Sea of Solitude im Test: Wie gehst du mit Schmerz um?

Franziska Behner

Sea of Solitude warnt zu Beginn des Spiels davor, dass sie psychisch belastende Themen ansprechen - zu Recht! Wir haben uns in die Gefühlswelt von dem Mädchen Kay geworfen und verraten dir in unserem Test, ob es uns gefallen hat.

In Sea of Solitude dreht sich alles um die weniger schönen Seiten des Lebens: Verzweiflung, Angst, Mobbing und all die Gefühle, die das schwarze Monster in dir füttern. In der Haut von Kay wirst du tief in ihr Inneres eintauchen und erleben, wie stark sich Gefühle auf alles auswirken können, was dich umgibt.

Kay befindet sich während des Spiels nicht in der realen Welt. Als dunkle Gestalt mit strahlend rot-orangenen Augen bewegt sie sich verloren durch eine Großstadt, die nahezu komplett unter Wasser steht. Das kleine Mädchen kann über die Dächer der Gebäude springen und weitere Strecken mit ihrem Boot zurücklegen. Ihr Wasserfahrzeug ist der einzige treue Begleiter auf der gut vier Stunden umfassenden Reise durch Kays Gefühlswelt, den du haben wirst. Es spendet dir immer Licht und beschützt dich so vor dem Bösen.

Monster aus Erinnerungen

Welches Böse in den Gedanken von Kay herrscht, das ihr gefährlich werden kann, fragst du? Das wirst du gemeinsam mit Kay herausfinden und dabei in viele brenzlige Situationen geraten. Menschen aus ihrer Vergangenheit und Gegenwart manifestieren sich in dieser Gedankenstadt zu schwarzen Monstern. Sie stellen sich Kay in den Weg und greifen sie sogar an, wenn du nicht vorsichtig bist. Auf ihre schreckliche Art und Weise sind sie wunderschön. Das liegt zuweilen auch an dem malerischen Grafikstil, mit dem Sea of Solitude ab der ersten Minute begeistert.

Alles wirkt wie auf einem Aquarellgemälde: So schön, so unschuldig. Doch lass‘ dich von dem Schein nicht trügen, denn innerhalb weniger Sekunden können sich Licht und Schatten gänzlich verändern. In gefährlichen Situationen schlägt das Wetter völlig um und die Welt um Kay herum versinkt in Dunkelheit. Auch das Wasser steigt weiter und bietet dem jungen Mädchen immer weniger Möglichkeiten, um sich fortzubewegen.

„Ich hasse dich!“

Eine Stadt im Wasser, völlige Dunkelheit und schwarze Monster, die mit ihren leuchtenden Augen kaum von Kay lassen können: Eine beängstigende Situation, die von der sich immer wieder ändernden Musik unterstrichen wird. Damit du nicht völlig im Dunklen stehst, schenkt dir eine geheimnisvolle Gestalt aus Licht direkt zu Anfang des Spiels eine Gabe. Aus der linken Hand von Kay schießt ein Lichtimpuls, der für ganz kurze Zeit etwas Licht spendet und dir immer den richtigen Weg weist. Eine richtige Karte der Umgebung, um das Areal abzuschätzen, gibt es nämlich nicht. Dafür finden sich hinter Mauern und auf Schornsteinen kleine Sammelgegenstände, die zusätzliche Trophäen und kleine Story-Schnipsel liefern.

Nutzt du deinen kleinen Wegweiser aus Licht, flüstert eine leise Stimme jedes Mal: „Ich hasse dich“ in englischer Sprache. Obwohl Jo-Mei Games ein Entwicklerstudio aus Deutschland ist, haben sie sich dazu entschlossen, lediglich eine englische Synchronisation zu verwenden. Es gibt zumindest deutsche Untertitel, um die Gefühlswelt und die Dialoge von Kay besser zu verstehen. Für den internationalen Markt ist diese Entscheidung sicher nachvollziehbar, jedoch hat es einen faden Beigeschmack, als ein deutsches Studio keine passende Sprachausgabe zu liefern.

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Eine Gedankenwelt voller Rätsel und Aufgaben

Doch wohin geht die Reise eigentlich? Der kleine Lichtimpuls weist dir immer nur den Weg zu deiner nächsten Aufgabe. Sei es das Überwinden von Hindernissen oder das Finden von Silhouetten, die von Kay befreit werden müssen. Das innere Licht des jungen Mädchens ist nämlich gefangen von finsteren Gedanken. Nur, wenn du dich ihnen mutigen Schrittes stellst, werden sie in den orangenen Rucksack gesaugt und befreien das hell leuchtende Objekt. Kay kann sich mit dieser Lichtgestalt verbinden, um einen Strahl heller Energie gegen den Feind zu schießen und ihn zu besiegen.

Wer genau Kays Feinde sind, wird nicht direkt gesagt. Du bekommst auch keine Lebensanzeige wie in anderen Spielen. In Sea of Solitude wird alles über die Bildsprache erzählt und mit den passenden Dialogen untermalt. So ist schnell klar, dass der große Monstervogel mit dem traurigen Blick Kays kleinen Bruder darstellt, der in der Schule schwer gemobbt wird. Seine große Schwester hat ihm damals gar nicht zugehört und so musste der Junge die Tortur ertragen und herunterschlucken.

Schmerzen und Angst erleben

Kay erlebt in ihrer Gedankenwelt den Schmerz ihres Bruders, während sie in einer simulierten Schule von Tisch zu Tisch springt, um den Mobbern zu entkommen. Sie beschimpfen das Mädchen und verfolgen sie in der Dunkelheit. Lässt du Kay hier zu lange in der Finsternis stehen, werden die Gestalten deine Reise beenden. Dank häufiger Speicherpunkte vor nahezu jedem Teil der häufig vorkommenden Rätsel- und Plattformer-Passagen ist das aber nur halb so schlimm. Eine große Herausforderung sind sie generell nicht, wenn du gut mit der Steuerung zurecht kommst.

Ein einsames Mädchen mit ihrem Boot.

Sea of Solitude – Trailer zum Launch.

Da jede Situation vorgeschrieben und mit konkreten Geschehnissen untermalt ist, bleibt dir nicht viel Spielraum für eigene Interpretationen. In Sea of Solitude geht es nicht um allgemeine Gefühle oder die Möglichkeit, sich in die Situation hinein zu fühlen und die eigenen Erfahrungen zu verarbeiten. Du folgst hier strikt der Geschichte von Kay – mit all ihren Höhen und Tiefen. Jo-Mei Games schreibt dir vor, welche Schwingungen du empfinden sollst und gehen mit den Dialogen auf Nummer sicher, dass auch wirklich jede Situation so verstanden wird, wie sie es sich mit ihrer Bildsprache vorstellen.

Rätsel, die keine großen Aufgaben sind

Auch bei den Rätseln dreht sich alles um Dunkelheit und Licht. Die Aufgaben sind sich alle recht ähnlich und leicht zu bewältigen. Das hat Vor- und Nachteile. Ein Spiel, das zu leicht ist, fordert Spieler nicht heraus und lässt schnell Langeweile aufkommen. Deshalb ist es gut, dass Sea of Solitude nur wenige Stunden lang ist. Würdest du hingegen immer wieder an starken Endgegnern und Sprungpassagen scheitern, könnte die Geschichte und ihre getragenen Emotionen leiden. Denn während du dich durch die Traumwelt bewegst, werden die ausdrucksstarken Bilder zusätzlich mit Erzählungen, Rückblenden und den Gedanken von Kay wörtlich untermalt. Immer und immer wieder die gleiche Textzeile zu hören, könnte unter Umständen das umfassende Gefühl des Spiels beeinträchtigen.

Unterstützt wird die Kombination aus Bildsprache und Dialog noch durch die Aufgaben in den einzelnen Kapiteln. So zieht es sich wie ein roter Faden durch das komplette Spiel, dass die Monster der Finsternis anfällig gegen Licht sind. Es liegt also auf der Hand, die Gestalten mit kleinen Tricks in die Helligkeit zu locken und sie so zu besiegen.

Die Frage ist: Wird Kay es schaffen, auch aus der Finsternis zu treten und und wieder Licht in ihr Herz zu lassen oder wird sie gefressen von Gefühlen wie Trauer, Angst und Einsamkeit?

Echte Gefühle von echten Menschen

Nichts wiegt schwerer als das Schicksal von Menschen. Um die Geschichte von Kay so realistisch und echt wie möglich darzustellen, hat sich CEO und Creative Writerin Cornelia Geppert in ihrem Umfeld umgehört. Wie sie selbst sagt, ist Sea of Solitude ihr wohl bisher persönlichstes Werk. Es falle auch ihr manchmal schwer, eigene Empfindungen auszuloten und Ängste, Sehnsüchte und Frustration zu händeln.

Gleichzeitig ist es erfüllend, diesen Emotionen mit den Mitteln der Kunst Ausdruck zu verleihen und sie den Menschen zu zeigen.

Sea of Solitude ist das zweite Werk des Studios Jo-Mei Games aus Deutschland. Sie gehören zum EA Originals-Programm, das versucht, kleine Indie-Entwickler mit großen Visionen Gehör zu verschaffen. Zuvor haben sie an einem ähnlich gefühlvollen Spiel gearbeitet: Fe.

Wird dir gefallen, wenn du Spiele magst, die ernste Themen ansprechen.

Wird dir nicht gefallen, wenn du während des Spielen dein Gehirn abschalten willst.

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