Darum will Apple Beats kaufen [Analyse]

Ben Miller 10

Seit zum ersten Mal über die mögliche Übernahme von Beats durch Apple berichtet wurde, fragen sich viele, warum zum Geier Apple einen Kopfhörer-Hersteller kaufen sollte. Und warum gerade Beats Electronics?

Darum will Apple Beats kaufen [Analyse]

Das von US-Rapper Dr. Dre und Musikproduzent Jimmy Iovine 2006 gegründete Unternehmen verkauft aber nicht nur teure Kopfhörer und tragbare Lautsprecher, sondern kooperierte auch ausgerechnet mit Apples Konkurrenz, dem PC-Hersteller HP und dem Smartphone-Hersteller HTC.

Warum würde Apple Beats übernehmen und dafür so viel Geld auf den Tisch legen wollen? Mit 3,2 Milliarden US-Dollar wäre das die größte Übernahme in Apples Firmengeschichte. Finden wir es heraus.

Beats Kopfhörer?

Apple dürfte Beats Electronics wohl (hoffentlich) nicht wegen dessen Kopfhörer kaufen. Diese sehen zwar stylish aus und sind hochwertig verarbeitet. Beim Klang der „Beats“ zucken Audiophile aber durch die Bank zusammen. Wenn Apple ins Kopfhörer-Geschäft einsteigen wollte, könnte Apple diese einfach selbst entwickeln und müsste dafür keinen Kopfhörer-Hersteller kaufen, insbesondere nicht Beats. Und für den Fall, dass Apple doch Expertise auf dem Gebiet der Audiotechnik einkaufen will, dann gäbe es weit bessere Kandidaten, beispielsweise den österreichischen Hersteller AKG.

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Image?

Manch einer glaubt, dass Apple seinem Image mit dem Beats-Kauf eine Frischzellenkur verpassen will. Die Übernahme könnte Apples Image mehr schaden als nutzen.

Beats Kopfhörer

Beats ist ein gut laufendes Geschäft, keine Frage, und besonders bei jungen Leuten sehr angesagt. Die Produkte sehen auch gut aus und sind hochwertig verarbeitet.

Beats steht aber auch für überteuerte Kopfhörer mit mittelmäßigem Klang, die sich gut verkaufen, auch weil sie teuer sind und irgendein Musiker für viel Geld seinen Stempel aufdruckt. Teure Beats Kopfhörer gelten besonders in den USA als Statussymbole. Man trägt sie auch gerne als Mode-Accessoires um den Hals.

Wer keine hunderte Dollar für so eine Rapper-Halskrause ausgeben will, kann sich auch ein günstiges Imitat kaufen, die in den USA sehr populär sind.

Kunden?

Beats Music verzeichnete per März dieses Jahres nur knapp 111.000 zahlende Kunden. Im Vergleich zu Spotifys mehr als 6 Millionen zahlenden Kunden oder gar dem Kundenstamm von iTunes ist das gar nichts.

Man darf aber nicht vergessen, dass Beats Music bislang nur in den USA verfügbar ist. Spotify und Rdio hingegen gibt es in mehr als 50 Ländern.

Großes Kundenwachstum verzeichnet Beats Music aber nicht. Es fehlt die Reichweite. Hier könnte Apple locker nachhelfen.

Das Geschäft mit den Kopfhörern läuft da schon deutlich besser und Apple weiß das. Apple ist einer der größten und wichtigsten Handelspartner von Beats, bietet Beats-Produkte in seinen Retail und Online Stores an. Letztes Jahr erwirtschaftete Beats einen Gesamtumsatz von etwas mehr als einer Milliarde Euro. Hört sich viel an, ist es besonders im Vergleich zu Apple natürlich nicht. iTunes alleine generierte im vergangenen Jahr grob 20,5 Milliarden Euro Umsatz.

Strategische Übernahme?

Beats ist ein profitables Unternehmen mit einem jungen, angesagten Image, einem starken Team und sehr guten Kontakten zur Musik-Branche. Der hauseigene Streaming-Dienst hat großes Potenzial.

Es ist gut vorstellbar, dass Apple Beats übernehmen will, um die Konkurrenz auf Abstand zu halten. Denn auch Erzrivale Samsung soll an Beats interessiert sein.

Acqui-Hire?

Die Übernahme von Beats durch Apple könnte ein sogenannter Acqui-Hire sein. Das Unternehmen wird akquiriert, aber primär wegen den Mitarbeitern und deren Know-how.

2006 gründeten der Musikproduzent Jimmy Iovine und der US-amerikanische Rapper Dr. Dre das Unternehmen Beats Electronics. Gerüchten zufolge soll mindestens einer der beiden im Rahmen der Übernahme durch Apple in den Apple-Vorstand aufrücken.

Hier könnte es aber zu Spannungen kommen. Tim Cook und Apple im Allgemeinen sind sehr konservativ. Dr. Dre hingegen ist schrill und laut, wie man im Video zur Übernahme sieht. Auch äußerte er sich in Vergangenheit schon des öfteren homophob.

Cook soll übrigens sehr sauer wegen dieses Videos gewesen sein. Jedoch nicht, weil Dre und seine Freunde die angebliche Übernahme vorab ausplauderten, sondern wegen der Art und Weise, wie sie es getan haben.

Nichtsdestominder bringen Iovine und Dre viel Expertise mit und wissen, wie das Musik-Business funktioniert.

Wie schon zuvor erwähnt, macht besonders das Team hinter Beats Music einen sehr guten und wertvollen Job.

Beats Music alleine dürfte Apple nicht übernehmen können. Das Geschäft mit den Kopfhörern scheint aus Apples Sicht ein notwendiges Übel.

Streaming-Service?

Hier wird’s (für Apple) interessant. Gerüchten zufolge soll Apple primär am Musik-Streaming-Dienst von Beats namens Beats Music interessiert sein.

Beats Music ist ein reiner Premium-Dienst. Man kann kostenlos eine Woche in den Dienst reinschnuppern. Danach wird aber ein kostenpflichtiges Abo fällig. Für rund 10 Dollar im Monat kann man mit bis zu 3 Geräten auf die über 20 Millionen Songs des Beats-Music-Katalogs zugreifen.

Beats Music hat zwar (noch) nicht viele Kunden, da bislang nur in den USA verfügbar, ist aber sehr erfolgreich, wenn es darum geht, Premium-Kunden zu akquirieren. Die Konversionsrate soll verhältnismäßig hoch sein.

Eine wichtige Rolle spielt hierbei auch die Redaktion hinter Beats Music. Hier soll sich der eigentliche Wert von Beats Music verstecken.

Das achtköpfige Redaktions-Team, angeführt von Musiker und Beats Chief Creative Officer Trent Reznor, stellt Playlisten und Musik-Empfehlungen zusammen, sucht Newcomer und stellt diese den Nutzern vor.

Mit iTunes Radio hat Apple im September letzten Jahres einen eigenen Streaming-Dienst gestartet, der jedoch derzeit nur in den USA und Australien verfügbar ist. Dies lässt sich höchstwahrscheinlich auf Lizenz-Abkommen mit der Musik-Industrie zurückführen.

Dementsprechend konnte sich iTunes Radio auch noch nicht wirklich einen respektablen Marktanteil sichern, obwohl der Dienst kostenlos ist. Er finanziert sich durch Werbung, die zwischen einzelnen Titeln abgespielt wird.

Problematisch scheint auch zu sein, dass sich iTunes Radio hinter einem Menüpunkt in der Musik-App von iOS 7 verbirgt und nicht prominent als eigenständige App auf dem Homescreen abgelegt ist. Dies soll sich Gerüchten zufolge aber mit iOS 8 ändern.

Kurzum: iTunes Radio ist nicht so durchgestartet wie erhofft, auch da Apple die weltweiten Lizenzen fehlen, die aber Beats auch nicht hat.

Lizenz-Abkommen mit den Plattenfirmen?

Verhandlungen mit der Musikindustrie sind intensiv und zäh, ziehen sich gerne über einen längeren Zeitraum.

Beats‘ Streaming-Lizenzen und Verträge mit der Musikindustrie könnten für Apple sehr interessant sein, wäre da nicht das Kleingedruckte.

In der Regel sind diese Lizenzen nicht übertragbar und überstehen eine Übernahme nicht. Apple könnte diese also nicht von Beats Music auf iTunes übertragen.

Warum Beats Music und nicht Spotify?

Spotify ist mit 24 Millionen Nutzern einer der größten Musik-Streaming-Dienste. Dementsprechend ist Spotify auch nicht mehr so formbar wie Beats Music mit dessen 111.000 Nutzern.

Spotify wäre auch deutlich teurer, der Kosten-Nutzen-Faktor wohl nicht sehr attraktiv.

Beats Music und Spotify sind zwar beides Musik-Streaming-Dienste. Beide basieren aber auf unterschiedlichen Konzepten.

Bei Spotify wird man mit einem großen, gut bestückten Song-Katalog konfrontiert, durch den man sich wühlen kann und muss. Quasi: Hier hast du alles. Viel Spaß damit.

Beats Music ist da anders, mehr in Richtung Pandora und iTunes Radio. Im Zuge der Registrierung verrät man Beats Music, welche Genres, Künstler und Songs man mag. Darauf basierend stellt Beats Music dann Playlisten zusammen.

Man kann Songs mit „gefällt mir“ oder „gefällt mir nicht“ markieren. Beats Music lernt dadurch ständig dazu.

Beats Music ist im Grunde wie das mittlerweile eingeschlafene Genius-Feature von iTunes, nur besser und mit über 20 Millionen sofort abspielbaren Songs im Rücken.

Warum baut Apple nicht seinen eigenen Streaming-Dienst aus?

Der Musik-Markt verändert sich und Apple muss darauf reagieren. Jedoch darf der eigene Streaming-Dienst nicht an den iTunes-Verkäufen nagen. Das eher wenig rentable Streaming darf das rentable iTunes-Geschäft nicht kannibalisieren. Beides sollte parallel bestehen und wachsen.

Streaming-Dienste wie Spotify, Rdio und auch Beats Music werden immer beliebter. Immer mehr Menschen sind gewillt, monatlich Geld für ein Abo auf den Tisch zu legen, um unbegrenzt auf eine große Musik-Sammlung zugreifen zu können.

Gleichzeitig kaufen immer weniger Menschen einzelne Songs oder Alben. Das altbewährte Verkaufs-Modell ist wie gesagt ertragreicher als das Abo-Modell, aber Streaming-Dienste werden nun mal populärer.

Apple Beats

Beats Electronics hat Potenzial, von dem Apple profitieren könnte. Wenn Apple es schafft, das Konzept von Beats Music in sein Musik-Geschäft zu integrieren und die Reichweite zu erhöhen, dann dürfte iTunes für die Zukunft gut gewappnet sein.

Und vielleicht werden Beats Kopfhörer unter Apples Führung irgendwann auch ihr Geld wert sein.

Abstimmung: Welches Unternehmen sollte Apple sich 2019 kaufen?

Der Journalist Tae Kim plädierte kürzlich dafür, Apple solle das japanische Unternehmen Nintendo kaufen. Aber wäre das wirklich eine gute Idee? Gib hier deine Stimme ab.

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