Telltale hat es verdient, zu sterben [Kolumne]

Marina Hänsel 1

Großvater Telltale gehört zu den ikonischsten Geschichtenerzählern unserer Generation. Ungeachtet allem, was wir von dem Team hinter The Walking Dead kennen, begann der Entwickler sein kümmerliches Dasein mit Telltales Texas Hold’em (2005) – mit CSI: Crime Investigation (2006) – mit Tales von Monkey Island (2009) – mit Jurassic Park: The Game, 2011, gefolgt von Law & Order: Legacies. Ich habe nicht ein Spiel davon auch nur angefasst, aber es sind alles Brotkrumen, angehäuft von einem Bettler im Videospiel-Universum, der zu Ruhm kommen wollte; der Hollywoods Späne aufsammelte und versuchte, sich daraus eine Papphütte zu basteln.

Es wäre vielleicht besser, wenn The Walking Dead: The Final Season nie von Telltale beendet wird:

The Walking Dead - Die letzte Staffel - Offizieller Trailer.
Hinweis: Dieser Artikel ist ein Meinungsartikel, der den Standpunkt unserer Redakteurin widerspiegelt und nicht zwingend der Meinung der gesamten Redaktion entsprechen muss. Er erhebt keinen Anspruch auf eine universell gültige Wahrheit und deckt sich vielleicht nicht mit deinen eigenen Vorstellungen.

Dann, ein Jahr später, lag Telltales komplette Staffel The Walking Dead unter dem Weihnachtsbaum. Nun, wie du vielleicht anmerken wirst, haben wir eine recht hastige Reise durch Großvaters Leben genommen, aber lass uns noch einmal den Hyperantrieb anwerfen: Sieben Jahre nach The Walking Dead und mindestens sechs Tage bevor du das hier liest, wirft Telltale seine Mitarbeiter auf die Straße und schließt die Pforten. Einfach so. Warum?

Du magst anmerken, dass du bereits weißt, warum: Weil die letzten Tellgeschichten irgendwie doof waren, weil du nach The Walking Dead und The Wolf Among Us kaum noch etwas vom Entwickler gehört hast. Aber Telltale hat nicht geschlafen; tatsächlich hat das Studio 14 weitere Spiele in diesen 7 Jahren auf den Markt geschossen. 14 Spiele und zwei Folgen von The Walking Dead: The Final Season, deren erste ich sehr mochte.

Ich liebte Telltale …

Unser guter Großvater hat getan, was er konnte und auf dem Weg vom Karten-Dealer zum Geschichtenerzähler hat er ganz nebenbei ein Sub-Genre revolutioniert: Telltales liebstes war es immer, uns die besten Geschichten zu erzählen – mit Entscheidungen, die uns ebenso wehtun, wie sie uns gefallen; die uns bereuen und weinen lassen; also, die scheinbar Gewichtung haben, auch wenn sie nichts bedeuten. Ich liebte sie. Und ich liebte The Walking Dead, Staffel egal, ebenso wie Telltales Game of Thrones. The Walking Dead war das erste seiner Art, das mir in die Hände fiel, wenngleich es nicht als erstes seiner Art auf den Markt gekrabbelt ist – Uropa Quantic Dream drückt sicher ein Auge zu.

Clementines Reise durch das Reich der Untoten gehört zu den wichtigsten Spieleerfahrungen, die ich Anfang meiner 20er erleben durfte; sie gehört zu den emotionalsten Szenarien, die ich durchlaufen durfte. Und keines der darauffolgenden Telltale-Spiele schaffte es, daran anzuknüpfen. Keines, bis auf Game of Thrones – vielleicht. Warum?

Du wirfst jetzt wohl ein, dass du sehr wohl weißt, warum: Weil Telltale sich nie weiterentwickelt hat. Weil in Spiel auf Spiel auf Spiel dieselben Charaktere zu sprechen schienen, verbaut in Geschichten, die auf ähnlichen Entscheidungen basierten, mit fast gleichem Gameplay. Natürlich hast du Recht: Ein gut inszeniertes Szenario funktioniert ein-, zwei- und vielleicht auch dreimal gut, aber ohne Fortschritt gibt es Stillstand und der tut keiner Spiele-Serie gut. Außer natürlich FIFA.

Telltale wurde repetitiv. Telltale graste über Film- und Comic-Weiden, auf denen eine hungrige Herde Fans wartete, immer auf der Suche nach neuen Absatzmärkten, immer auf der Suche nach den saftig-frischen Geldscheinen der Fandoms. So schön es für den ein oder anderen gewesen sein mag, seinen Lieblingscomic endlich spielen zu dürfen: Telltale tat nichts unüberlegt, nein, Telltale begann seine Karriere mit dem ernten von Fandoms und es schloss sie damit auch ab. Nicht, dass es schlimm gewesen wäre.

Tatsächlich schlimm gewesen ist dagegen die Art, mit der Telltale seine Mitarbeiter behandelte. Eine Art, die Entwickler, Autoren und Game-Designer dazu brachte, regelmäßig das Studio zu verlassen. Bis heute, bis Telltale 275 Mitarbeiter auf die Straße wirft und das, ohne für sie im Nachgang sorgen zu können. Ohne Abfindung. Das ist schlimm. Das ist schlimmer, als auf ein nostalgisches Ende in The Walking Dead: The Final Season verzichten zu müssen.

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Telltale Games: Alle Spiele in der Übersicht!

… bis es sich selbst umbrachte

Es brach mir ein bisschen mein Herz, als ich merkte, wie repetitiv die Genialität in The Walking Dead behandelt wurde. Wie selbstsicher Telltale mit ein und demselben Konzept wieder und wieder voranschritt. Sie ebneten sich selbst den Weg in den Abgrund, tiefer und tiefer hinab, während sie sich wie ein panisches Tier an ihrem Erfolg festbissen; etwas, das nie gut ausgeht.

Was jedoch wirklich wehtut sind nicht die Spiele, die Großvater Telltale eins nach dem anderen abgefeuert hat, sondern das Konzept dahinter: Ein Melken der Fandoms ohne Rücksicht auf Verluste und das bis zum bitteren Ende – die Geschichte von Clementine, so munkelten einige, wollte das Studio nun doch noch beenden, trotz der finanziellen Probleme. Warum?

Wir wissen es doch alle: Damit noch ein letztes Mal an den Zitzen der Fans gesaugt werden kann; damit jene, die momentan in den oberen Positionen des Studios schwitzen, heil davonkommen.

Telltale wird diese letzte Staffel mit Clementine womöglich nicht beenden können. Doch wenn sie es tun; wenn sie ihre letzten Mitarbeiter an die Leine nehmen und mit Peitsche in der Hand arbeiten, arbeiten, arbeiten! rufen, ist es an dir, ebenso eine Entscheidung zu treffen: Patrick Klepek vom Vice-Magazin Waypoint rief gestern Abend alle The Walking Dead-Fans dazu auf, die Portemonnaies verschlossen zu halten, selbst wenn Telltale die nächsten Episoden der Final Season auf den Markt wirft. Solange, bis das Studio für jene sorgt, die momentan auf der Straße sitzen und ihre Miete nicht bezahlen können.

Und jetzt, jetzt stehe ich an Telltales Sterbebett und ich denke daran, wie schön die Geschichten waren, die mir das Studio die letzten Jahre über zuflüsterte. Ich denke daran, welche Erinnerungen ich damit verbinde, welche Diskussionen ich mit Freunden geführt habe und, schließlich, welchen Einfluss The Walking Dead auf das Genre der narrativen Geschichten hatte. Telltale war wichtig. Aber es fällt mir im Zuge der Ereignisse nicht schwer, Lebewohl zu sagen: Denn Telltale, so hart es klingt, hat es verdient zu sterben.

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