Versunkene Schätze: Kennt ihr eigentlich Shadow of Rome (PS2)?

Leo Schmidt 11

Es gibt zahlreiche Spiele, die völlig zu Recht in Vergessenheit geraten. Glaubt mir, an so ziemlich keinem Ort der Welt kriegt man besser mit, wieviele Schrottspiele auf jeden Publikumsliebling kommen, als in einer Spieleredaktion. Manche tolle Games gehen auch zu Unrecht unter und entwickeln sich dann zu Kultklassikern – zahlreiche Listen mit kommerziell gefloppten Meisterwerken zieren die Spieleseiten allerorten.

Versunkene Schätze: Kennt ihr eigentlich Shadow of Rome (PS2)?

Aber es gibt noch eine andere Gruppe von verschollenen Relikten, die nicht ganz so viel Beachtung erfährt: Spiele, die zwar gut sind, aber schon immer unbekannt waren, sind und… bleiben? Nun, zumindest an letzterem Umstand möchte ich ein bisschen kratzen und stelle euch heute deswegen ein Game vor, das offenbar keine Sau kennt (obwohl ihr mich in den Kommentaren sicherlich eines Besseren belehren werdet) und das ich trotzdem richtig cool finde. Wer weiß, vielleicht mache ich sogar eine Artikelreihe daraus, aber heute widmen wir uns erstmal Shadow of Rome.

Shadow of Rome, entwickelt und veröffentlicht von Capcom im Jahr 2005 und herausgebracht für die PS2, erzählt die Geschichte zweier Vetrauter von Julius Caesar, die nach dessen Ermordung jeweils auf ihre Weise herausfinden wollen, welche Verschwörung hinter dem Attentat steckt. Der junge Oktavian, der spätere Kaiser Augustus, infiltriert die obersten Kreise römischer Politiker und versucht, durch Schleichen und Lauschen an Informationen zu kommen. General Agrippa, just von einem Feldzug gegen die Barbaren zurückgekehrt, beschreitet den Weg, den schon Russell Crowe ging – er wird Gladiator und hofft so, dermaleinst vor dem neuen Imperator Antonius zu landen, um ein paar Antworten zu erhalten.

Ist zwar ein putziger Ansatz, wenn auch historisch natürlich Mumpitz, aber die Story an sich ist weder komplex gestrickt noch wahnsinnig überraschend oder mitreissend. Sie ist nicht, weswegen ich Shadow of Rome mag, aber ohne sie kann man den Rest des Spiels nicht erzählen. Denn aus der Zweiteilung der Story ergibt sich auch eine Zweiteilung des Gameplays, da wir abwechselnd Oktavian und Agrippa steuern und das Spiel deshalb zur Hälfte fragile Schleich- und Spionagenummer ist, zur anderen Hälfte aber Sandalen-Action.

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Gemetzel auf leisen Sohlen

Räumen wir gleich das nächste aus dem Weg, wofür ich Shadow of Rome nicht liebe: die Oktavian-Passagen. Der Schleich-Part des Spiels ist steif, langsam und, das ist aber natürlich Geschmackssache, so passiv gestaltet, dass man die Decke hochgehen könnte. Oktavian darf absolut keinen Fehler machen, denn er stirbt nach einem Schlag, ist von Hause aus unbewaffnet und da ich von den Gadgets und technischen Spielereien modernerer Stealth-Games verwöhnt bin, macht es mich leicht irre, ohne jede Ausrüstung einem Haufen Wachen ausweichen zu müssen. Als würde man eine Kristallvase durch eine Mai-Demo tragen müssen.

Nein, die wahre Stärke von Shadow of Rome liegt in seinen Action-Passagen, und bevor ich auf diese näher zu sprechen komme, möchte ich etwas vorausschicken: Jedesmal, wenn ein Spiel in Deutschland zensiert oder gar indiziert wird, schüttle ich den Kopf und deute einfach stillschweigend auf Shadow of Rome, das hierzulande ohne Probleme erschienen ist. Es ist in gewisser Hinsicht das brutalste Spiel, das ich je gezockt habe.

Es liegt nicht daran, dass die Action wahnsinnig realistisch wäre, ist sie gar nicht: Mannshohe Äxte werden in recht schnellen Kombos geschwungen, um Gliedmaßen und Körperhälften gleichermaßen fliegen zu lassen, ulkig proportionierte Übermenschen erinnern eher an 300 als an die echten Thermopylen. Nein, es hat einen anderen Grund. Kennt ihr diese Reden von chronisch uninformierten Videospielgegnern, die zum Beispiel solche Beschreibungen äußern wie „In Grand Theft Auto erhält man Bonuspunkte, wenn man seinem Mordopfer vor dem Exitus die Beine mit der Kettensäge abtrennt.“?

Das imaginäre Spiel, über das die dort reden, ist gar nicht so imaginär, es ist nämlich jedesmal Shadow of Rome. Gut, das Sandalen-Fest hat keine Kettensäge, aber es hat ein Feature, das zu einer Gladiatoren-Arena gut passt: Je grausamer man kämpft, desto mehr liebt einen die Menge. Abgesehen vom Punktestand hat das den Vorteil, dass die Zuschauer einem regelmäßig Waffen und Heil-Items zuwerfen.

Das System erinnert entfernt an Bulletstorm und ähnliche Titel (lol, der war nicht schlecht, welche denn?!), ist aber dabei nicht ganz so komplex. Dafür ist es manchmal noch wesentlich härter. Es ist eine Sache, dem Gegner beide Arme zu brechen, sodass diese anschließend wie weichgekochte Nudeln vom Torso baumeln (der Bonus für dieses Manöver heißt „Boneless Chicken“), das ist schon ziemlich übertrieben und fällt bei mir in die eher unbedenkliche Tom-und-Jerry-Ecke der Gewaltdarstellung. Wirklich dreckig fühle ich mich, wenn ich dafür belohnt werden, einen um Gnade winselnden Feind hinrichten zu müssen, der die Kontrolle über seine Blase verloren hat. Uff.

Ich war allerdings nie der Ansicht, dass die Darstellung von Gewalt a priori gut oder schlecht ist. Gewalt ist ein Stilmittel, wie jedes andere, und die entscheidene Frage ist, wie es eingesetzt wird. Abgesehen von diesen heftigen Momenten passt die Schlachterei in Shadow of Rome sehr gut, alberne Blutmengen aus unrealistischen Wunden in einer überzogenen Spielwelt. Sie steht dem Spiel nicht im Weg, sondern passt, und das ist gut, denn ansonsten könnte man die hervorragende Action nicht genießen.

ARE YOU NOT ENTERTAINED?!

Das Belohnungssystem nämlich fordert vom Spieler, sein gesamtes Repertoire an Möglichkeiten auszukosten, anstatt sich dumpf auf die immerselbe Weise durch die Arenen zu schlachten. Zu einem eigentlich sehr grundlegenden Kombosystem gesellen sich ein forderndes Ausweichen und Kontern, eine Vielzahl an Waffen (von denen man die besten nur erlangen kann, wenn man der Publikumsliebling ist – das motiviert) und interaktive Arenen mit Todesfallen und plötzlichen Überraschungen.

Plötzlich erwischt man sich dabei, wie man nicht nur froh ist, das aktuelle Level geschafft zu haben, sondern Ehrgeiz entwickelt. Neugierig schlägt man im Menü nach, welche „Salvos“ bzw. Manöver man z.B. noch nie eingesetzt hat. „Wie was, ich soll einem Feind beide Arme abtrennen, dann den Kopf, dann im Fallen den Torso? DAS GEHT?!“ Nach und nach entdeckt man Facetten und Nuancen. Klar, wenn meine Waffe bald zu Bruch geht, dann werf ich sie abschließend auf einen heranrückenden Feind. Aber warum bin ich noch nie auf die Idee gekommen, sie stattdessen trotzig ins Publikum zu feuern? Das geht, es gibt Punkte und lässt Haare auf der Brust wachsen. Es ist in gewisser Weise Entdeckerfreude, die dabei entsteht. Sehr, sehr blutige Entdeckerfreude.

Aufgelockert werden die üblichen Arenen (die, wie gesagt, dank ihrer Designs, Fallen usf. ohnehin schon recht abwechslungsreich sind) natürlich durch Bosse und spezielle Stages, etwa Wagenrennen oder Tierkämpfe. Die machen dann auch wieder Spaß – klar, ich weiß mittlerweile, wie ich spektakulär und insofern effektiv gegen andere Gladiatoren kämpfe, aber welche Manöver werde ich gegen einen Kriegselefanten entdecken? Schau her, wenn ich ihm bestimmte Panzerungen zerschlage, liebt mich die Menge! Nächstes Experiment – was passiert, wenn ich den Typen überrolle, der mir beim Wagenrennen die Waffen reicht…

Ich habe Leute in meinem Freundeskreis damals mit meiner Liebe zu Shadow of Rome angesteckt und wir sind alle zu demselben Schluss gekommen: Dieses Spiel braucht eine Fortsetzung, vorzugsweise ohne den Stealth-Stuss. Ich respektiere die Gratwanderung, die Capcom versucht hat, aber sie haut nicht hin, denn zum einen holt man sich beim Genrewechsel jedesmal ein Schleudertrauma, zum anderen werden Oktavians eher lahme Abenteuer aber auch völlig von dem großartigen und cleveren Schlachtfest überschattet, das man mit Agrippa erlebt. Nicht nur Freunde von Antike-Szenarien sollten Shadow of Rome eine Chance geben, sondern auch diejenigen, die neben dem Hang zum Nahkampfgemetzel auch etwas Neugier und Entdeckerfreude in sich tragen.

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