Apples Umgang mit schlechten Nachrichten: Hey Tim, nimm dir ein Beispiel an Steve und flenne nicht rum!

Sven Kaulfuss 15

Götterdämmerung bei Apple – der Konzern macht weniger Gewinn als geplant, verkauft weniger iPhones und die Welt steht seit Tagen Kopf. Nicht ganz unschuldig an diesem Empfinden ist Apple selbst und zwar aufgrund des fast schon als weinerlich zu bezeichnenden Umgangs mit dieser Situation. So kann das nicht weitergehen, lieber Tim Cook. Höre auf meine Worte in der aktuellen Kolumne zum Wochenende.

Apples Umgang mit schlechten Nachrichten: Hey Tim, nimm dir ein Beispiel an Steve und flenne nicht rum!
Bildquelle: Getty Images (Justin Sullivan / Staff).

Die Gewinnwarnung kam als offener Brief von Firmenchef Tim Cook an die Investoren von Apple daher und war für meinen Geschmack einfach nur viel zu lang – über 1.400 Wörter, die Kolumne heute wird kürzer, versprochen. Viel schlimmer war jedoch die ausufernde Suche nach den vermeintlichen Gründen für das schlechte Ergebnis. Am Ende waren sogar noch die eigenen Kunden schuld, weil sie lieber ihren alten Geräten ein kostengünstiges Akku-Upgrade verpassten, statt sich ein neues iPhone zu kaufen. Ausreden, Sündenböcke, ellenlange Erklärungen … Tim Cook hört sich an wie ein Grundschulschüler, der seine Hausaufgaben vergessen hat und vor versammelter Klasse nun herumflennt, weil der Hund sie angeblich gefressen hat.

Beispiel Steve Jobs: So cool sollte Apple mit schlechten Nachrichten umgehen

Lieber Tim, so kann das nicht weitergehen, für dich und unsere Leser kurz zur Erinnerung, wie dein Vorgänger und Mentor mit einer ähnlichen Situation im Jahre 2002 umging. Damals war Apple ebenfalls gezwungen, eine Gewinnwarnung herauszugeben. Allerdings genügten hierfür weniger als 200 Wörter – kurz und knapp, kein Geschwafel. Am Ende schloss Steve Jobs den Text sinngemäß mit: Ok, es gibt schlechte Nachrichten, aber macht euch keine Sorgen, uns geht’s gut. Übrigens: Im Gegensatz zu den andern Verlierern machen wir im PC-Business wenigstens noch Gewinn – ich habe fertig.

Steve Jobs – heute noch immer unvergessen. Apple selbst feierte den Gründer in diesem kurzen Film:

Steve Jobs Tribute.

Stattdessen verstrickt sich Tim Cook in unzähligen Versuchen der Erklärung, die am Ende sogar noch unglaubwürdig sind. Hätte er sich mal lieber ein Vorbild an Steve genommen. Apple-Blogger und Instanz John Gruber macht sich die Mühe und entwirft mal einen augenzwinkernden Gegenentwurf zu Tims aktuellem Brief. Unsere freie Übersetzung:

„Wir alle wissen, dass der chinesische Markt am Arsch ist – teils, weil China China ist und teils, weil Sie wissen, welcher Blödmann für den Handelskrieg verantwortlich ist. Dieses beschissene Quartal traf das iPhone härter, als wir erwartet haben. China ist das ganze Problem - alles andere ist unwichtig. Kunden auf der ganzen Welt lieben das iPhone XS, XS Max und XR und iPhones machen 90 Prozent der Gewinne in der gesamten Handyindustrie aus. Wir erwarten, dass wir weiter wachsen werden, da unsere Wettbewerber Schwierigkeiten haben, sich voneinander zu unterscheiden.

Boom, drop the mic.“

Abseits des zugespitzten, satirischen Tons, möchte ich Gruber voll und ganz beipflichten. Tim ist ein feiner Mensch, in vielen Dingen bestimmt sogar der bessere Chef, als es Steve Jobs jemals war. Aber manchmal muss man als Apples CEO eben einfach auch mal das Arschloch heraushängen lassen, um eben nicht wie ein weinerlicher Zweitklässler zu wirken.

Meine Gedanken zum Wochenende: Die Kolumne möchte Denkanstöße liefern, zur Diskussion aufrufen und den „News-Schwall“ der Woche zum Ende hin reflektieren. Eine kleine Auswahl der bisherigen Artikel der Kolumne:

Hey Tim, einfach mal Arschloch sein …

Ein weiteres und wahrscheinlich das beste Beispiel war der Umgang mit dem berühmten „Antennagate“. Zwar wird heute noch belustigend auf Steves Aussage („… du hältst es falsch“) angespielt, aber am Ende stand Apple als eigentlicher Gewinner da und das iPhone 4 verkaufte sich dennoch wie geschnitten Brot. Seine Attitüde – „Ich kann nicht glauben, dass ich meine Zeit mit diesem Mist verschwenden muss, aber okay, ich werde es dir erklären.“ – verfing am Ende. Die wenigen Kunden, die es störte, bekamen kostenlose Hüllen und Apple dafür im Gegenzug die Chance, auf einer eigens dafür geschaffenen Bühne das iPhone 4 nochmals in Szene zu setzen. Denn natürlich blieb nicht unerwähnt, wie toll das iPhone 4 eigentlich ist. Am Ende wunderbar kostengünstige PR.

Na, welchen Platz belegt wohl das iPhone 4 in dieser Wertung?

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In diesem Sinne: Lieber Tim, lass ab und zu mal das Arschloch raushängen, Apple kann es gebrauchen und die Kunden, nebst Börsenanalysten, werden es schon verkraften. Schönen Sonntag noch.

Hinweis: Die in diesem Artikel geäußerten Meinungen stellen ausschließlich die Ansichten des Autors dar und sind nicht notwendigerweise Standpunkt der gesamten GIGA-Redaktion.

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