Journey of a Roach Test: Sechs Beine für ein Hallelujah

Leo Schmidt

Zeit für einen Griff in die Mottenkiste: Als ich ein junger Mann war, der Kaiser war noch nicht ganz aus der Erinnerung der Leute verschwunden, erschien ein Spiel namens Bad Mojo. In diesem unkonventionellen Gruseladventure spielte man eine Kakerlake. Es war ekelhaft. Es war angsteinflößend. Es war einzigartig und vollkommen großartig. Wem genau muss ich also einen bösen Brief schreiben, weil ich bis heute warten musste, um mal wieder einen der fiesen Krabbler steuern zu dürfen?

Journey of a Roach Test: Sechs Beine für ein Hallelujah

Nur ist Jim gar kein bisschen fies, sondern ein putziger Cartoon-Käfer, der mit seinem Kumpel Bud an die Oberfläche will, um dort eine Blume zu bestaunen. Schon bald gerät Bud aber in eine missliche Lage, denn er wird gefangengenommen von einem Haufen militanter Termiten, also muss Jim ihn befreien und nebenbei versuchen, ihren gemeinsamen Traum zu verwirklichen.

Entomophilie

Dass diese Story ziemlich grundlegend erscheint hat einen guten Grund, denn Journey of a Roach kommt komplett ohne echte Dialoge und Sprache aus, nicht einmal Texte gibt es, und da lässt sich nunmal nur ein bestimmtes Maß an Inhalt transportieren. Alle Charaktere verkehren in einer Art Simlish miteinander und schmeißen sich dabei Emotes und kleine Skizzen über das Geschehen an die antennenbewehrten Köpfe.

Das funktioniert erstaunlich gut, sicherlich auch, weil man nicht aus fehlgeleiteter Ambition heraus versucht hat, bei der Handlung und den Geschehnissen zu hoch zu greifen. Richtig interessant wird die Sache allerdings erst, wenn es um die Spielmechanik geht, denn ein Adventure, dass nicht Mie und Mau sagt und in dem kein Item, kein Hotspot und keine Örtlichkeit beschriftet ist, hat man dann doch eher selten. Ein Traum für das Lokalisationsteam, falls es denn überhaupt eines gab.

Betrachten wir einen Gegenstand, weist uns Jim mittels kleiner Zeichnungen darauf hin, was wir dort haben – der Satz „Das ist ein abgefallener Duschkopf.“ lässt sich auch problemlos mit zwei Kritzeleien darstellen, in denen jemandem beim Duschen besagtes Teil einfach auf die Birne rasselt. Etwas schwieriger wird es schon, wenn man nicht genau weiß, ob z.B. der Benzinkanister wirklich einer ist und Jim sich dann ausschweigt – das Spiel ist hier nicht immer konsequent, doch größtenteils geht das ulkige Konzept prima auf.

Das zweite große Merkmal, das Journey of a Roach von anderen Adventures abhebt, ist die Mobilität. Jim ist nunmal eine Kakerlake und genau wie bei seinem eingangs erwähnten Kollegen aus Bad Mojo ist also fast keine Oberfläche vor ihm sicher – sofern nicht größere Hindernisse im Weg sind, kann Jim an Wänden und Decken herumkrabbeln, wobei die Kamera dann jeweils mit ihm schwenkt und so eine ganz neue Perspektive auf den Handlungsort gibt. Das ist an sich schonmal eine schöne Idee, als reiner Selbstzweck jedoch wäre es herzlich uninteressant. Die Experimente, die Journey of a Roach mit dieser Mechanik wagt, halten sich in Grenzen – zum Beispiel gibt es nie einen Moment, in dem man aus der Deckenperspektive etwas sieht, das einem ansonsten entgangen wäre. Meistens läuft es darauf hinaus, dass man so an neue Gegenstände gelangt oder auf Umwegen einen Zugang zu einem zuvor unerreichbaren Raum findet. Das ist putzig, ein schöner Versuch und wird aber insgesamt die Grenzen des Genres und die Gesetze der Welt nicht sprengen.

Ohne Worte und doch ein Statement

Was dann auch eine ganz gute Zusammenfassung des Spiels an sich ist, denn wesentlich mehr lässt sich schon nicht mehr sagen – auch, weil Journey of a Roach kurz ist, verdammt kurz sogar: Bereits nach etwa drei bis vier Stunden hat es sich ausgerätselt, und letzteres auch nur, wenn man feststeckt. Das kann angesichts des moderaten Rätselniveaus zwar mal vorkommen, wird aber wahrscheinlich eher daran liegen, dass man irgendwo an der Decke oder in einem zuvor noch nicht durchkrabbelten Schacht einen Gegenstand übersehen hat.

Die Kürze kann man durchaus positiv sehen, denn Journey of a Roach ist knackig und der Zauber verfliegt nicht, angesichts etwas umfangreicherer und erstklassiger Kollegen wie der Deponia-Reihe sollte man aber vielleicht zweimal überlegen, ob man 20 Euro investieren will – nicht, dass die Kakerlakengeschichte die nicht verdient hätte, aber bei einem Umfang, der andernorts gerade mal das erste Kapitel der Reise ausgemacht hätte, sollte man die Warnung schonmal aussprechen.

Apropos Daedalic: In deren Portfolio fügt sich Journey of a Roach bestens ein, denn ästhetisch ist es liebevoll cartoonig, mit einer oberst knuddeligen 3D-Optik, handgezeichneten Zwischensequenzen und einem atmosphärisch schwebenden, leicht schrägen Katzenjammer-Soundtrack, der so auch aus der Feder von Hauskomponist Finn Seliger hätte stammen können. Wüsste man nicht, dass die Hamburger hier nur publishen und das Spiel vom schweizerischen Studio Kobold Games stammt, hielte man es für das nächste herzige Projekt aus der Schmiede von Edna und Harvey – keine geringe Leistung und also ein finales dickes Lob.

Fazit

Diese Reise durch den krabbeligen Endzeit-Mikrokosmos ist wirklich äußerst gelungen, denn sie ist humorvoll, stimmig, ein angenehmer Rätselspaß und ästhetisch betörend. Die schrullige Idee mit der nonverbalen Konversation funktioniert besser, als man im ersten Moment glauben möchte, die Krabbelei an Decken und Wänden führt zwar nicht zu überwältigenden neuen Ansätzen, wird aber vereinzelt interessant genutzt und gibt ansonsten ein neues, fremdartiges Gefühl für die Spielwelt, das man so sonst selten hat.

Allein der knappe Umfang ist ein zweischneidiges Schwert. Journey of a Roach kann nicht langweilen und sicherlich hat der gut angepeilte Umfang einen Anteil daran, doch beim Kauf sollte man vielleicht zweimal auf das Preisschild gucken, denn wenn man für dieselbe Anzahl Euronen zum Beispiel Deponia schießen kann, kriegt man dort etwas mehr erstklassiges Adventure für sein Geld. Das Abenteuer mit Jim und Bud sollte man sich jedoch nicht entgehen lassen, dazu ist es nämlich einfach zu gut.

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