Racer im Test

Alex Duk

Das neue Need for Speed ist da und hört auf den Namen Heat. Wie sich das Game spielt, hat Redakteur Alex Duk für euch getestet. Lest selbst, wie es abschneidet.

Als ich noch ein kleiner Bengel war und Center Shock kauend auf dem Schulhof Yu-Gi-Oh-Karten getauscht habe, gab es ein Spiel, das omnipräsent war und all meine Freunde zu Zockern gemacht hat: nämlich Need for Speed: Underground. Von dieser Magie war einige Jahre später nicht mehr viel übrig. Die Reihe hat ihre Seele verloren. Nicht umsonst erschafft EA im Jahre 2015 ein Reboot der Serie im Stil der goldenen Zeit, um die Fans von damals anzulocken. Need for Speed Heat ist der dritte Versuch die enttäuschte Meute zu beruhigen. Damit ist es teils sogar erfolgreich. Teils.

So sieht das Gameplay in Bewegung aus.

Need for Speed Heat - Offizieller Gameplay-Trailer.

2 … 1 … Risiko!

Im Kern verfolgt Need for Speed Heat eine neuartige und interessante Idee, die mich an Brettspielregeln erinnert. Wie auch im echten Leben braucht man die nötigen Moneten, um weit zu kommen. Diese erhaltet ihr bei legalen, abgesperrten, verkehrsbefreiten Straßenrennen in der gut belichteten Mittagszeit – damit bloß keine Zivilisten zu Schaden kommen. Wenn sich das Geld irgendwann bis zur Decke stapelt, könnt ihr euch mit  neuen Autos und Upgrades eindecken und den Wohlstand genießen, richtig? Falsch! Denn ohne den nötigen Respekt auf der Straße geht bei Need for Speed Heat nichts.

„Reputationspunkte“ schalten neue Wagen und Upgrades überhaupt erst frei, die ihr daraufhin mit Geld kaufen könnt. Diese erhaltet ihr bei illegalen Straßenrennen und - wie könnte es nur anders sein - durch Verfolgungsjagden mit der Polizei. Straßenrennen gehen oftmals nicht ohne Polizisten im Rücken aus. Hier zeigt sich titelgebende Kernseite des Spiels. Bei längeren Verfolgungsjagden und einigen Polizeiwagen auf dem Gewissen steigt der Heat-Level von 1 auf bis zu 5 und dient als Multiplikator für die Reputationspunkte. Lässt man sich jedoch von der Polizei erwischen, ziehen sie einen großen Teil deines Geldes ab und auch der Multiplikator verschwindet im Wind.

So wird die Nacht immer zu einem Abwägen der Möglichkeiten. Lasse ich mich in eine nächtliche Verfolgungsjagd ein und vervielfache meine Reputationspunkte, riskiere aber den Verlust meines Geldes? Oder gehe ich auf Nummer sicher und ziehe mich nachts schnell zurück, bevor ich in eine Verfolgungsjagd gerate, aus der ich vielleicht nicht mehr entkommen kann? Eine spannende Prämisse wie ich finde. Und auch für Nicht-Rennspiel-Liebhaber ein Prinzip, das Interesse weckt, weil es mehr Poker als Autorennen ist. Nur leider ist die Umsetzung nicht ganz so gelungen, wie ich es mir erhofft habe.

Das Gameplay im Tageslicht

Fangen wir bei dem Tagesteil des Spiels an. Tagesrennen ploppen relativ willkürlich auf der offenen Weltkarte auf und unterscheiden sich im Schwierigkeitsgrad und der Route. Entweder im Rundkurs oder als Sprint – später werden unter anderem noch Drift- und Zeitkurse untergemischt. Aber trotz der vielen Rennen fühlt sich die Welt oft recht leblos und austauschbar an, trotz stark verbesserter Grafik.

Und obwohl ich verschiedene Rennen fahre, fühlt es sich manchmal so an, als hätte ich mehrmals dasselbe gefahren. Geld verdienen wird dadurch auf Dauer eher zur Last als zum abwechslungsreichen Spaß. Vor allem dann, wenn ich mit dem ersten Platz kaum mehr Geld verdiene als mit dem dritten. Zudem gilt das Event so oder so als „Abgeschlossen“ – egal wie ich mich anstelle.

Die Fahrphysik an sich ist jedoch gut gelungen und fühlt sich vor allem im späteren Spielverlauf mit fortgeschrittenen Upgrades geschmeidig an. Wie schon erwähnt gefällt mir vor allem die Optik. Sonnenstrahlen gleißen durch den Wald, Regenschauer sind eindrucksvoll und kreieren Pfützen, die den Himmel mit hohem Detail reflektieren. Und bevor wir in die Nacht gehen, möchte ich die Anpassungsmöglichkeiten der Autos loben.

Hier ist viel Spielerei möglich und vor allem in Sachen Lackierung ist prinzipiell alles möglich. Für die Unkreativen unter uns können Autodesigns unkompliziert aus der Community heruntergeladen werden. Hier ist der Geist der Underground-Teile in Gänze spürbar. Vor allem wenn sich die farbige Neonunterbeleuchtung in der feuchten Straße spiegelt.

Mit diesen Fahrzeugen könnt ihr im Spiel herumrasen.

Bilderstrecke starten(128 Bilder)
Need for Speed Heat: Autos - alle 127 Fahrzeuge mit Liste und Bildern

Raserei in der Nacht

Entscheidet ihr euch in der Nacht zu rasen, beginnt die Jagd nach Reputation. Events sind hier genauso willkürlich und genauso ähnlich - nur dass sich die Polizei gerne mal einmischt. Das Problem mit der Polizei ist leider, dass ihr dieser, vor allem in den Anfängen des Spieles, kaum entkommen könnt. Mittel zum Abhängen der Polizei beschränken sich zum Großteil aufs Rammen. Die Aktion, sich in Gassen zu verstecken und den Motor auszustellen, führt oft mehr zu Frust als zu einem Erfolgserlebnis.

Attraktive Hindernispunkte wie in Most Wanted oder EMP-Waffen wie in Hot Pursuit sucht ihr leider vergeblich. Gerade wenn EA mit einem ausgefleischten Polizeisystem wirbt, möchte ich auch, dass sich dahinter ein komplexeres System verbirgt, in das ich Zeit investieren kann. Ansonsten ist die Polizei nur lästig. Aufgrund des hohen Schwierigkeitsgrades, habe ich mich oft mit einem Heat-Level von 2 zufrieden gegeben, weil ich wusste, dass das Risiko darüber hinaus zu hoch ist.

Anstatt sich das Geld und die Reputationspunkte in den genannten Aktivitäten zu verdienen, dürft ihr euch auch an den unzähligen Collectibles die Zähne ausbeißen. Das reicht von Punkten, die mit einer bestimmten Geschwindigkeit überfahren werden müssen, über Sprungrampen bis zu Glasflamingos, die überfahren werden müssen. Damit schaltet ihr neue Ausrüstung frei. Ja, Glasflamingos. Der Absurditätslevel von Alan Wakes 100 Thermoskannen, die willkürlich im Wald platziert sind, ist hiermit übertroffen. Glückwunsch! Ein netter Zeitvertreib, aber auf Dauer eher Open-World-Masse, um die Spielzeit zu verlängern. So dringend brauche ich die dunkeltürkisen Xenon-Scheinwerfer dann doch nicht.

Der Teufel steckt im Detail

In Punkto Künstlicher Intelligenz (KI) gibt es in den meisten Fällen nur zwei Situationen: Entweder ich bin permanent erster, bis ich in der letzten Runde den letzten Platz überhole. Oder ich fahre fast perfekt auf dem zweiten Platz und hole den Fahrer vor mir mit besten Mitteln nicht ein. Letzteres ist vor allem in Story-Missionen ein Ärger. Apropos Story-Mission: Wenn ich eine starte muss ich vorher dem Questgeber bis zu 2 Minuten im gefühlten Schritttempo durch die Stadt folgen. Ist das nicht eine Situation, die alle Gamer hassen? Weiß das EA nicht? Wer hat das geprüft? Fragen nicht nur von mir, sondern auch aus unserer Redaktion. Raus damit! Bitte! Dabei unterscheiden sich die Story-Missionen nicht einmal von normalen Rennen - außer, dass ich mit coolen Sprüchen vollgequatscht werde.

Und wo ich schon am Meckern bin noch einige kurze Gedanken: Die Musik ist Müll. Ja, ist subjektiv. Aber wenn es so eine Reaktion in mir auslöst, dass ich nach fünf Spielstunden die Musik komplett ausschalte, dann wünsche ich mir Radiosender nach Genre wie in Forza Horizon oder GTA. Man kann nicht erwarten, dass jeder Need-for-Speed-Spieler den neusten Trap-Pop-RnB-Tracks hinterherläuft und abfeiert. Und übrigens: Die Handlung ist keine Katastrophe, kein Christopher Nolan. Die Charaktere bewegen sich sogar recht hübsch und sind ordentlich synchronisiert. Weniger Fist Bumps sind auch ein gutes Zeichen. Mehr erwarte ich von einem Rennspiel auch nicht.

Fazit zu Need for Speed Heat

Das ganze Gemeckere kommt aus einer Enttäuschung in mir, dass EA die Vollkommenheit der Underground-Teile einfach nicht wiederfindet. Die Probleme von Need for Speed Heat sind einfach zu lösen. Was fehlt sind die Monate an Testzeit und die Menschen, die die Elemente des Spiels kritisch hinterfragen, bevor sie durchgewunken werden. Die Ideen des Spiels ergeben Sinn und hören sich gut an, scheitern aber an der Umsetzung. Trotzdem hatte ich einige spannende Rennen in hübschen Nächten mit angenehmem Fahrgefühl, die ich nicht missen möchte. Ich wünschte nur, dass es bei jedem Rennen so gelingen würde.

Need for Speed ist eine starke Franchise, die nichts auf einem Gaming-Fließband zu suchen hat. Der dritte Teil seit dem Reboots schafft Probleme ab, die „Need for Speed“ und „Need for Speed Payback“ hatten, schafft aber genauso viele neue – diesmal an anderer Stelle. Ich frage mich langsam, wann sich die Spirale löst – wahrscheinlich mit etwas mehr Zeit für den nötigen Feinschliff. Need for Speed ist in need for slow.

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Need for Speed Heat wird euch gefallen, wenn euch ein gutes Fahrgefühl in einem Arcade-Racer wichtig ist und ihr gerne viel Zeit damit verbringt, eure Autos anzupassen und zu individualisieren.

Need for Speed Heat wird euch nicht gefallen, wenn ihr mit jedem Rennen ein spannendes Kopf-an-Kopf-Rennen und eine gute Rennsimulation erwartet, ob legal oder illegal.

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