Zwischen BendGate und iOS 8.0.1: Die Verfehlungen von Apple (Kommentar)

Sven Kaulfuss 43

Bei Apple dürften die Manager derzeit von einer zur nächsten Krisensitzung jagen. Verbogene iPhones, defekte iOS-Updates und mehr rücken den Branchenprimus ins Schussfeld von Kunden und Medien. Was läuft da schief?

Zwischen BendGate und iOS 8.0.1: Die Verfehlungen von Apple (Kommentar)

Erst kürzlich feierte Apple Rekordverkäufe des neuen iPhone 6 – eine gute Nachricht in diesen Zeiten für Aktienanleger und den Hersteller. Getrübt werden die Jubelmeldungen indes durch diverse Berichte der etwas anderen Art. Eine kurze Zusammenfassung und Auswahl der Ereignisse:

iOS 8.0.1 killt das iPhone 6

Gestern veröffentlichte Apple mit iOS 8.0.1 das erste Service-Update des neuen mobilen Betriebssystems für iPhone und iPad, nur um es keine zwei Stunden später wieder vom Netz zu nehmen. Dummweise sorgte iOS 8.0.1 dafür, dass das iPhone 6 keine Mobilfunkverbindung mehr herstellen konnte, nebst eines nicht funktionierenden Touch-ID-Sensors. Mittlerweile rät Apple den Betroffenen offen zum Downgrade auf iOS 8 und verspricht einstweilen mit iOS 8.0.2 das nächste Update in den folgenden Tagen – sehr peinlich und beschämend.

BendGate: Warum ist das iPhone 6 Plus krumm?

Eigentlich ein alter Hut, denn auch bei vorherigen Generationen gab es schon diverse Meldungen. Vereinzelt klagen Kunden – mal wieder – über verbogene iPhones in der Hostentasche. Betroffen das iPhone 6 Plus. Aufgrund seiner sehr dünnen und langen Erscheinung lässt sich das 5,5-Zoll-Smartphone verhältnismäßig leicht verbiegen. Grundsätzlich trifft dies übrigens auch auf diverse Konkurrenzmodelle zu. Allerdings verbleibt das iPhone 6 Plus durch die Materialwahl in diesem Zustand und biegt sich nicht mehr automatisch zurück. Ein Festfressen für die Medien – willkommen beim „BendGate“!

Bilderstrecke starten
13 Bilder
BendGate: Das Web lacht über Apple und das iPhone 6 Plus.

Heath in iOS 8 ohne App-Anbindung

Ursprünglich sollte die neue Health-App in iOS 8 diverse Daten von Fitness-Apps übersichtlich zusammenfassen. Leider gab Apple diese App-Anbindung aufgrund von Problemen bisher nicht frei – die App-Entwickler sind entsprechend sauer. Schlimmer noch: Wer jetzt das „Zwangs-Downgrade“ auf iOS 8 durchführt verliert die Health-App komplett auf dem iPhone 6.

iCloud Drive: Macs dürfen noch nicht mitspielen

Der neue Speicherdienst funktioniert derzeit nur mit iPhones und iPads unter iOS 8. Wer daneben noch einen Mac mit OS X 10.9 Mavericks betreibt, der sollte iCloud Drive lieber noch nicht aktivierenwir berichteten. Ebenfalls gibt es in diesem Zusammenhang Probleme mit den Webanwendungen von iWork. Eine Lösung steht erst mit der Verfügbarkeit der finalen Version von OS X 10.10 Yosemite im Oktober an.

icloud_drive_screen

Fappygate: Die „nackte“ Wahrheit

Vor wenigen Wochen „erfreuten“ sich einige Hollywood-Schönheiten über die Veröffentlichung ihrer privat geglaubten Nacktbilder im Internet. Erbeutet wurden diese allem Anschein nach in der iCloud. Apple selbst sprach allerdings nie von einem Hack des Dienstes. Vielmehr sollen unzureichend sichere Passwörter für dieses Malheur verantwortlich sein – kann man glauben. Tim Cook sah sich immerhin veranlasst das Problem nicht zu vertuschen und versprach in einem Interview verbesserte Sicherheitsfeatures. Dennoch: Der Ruf ist ramponiert, ob nun verschuldet oder nicht.

Die Analyse: Ein Versuch

Allein schon für sich ist ein jedes dieser Probleme eine Herausforderung für jeden Hersteller. Es ist aber vor allem die schiere Masse und kurze Frequenz die erstaunt. Hat CEO Tim Cook Apple nicht mehr unter Kontrolle, wie kann es zu einer derartigen Anstauung von PR-Desastern in so kurzer Zeit kommen? Vorab hierzu eine Randbemerkung an die ewig Gestrigen, die da meinen unter dem Führ… Steve Jobs hätte es so etwas nicht gegeben. Sie irren. Erinnert sich noch jemand an Antennagate, MobileMe und weitere Missgeschicke? Apple war auch unter dem charismatischen Firmengründer und Visionär nie unfehlbar.

Unterscheidung und Gewichtung der Probleme

Zurück in die Gegenwart: Zunächst erscheint eine Differenzierung hilfreich. Unterscheiden müssen wir bei den aktuellen Fällen zwischen direkt zurechenbaren Problemen und mehr oder weniger allein wahrgenommenen „Katastrophen“. Das fehlerhafte Update auf iOS 8.0.1, die gescheiterte Health-App-Anbindung und auch der sinnfreie, da nicht komplette, Launch von iCloud Drive müssen zweifelsohne von der Apple-Führung in Gänze verantwortet werden. Da gibt’s nicht zu deuten, der Hersteller hat „Mist gebaut“. Ausflüchte sind nutzlos und eine Verbesserung des internen Qualitätsmanagements notwendig.

„BendGate“ und „Flappygate“ hingegen wurden und werden dankend von der Öffentlichkeit unverhältnismäßig dargestellt. Für jeden vernünftig denkenden Menschen nachvollziehbar: Ein 5,5-Zoll-Smartphone gehört nicht in die Hosen- oder gar in die Arschtasche und sensible Daten nicht in die Cloud. Zudem empfehlen sich sichere und häufig wechselnde Passwörter – Punkt. Apple trifft also „nur“ eine Mitschuld. Dennoch: Einen Unterschied macht diese Einordnung nicht!

Der Erfolg macht Apple angreifbar

Apple ist eben nicht mehr der kleine, sympathische Hersteller für einige Nerds und Weltverbesserer. Vielmehr ein im Massenmarkt fest verankertes und trendiges Modeunternehmen. Dieser Erfolg hat seine Schattenseiten. Der Klassenbeste steht unter ständiger Kontrolle, selbst kleinste Verfehlungen werden registriert und angemahnt – Details zur Aufklärung interessieren da nicht.

Die Quintessenz: Tim Cook und seine Manager sind nicht etwa besser oder schlechter als der Rest der Branche, allein stehen sie im Flutlicht von Kunden, Medien und den Mitbewerben. Letztere verbleiben daher meist komfortabel im Dunkeln. Am Ende ist Apple ein Opfer des eigenen Erfolges. Sie müssen damit leben, dürfen daher auch Skandale wie „BendGate“ und „Flappygate“ nicht ignorieren – die Kunden und der Rest der Bagage tun dies gleichfalls nicht. Mitleid bedarf es jedoch nicht.

Bildquelle (Titel): Shame von shutterstock

Umfrage: Sind die Apple-Produkte überteuert?

Mit den Neuveröffentlichungen von diesem Herbst hat Apple die Preise für einige Produkte erhöht. Übertreibt es der Konzern? Oder ist alles im Rahmen? Nehmt an unserer Umfrage teil. Wir fragen nach einer allgemeinen Einschätzung, sowie – zur differenzierten Betrachtung – nach ausgewählten einzelnen Produkten und Produktversionen:

Zu den Kommentaren

Kommentare zu diesem Artikel

* gesponsorter Link