Apple greift hart durch: Warum bei Facebook Chaos ausbricht und Google sich entschuldigen muss

Stefan Bubeck 3

„Das ist wahrscheinlich eines der schlimmsten Dinge, die dem Unternehmen intern passieren konnte,“ so ein Facebook-Mitarbeiter über die Tatsache, dass zahlreiche interne Apps des Social-Media-Riesen plötzlich nicht mehr funktionieren. Dahinter steckt ein anderer Tech-Gigant: Apple hat einfach den Stecker gezogen.

Apple greift hart durch: Warum bei Facebook Chaos ausbricht und Google sich entschuldigen muss
Bildquelle: Justin Sullivan / Getty Images.

Update vom 01.02.2019: Keine Gnade, auch nicht für Google. Ebenso wie bei Facebook hat Apple auch Google das Enterprise Zertifikat entzogen und so für einige Stunden mehrere interne Apps lahmgelegt, wie unter anderem Techcrunch berichtet. Betroffen sind davon Vorabversionen (Gmail, Google Maps etc.) sowie nur für Mitarbeiter bestimmte Anwendungen wie eine Gbus-App für den Verkehr und die interne Café-App von Google. Mit rund 94.000 Mitarbeitern ist die Belegschaft von Google deutlich größer als die von Facebook (rund 35.000).

Apples „App-Sperre“ weilte bei Google aber nur kurz – wie der Bloomberg-Reporter Mark Bergen berichtet, wurde die Funktionalität bereits wieder hergestellt. Zuvor ließen Apple und Google verlautbaren, dass man unter Hochdruck an einer gemeinsamen Lösung der Situation arbeite. Auch bei Facebook laufen die Apps nun wieder, wie Ars Technica berichtet.

Damit ist das Thema allerdings noch lange nicht vom Tisch, denn auch andere bekannte Vertreter der IT-Branche haben sich nicht besser verhalten als die beiden Tech-Giganten Facebook und Google: Wie der iOS-Entwickler Alex Fajkowski anmerkt, haben auch der E-Commerce-Konzern Amazon und der Multiroom-Lautsprecherhersteller Sonos Beta-Versionen ihrer iOS-Apps an die Öffentlichkeit herausgegeben, obwohl Apple diese Praxis untersagt.

Originalartikel:

Die aktuelle Stimmung in der Facebook-Zentrale ist mies. Vorab-Versionen der Facebook-App, von Instagram, des Messengers und dazu eine Hand voll anderer für interne Zwecke bestimmte Apps funktionieren seit dem 30. Januar schlagartig nicht mehr. Die Folge: Bei Facebook herrscht Chaos, denn die Mitarbeiter können grundlegende Aufgaben ohne diese firmeninternen Werkzeuge nicht mehr erledigen. Sogar Essens- und Transport-Apps sollen betroffen sein, wie The Verge berichtet.

Apple entzieht internen iOS-Apps von Facebook das Zertifikat

Verantwortlich für die Abschaltung der Apps ist Apple, denn bei allen Vorabversionen und Tools handelt es sich um iOS-Anwendungen, die mit einem „Enterprise“-Zertifikat versehen sind. Nun ja – sie waren es, denn Apple hat das Zertifikat entzogen und die Apps so außer Kraft gesetzt, sie lassen sich nun nicht mehr starten. Apples rigoroses Durchgreifen erfolgte offenbar überraschend und ohne Vorankündigung, ist aber durchaus berechtigt – wenn man die ganze Geschichte kennt.

Apple vs. Facebook: Eine freche Verletzung der Nutzungsbedingungen und die Folgen

Der Zertifikatsrückruf seitens Apple ist auf eine Verletzung der Nutzungsbedingungen für das „Apple Developer Enterprise Program“ zurückzuführen, die Facebook begangen hat. Das Programm richtet sich eigentlich an Entwickler, um Apps intern zu testen oder produktiv einzusetzen – beispielsweise Vorab-Versionen von Instagram, die nicht für die Öffentlichkeit bestimmt sind oder eine Company-App für die Kantine.

Wie Techcrunch enthüllte, hat Facebook allerdings abseits davon mit einer App namens „Facebook Research für iOS“ einen fragwürdigen produktiven Einsatz am Laufen gehabt. Gegen bis zu 20 US-Dollar im Monat wurde 13-bis-35-Jährigen die Nutzung der App angeboten, die dafür im Gegenzug vollen Zugriff auf ihren Internetverkehr hergaben – betroffen waren wohlgemerkt nicht Facebook-Mitarbeiter, sondern Nutzer aus der Öffentlichkeit.

Vereinfacht gesagt: Facebook sammelte mutmaßlich Privatnachrichten, Smartphone-Screenshots, Amazon-Bestellverläufe und andere sensible Daten von Freiwilligen ein, die mit einer kleinen Geldsumme entlohnt wurden – dazu wurde das eigentlich nur für interne Zwecke bestimmte „Apple Developer Enterprise Program“ missbraucht. Ein „klarer Verstoß gegen die Vereinbarung mit Apple“, so ein Apple Sprecher über diese als „Sideloading“ bezeichnete Methode, an Apple-Kontrollen vorbei Apps auf iPhones von Nutzern zu bringen. Installiert wurden die Anwendung über Dienste wie Applause oder BetaBound, also ganz ohne Apples App Store, den die Öffentlichkeit normalerweise nutzt.

Der Rückruf des Enterprise-Zertifikats durch Apple ist in Anbetracht der Umstände also eine nachvollziehbare Maßnahme. Allerdings hängt daran mehr als nur die Spionage Facebook-Research-App und das hat weitreichenden Folgen, wie der aktuelle Totalausfall der internen Apps bei Facebook zeigt.

Auch Google hat Apples Regeln gebrochen

Wie CNBC berichtet, hat auch Google eine App an Endnutzer verteilt, die gemäß den Bestimmungen nur für interne Zwecke hätte verwendet werden dürfen. Mittlerweile sei die App namens „Screenwise Meter“ aber deaktiviert.

Google hat sogar bereits den Fehler eingestanden und sich entschuldigt. „Die iOS-App Screenwise Meter hätte nicht unter Apples Entwickler-Unternehmensprogramm laufen dürfen. Das war ein Fehler, und wir entschuldigen uns dafür“, so ein Sprecher von Google. Zugleich wurde betont, man habe „keinerlei Einblick in verschlüsselte Daten“ gehabt. Ob Google ein gnädigeres Schicksal als Facebook ereilen wird, bleibt abzuwarten.

Einordnung: Apple zwingt Facebook und Google aufs eigene Spielfeld

Ebenso abwarten muss man auch mit einer endgültigen Bewertung der aktuellen Geschehnisse, denn normale Nutzer populärer Apps wie Instagram oder Facebook sind von all dem nicht direkt betroffen. Trotzdem sollte man schon einmal grob einordnen, was da passiert und welche Strategie dahinter stecken dürfte.

Apple differenziert sich von anderen IT-Giganten vor allem durch seine strikte Haltung pro Privatsphäre und pro Datenschutz. Geld verdient wird durch Hardware und Dienstleistungen – und nicht durch das Sammeln und Aufbereiten von Nutzerdaten. Apple-CEO Tim Cook betont bei jeder Gelegenheit: „Wir werden nicht mit eurem Privatleben Geschäfte machen“.

Die Strategie ist klar: Die Debatte soll zugunsten Apples verschoben werden. Tim Cook will nicht über Stückzahlen sprechen, sondern über die gesellschaftliche Verantwortung von IT-Konzernen. Durch entsprechende Statements, Werbebanner und „öffentlichkeitswirksame“ Maßnahmen (wie das Lahmlegen interner Abläufe bei Facebook) zwingt Apple seine Marktbegleiter auf ein Spielfeld, wo sie stolpern werden und der Konzern aus Cupertino wie ein Musterschüler dasteht – zumindest, wenn nicht zwischendurch wieder FaceTime kurz Ärger macht.

Wird es Apple tatsächlich gelingen, die Aufmerksamkeit der Medien und auch der Nutzer stärker auf „Schutz der Privatssphäre“ statt „Akkukapazität“ oder „Pixelanzahl“ zu lenken? Ist Apple jetzt der neue Datenschutzbeauftragte von Facebook? Schreibt uns eure Argumente und Gedanken in die Kommentare.

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