Bauarbeiter in Marken-Anzügen: Warum Kopisten in China leichtes Spiel haben

Flavio Trillo 1

Wir kennen sie als Kuriosität aus fernen Landen, wie seltene Muscheln vom Südseestrand. Bisweilen als ärgerlichen Amazon- oder eBay-Fehlkauf. Kopien von Marken-Elektronik sind in China allgegenwärtig. Warum das so ist, erklärt uns ein Experte.

Bauarbeiter in Marken-Anzügen: Warum Kopisten in China leichtes Spiel haben

Es gibt keine offiziellen Zahlen darüber, wie viele nachgemachte iPhones in Asien jedes Jahr verkauft werden. Das liegt in der Natur der Sache. Einige dieser Klone sind sogar ziemlich hochwertig und nur mit geschultem Auge vom Original zu unterscheiden.

Für uns bisweilen sogar amüsant, wie nahe Produkte wie das GooPhone dem Original kommen. Für Apple und andere Hersteller ein großes und bisweilen recht teures Ärgernis.

Warum Fälscher und Kopisten es in Asien, und insbesondere in China so leicht haben, was die Konsumenten so empfänglich für offensichtliche Kopien macht, und warum die Behörden scheinbar machtlos sind, das haben wir Thorben Hoffmeister gefragt. Er ist studierter Sinologe und Ethnologe und als geopolitischer Berater der Bundeswehr tätig.

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Wie wichtig ist Authentizität in China?

Als erstes wollte ich wissen, welchen Stellenwert Originalware überhaupt auf dem chinesischen Markt hat.

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T. Hoffmeister: Originalware hat grundsätzlich einen hohen Stellenwert, zumindest bei der gesellschaftlichen Gruppe mit hohem ökonomischen Kapital. Somit wird gerade bei Gütern im Premiumbereich auf die Echtheit des Produkts viel wert gelegt. Die Mehrheit der Bevölkerung gehört jedoch nicht dieser Gruppe an und kann sich diese Produkte nicht leisten. Damit ist aber der Stellenwert eines Originals an sich nicht gemindert.

So berichteten mir chinesische Freunde mit Stolz, dass sie sich ein Produkt einer westlichen Weltmarke leisten konnten. Sie wurden nicht müde zu betonen, dass es sich hierbei nicht um eine Kopie handelte.

Imitation statt Innovation?

GIGA: In gewisser Weise könnte man dann doch auch erwarten, dass inländische, also chinesische Unternehmen mehr Innovation bringen. Wieso verschwenden sie ihre Energie damit, Kopien westlicher Produkte herzustellen?

T. Hoffmeister: Ich halte es für zu einfach, dass Konfuzius bisweilen zur Legitimation für Raubkopien herhalten soll. Dieser meinte (vereinfacht dargestellt), dass der Schüler durch das Kopieren des Meisters lernt. Erst wenn er dies perfekt kann, solle er sich kreativ und innovativ um einen eigenen Stil bemühen.

Dieses Argument wird aber gerade bei Raubkopien von Daten, etwa bei DVDs oder CDs nichtig und dient als schlechte Entschuldigung für Geldmacherei.

Bei der Nachbildung von Produkten ist es schon eher nachzuvollziehen. Die Gründe hierfür liegen in einer Mischung aus technischem Nachholbedarf und der Orientierung an erfolgreichen Produktdesigns. Kopiert wird dabei wird in erster Linie der Wiedererkennungswert.

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Das Land möchte also erst aufholen um dann zu überholen. Dieser Ansatz gilt als legitim und gesellschaftlich akzeptiert. Das gilt zumindest für kopierte Produkte unter eigenem Namen. Die einfache Kopie fremder Produkte und der Verkauf unter dem Originalnamen dagegen ist meines Erachtens nur durch einfachen Geldgewinn begründet. Sie ist also nicht kulturell spezifisch.

Der traditionell niedrige Stellenwert des Individualismus in der chinesischen Kultur könnte auch eine hemmende Rolle für massenhafte Innovationen sein. Auch westliche Nationen und Unternehmen betreiben Wirtschaftsspionage. Das Streben nach dem einfachen Profit ist also nicht kulturell gebunden und erst recht nicht örtlich.

Jedoch muss man auch betrachten, dass die Anzahl von angemeldeten Patenten in China weiter zunimmt.
Zudem müssen wir uns fragen, ob wir vielleicht von vielen Innovationen gar nichts mitbekommen, da sie auf den nationalen oder regionalen Markt zugeschnitten sind.

Auf der nächsten Seite: Hoffmeister über die große Akzeptanz schlechter Kopien, und warum Behörden nichts gegen die Fälschungen unternehmen:

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