Bananen und Äpfel: Reift die Technik erst beim Kunden?

Sven Kaulfuss

Als Kunde erwartet man nicht weniger als Perfektion, insbesondere bei preisintensiven High-Tech-Produkten. Wer beispielsweise in ein Apple– oder Samsung-Telefon mehrere hundert Euro investiert, der möchte ungern als Beta-Tester herhalten müssen.

Bananen und Äpfel: Reift die Technik erst beim Kunden?
Bildquelle: pixabay.com.

Dennoch sehen sich Anwender oftmals mit einer Vielzahl von Kinderkrankheiten konfrontiert. Erst kürzlich machte der hierzulande noch nicht erhältliche Apple HomePod negativ auf sich aufmerksam – abgestellt aufs edle Sideboard, hinterlässt der Klang-Tubus doch tatsächlich unschöne Abdrücke auf der Oberfläche der teuren Möbel. Derweil laufen Apple-Mitarbeiter gegen gläserne Türen in der neuen Firmenzentrale und holen sich blutige Nasen, nur weil der Architekt eine „transparente“ Raumsprache bevorzugt und Warnaufkleber, die schon bei Vogelschwärmen mit ähnlichen Problemen Abhilfe schaffen, konsequent verboten bleiben.

Hat denn keiner Produkt und Gestaltung vorher ausgiebig getestet und nachgedacht? Nur kurz der Vollständigkeit halber erwähnen möchte ich die allseits bekannten Designfehler beim iPhone 6 (Bendgate) und iPhone 4 (Antennagate) aus der Vergangenheit. Doch nicht nur die kalifornische Kultmarke wird mit allerlei Gestaltungsfehlern konfrontiert. Wer erinnert sich nicht an brennende Samsung-Telefone (Akkuproblematik des Galaxy Note 7) oder auch die über Jahre unausgereifte Microsoft-Technik (Stichpunkt: Windows Vista). Nur wenige Beispiele, ihr Leser könnt uns da sicherlich noch mehr erzählen.

Das Bananenprinzip in der Praxis

Es drängt sich ein ungeheuerlicher Verdacht auf: Müssen wir, die Kunden, etwa unausgereifte Technik erwerben, damit die Hersteller ihre Praxistests mit unsereiner durchführen können? Reifen die Produkte tatsächlich erst bei uns daheim und nicht in den Entwicklerstudios der Firmen? Gehört das treffend definierte „Bananenprinzip“ mittlerweile zum Kalkül der Konzerne?

Pauschalisieren sollte man bei derartigen Überlegungen sicherlich nicht. Zum Beispiel nehme ich es Tim Cook voll und ganz ab, wenn er sagt, er möchte die eigenen Kunden nicht als Versuchskaninchen heranziehen und den Kollegen bei der Entwicklung neuer Produkte genügend Zeit geben – so die Aussagen im jüngsten Interview des Apple-Chefs. Und dennoch geschehen sie, diese ärgerlichen Bugs, die einem eigentlich bei einem ausführlichen Praxistest hätten auffallen sollen. Sehen Hersteller wie Apple am Ende gar den Wald vor lauter Bäumen nicht und übersehen so unfreiwillig das Offensichtliche?

Meine Gedanken zum Wochenende: Die Kolumne möchte Denkanstöße liefern, zur Diskussion aufrufen und den „News-Schwall“ der Woche zum Ende hin reflektieren. Eine kleine Auswahl der bisherigen Artikel der Kolumne:

Verantwortung auch beim Käufer?

Ich stelle mit voller Absicht diese offene Frage, eine eindeutige Antwort wird es wohl nicht geben. Dennoch lohnt der Gedanke daran, vor allem weil letzten Endes vielleicht auch der Kunde eine Teilschuld trägt? Wir sind es doch, die neueste Technik so schnell wie möglich kaufen möchten, wir rufen ständig nach Innovation und Revolution. Die Produzenten hören die Rufe und möchten nicht enttäuschen, auch weil die Hersteller im gegenseitigen Wettbewerb stehen.

Wer zu spät kommt, wird nämlich vom Kunden bestraft und gar am Ende noch als Plagiator verschrien, dann wenn sein Produkt dem vermeintlichen Original zu stark ähnelt. Wir möchten von Apple und Kumpanen gerne überrascht werden, öffentliche Beta-Tests zerstören diesen Effekt und nehmen uns den vergangenen Glauben am kultigen Weihnachtsmann in Levis-Jeans und schwarzem Rollkragenpullover.

Mündige Kunden lesen GIGA.de

Erwähnenswert sei zum Schluss noch eine nicht ganz unwichtige Tatsache: Der mündige Kunde muss nicht sofort kaufen, sondern darf gerne auch Testberichte abwarten bevor er seine Entscheidung trifft. Wir die Redakteure sind für euch und vielleicht auch für die Industrie die eigentlichen Beta-Tester. Ihr dürft auf unser Wort vertrauen. Liefert der Hersteller nicht ab und wirft uns nur eine grüne Banane zur Erprobung vor, bleiben eure Portmonees wahrscheinlich verschlossen. Ein versöhnliches Ende, wie ich finde.

Das Bananenprinzip: Reifen auch bei dir die Produkte erst daheim?

Hin und wieder gewinnt man den Eindruck, Hersteller wie Apple, Google, Microsoft oder Samsung würden ihre Produkte nur unzureichend im Vorfeld des Verkaufs testen. Am Ende erhält der Kunde ein unausgereiftes Produkt mit Schwächen im Hardware-Design und meist noch fehlerhafter Software. Doch stimmt dies wirklich? Was sind deine bisherigen Erfahrungen?


Anmerkung: Die in diesem Artikel ausgedrückten Ansichten und Meinungen sind die des Autors und stellen nicht zwingend den Standpunkt der GIGA-Redaktion dar.

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