Apple fällt zurück: Vom Branchenprimus zum Trittbrettfahrer?

Sven Kaulfuss 28

Apple die Marktmarkt, Apple der Branchenprimus und Innovator. Die kalifornische Firma wird mit wohlgesonnenen Umschreibungen hofiert, als waschechter Trittbrettfahrer tritt der iPhone-Hersteller aber nicht unbedingt in Erscheinung. Und doch gibt’s 5 Exempel an denen erkennbar wird, dass Apple dem Markt hinterherläuft – das streitbare Thema meiner aktuellen Wochenendkolumne.

Apple fällt zurück: Vom Branchenprimus zum Trittbrettfahrer?
Bildquelle: pixabay.

Besser geht’s nicht, könnte man meinen. Apple dominiert in erschreckender Weise die Profitverteilung im Smartphone-Markt und hält den Löwenanteil daran in fester Hand. Auch gibt man die richtigen Anstöße und wird im Detail „kopiert“ – beispielsweise wurde der Notch zum Notch erst durch Apple und nachdem die Android-Konkurrenz das stilbildende Erscheinungsbild des iPhone X nachahmte. Und die Smartwatch? Apple kam, sah und siegte und beherrscht mittlerweile den gesamten Markt der klugen Uhren.

Im Smartphone-Markt behauptet Apple seine Innovations-Stellung, auch Samsung hat nichts zu lachen:

iPhone XS Max vs. Galaxy S9+.

Apple als Trittbrettfahrer: 5 alarmierende Beispiele

Nichtsdestoweniger hat Apple in anderen, stark wachsenden Bereichen der Technik-Branche enormen Nachholbedarf und fällt deswegen zurück. Diese fünf Exempel, in denen Apple derzeit eher als „Trittbrettfahrer“ auftritt, sind alarmierend:

1. Streaming-Dienst: Aktuell schraubt Apple an einem TV-Streaming-Dienst der gegen Netflix und Co. antreten soll. Im Hintergrund werden fleißig Serien und Filme produziert, Drehbücher geschrieben und die entsprechende Manpower herbeigeschafft. Starten soll der Dienst dann im nächsten Jahr. Doch ist dies wirklich eine so gute Idee?

Nicht nur Apple will ein Stück vom Streaming-Kuchen abhaben. Disney, DC Entertainment und Warner Bros., CBS und viele mehr haben oder wollen noch ebenso ihre Inhalte exklusiv über eigene Streaming-Dienste vermarkten. Doch hat der Kunde darauf gewartet und will neben Netflix und Amazon noch mehr Geld dafür ausgeben? Wohl eher nicht. Hinzu kommt: Der Apple-Dienst wird eher ein „Kindergeburtstag“, „anstößige Inhalte“ für Erwachsene gibt’s nämlich nicht.

Meine Einschätzung: Lieber Geld in die Hand nehmen und direkt Netflix kaufen. „Kostet“ aktuell circa 140 Milliarden US-Dollar in Gänze, könnte Apple, also selbst wenn der Preis noch steigt, aus der „Kriegskasse“ zahlen.

Im Profi-Bereich stagniert Apple, solche innovativen Produkte fehlen leider:

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Der „echte” iMac Pro: Hey, Apple – so hätte er aussehen sollen!

2. Professionelle Macs: Der aktuelle Mac Pro ist ein Flop – seit fünf Jahren unverändert, fristet die Rechentonne ein trauriges Dasein im Apple-Portfolio. Das MacBook Pro machte zuletzt auch eher durch vorsätzlich reduzierte Rechenleistung und stark anfällige Tastaturen Schlagzeilen. Von verkrüppelter Server-Software seit macOS Mojave und von mehr wollen wir gar nicht erst anfangen. Apple und die Profis – aktuell ein stark unterkühltes Verhältnis.

Meine Einschätzung: Der neue, für 2019 angekündigte Mac Pro, wird zum Präzedenzfall für Apple. Ein weiterer Flop darf nicht passieren, ansonsten verabschiedet sich auch noch der letzte Profi von Apple.

Meine Gedanken zum Wochenende: Die Kolumne möchte Denkanstöße liefern, zur Diskussion aufrufen und den „News-Schwall“ der Woche zum Ende hin reflektieren. Eine kleine Auswahl der bisherigen Artikel der Kolumne:

3. Lautsprecher mit künstlicher Intelligenz: Apples HomePod bietet zwar einen vergleichsweise sehr guten Sound, bei der künstlichen Intelligenz und auch bei der Vernetzung mit alternativen Musik-Diensten außerhalb der Apple-Cloud muss sich Apples Lautsprecher aber geschlagen geben. Branchenveteran Amazon mit seinen Echo-Modellen und auch Google sind da weiter, haben mittlerweile eine ganze Armada von Produkten, die einen ebenso weiten Preisrahmen abdecken. Auch zeigen sich Alexa und Google Assistant meist verständlicher, Siri hingegen störrischer.

Amazon Echo & Alexa: Lautsprecher günstig kaufen *

Meine Einschätzung: Apple muss verstärkt nachlegen und alsbald auch ein preisgünstigeres Volumenmodell nachschießen. Was die Intelligenz und die Funktionserweiterung angeht, wurden die Weichen kürzlich gestellt. Siri-Shortcuts beispielsweise erlauben automatische Routinen, in denen der HomePod mit eingebunden werden kann.

Diese Bilderstrecke offenbart – der HomePod muss zur Produktfamilie werden:

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HomePod: So schön könnten weitere smarte Apple-Lautsprecher aussehen.

4. HomeKit: Die Schnittstelle fürs smarte Heim hat es schwer. Zubehörhersteller konzentrieren sich derzeit primär zunächst auf Amazons Echo und Google Home. Warum? Hinter vorgehaltener Hand beschweren sich die Entwickler über Apple und deren komplizierte Zertifizierungsprozesse – Bürokratie killt Innovation. Mehr dazu gibt’s übrigens im exklusiven Artikel vom Kollegen Sebastian Trepesch.

Meine Einschätzung: Apple muss auf die Entwickler zugehen und darf nicht die Diva spielen. Denn ob HomeKit langfristig ein Erfolg wird, entscheidet nicht Apple, sondern vielmehr die Zubehör-Entwickler und am Ende die Kunden, die die Lösung kaufen und nutzen.

5. E-Mobilität: Seit Jahren bastelte Apple am Geheimprojekt „Titan“, doch was steckt dahinter? Tatsächlich ein E-Auto oder „nur“ die Technik für autonomes Fahren? So oder so, man gewinnt den Eindruck, Apple kommt nicht voran. Nach dem, was man bisher weiß, geht’s bei dem Projekt auch „drunter und drüber“ – wichtige Leute kommen und gehen. Unklar, was Apple wirklich will.

Meine Einschätzung: Der Zug beziehungsweise das E-Auto mit autonomer Fahrweise fährt bald ab. Zuerst legte Tesla vor, mittlerweile schließt selbst die träge deutsche Automobilindustrie auf und übernimmt bald die Führungsrolle – beispielsweise stehen Audi e-tron und Mercedes EQC marktreif kurz vorm Verkaufsstart. Wenn nicht bald was von Apple noch kommen sollte, ist der Markt für den iPhone-Hersteller erst mal verloren.

Quintessenz: Apple, mach es richtig oder gar nicht!

Am Ende: Apple ist zwar noch immer das wertvollste Unternehmen der Welt, kann aber langfristig an dieser Stelle nur bestehen, wenn man vollen Mutes und überlegt auch neue Märkte erobert. Die derzeitigen Baustellen sollten also schnellstmöglich angegangen werden. Notfalls muss man aber auch die Reißleine ziehen können und Projekte beziehungsweise Produkte bewusst vorzeitig beerdigen.

Was denkt ihr, welche zukünftigen Produkte dürften für Apple noch chancenreich sein, von was sollte Tim Cook und seine Mannschaft aber lieber die Finger lassen?

Hinweis: Die in diesem Artikel geäußerten Meinungen stellen ausschließlich die Ansichten des Autors dar und sind nicht notwendigerweise Standpunkt der gesamten GIGA-Redaktion.

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