Telekom-Internet: Kommt das Zwei-Klassen-Internet?

Selim Baykara 3

Das Telekom-Internet galt lange Zeit als Garant für hohe Geschwindigkeiten, breite Verfügbarkeit und einen guten Kunden-Service. In Zukunft könnte der Ruf des Traditionsunternehmens aber stark in Mitleidenschaft gezogen werden: Offenbar plant die Telekom zwei verschiedene Internet-Geschwindigkeits-Klassen anzubieten: Einen „Basis-Internet-Service“ und „Internet-Dienste für höhere Qualitätsansprüche“. Ist das Zwei-Klassen-Internet nur noch eine Frage der Zeit? Wir klären auf.

Telekom-Internet: Kommt das Zwei-Klassen-Internet?

Telekom: Internet in Zukunft in zwei Geschwindigkeits-Klassen

In einem Ende Oktober veröffentlichten Artikel nahm Telekom-Vorstandschef Timotheus Höttges Stellung zur kürzlich erfolgten Änderung des EU-Richtlinie Netzneutralität (mehr dazu weiter unten). In dem Artikel mit dem Titel „Netzneutralität – Konsensfindung im Minenfeld“ behandelt Höttges die möglichen Folgen des geänderten EU-Gesetzes und stellt seine Visionen für die Zukunft vor.

Demnach will man „in Zukunft innovative Internetdienste entwickeln, die höhere Qualitätsansprüche haben. Das sind die so genannten Spezialdienste.“ Höttges zufolge haben diese Spezialdienste „andere, teilweise höhere Qualitätsanforderungen als das einfache Surfen oder die E-Mail, die auch ein paar Millisekunden später ankommen kann.“ Deshalb müsse die Möglichkeit bestehen, „dass die Daten empfindlicher Dienste im Stau Vorfahrt bekommen.“

Was diese Spezialdienste genau sind, lässt der Telekom-Chef (bislang) offen. Als mögliche Beispiele nennt er Videokonferenzen und Online-Gaming oder Telemedizin. Klar ist allerdings, dass diese Dienste mehr Geld kosten. „In Zukunft wird es eben auch die Möglichkeit geben, einen Dienst für ein paar Euro mehr in gesicherter Qualität zu buchen“ so Höttges. Er vergleicht seinen Vorschlag mit kostenpflichtigen Angeboten im Internet, bei denen Kunden z.B. für eine Gebühr Zusatzleistungen erwerben. Höttges: „So kostet beispielsweise mehr Speicherplatz für Mails extra, genauso wie erweiterte Suchfunktionen bei Xing und LinkedIn oder Videos in HD statt SD.

Zum Thema: Netzneutralität

Das Prinzip der Netzneutralität sieht vor, dass alle Daten im Internet gleichberechtigt behandelt werden. In einer Sitzung vom 23. September 2015 beschloss das Europäische Parlament eine Gesetzes-Änderung, die Kritiker zufolge, dieses Prinzip gefährdet: Das geänderte Gesetz erlaubt Internet-Providern wie der Telekom ausdrücklich zwischen verschiedenen Kategorien von Datenverkehr zu unterscheiden. Um Gesamtqualität und Nutzererlebnis zu optimieren, dürften „Spezialdienste“ eingeführt werden. Leider führt das Gesetz nicht weiter aus, was die Spezialdienste sind. Kritiker befürchten, dass die schwammige Formulierung von Unternehmen in Zukunft bewusst ausgenutzt wird.

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Zwei-Klassen-Internet bei der Telekom: Wo liegt das Problem?

Verschiedene Geschwindigkeiten im Internet gibt es natürlich bereits heute. Wer mit mehr MBit pro Sekunde surfen will, muss einen entsprechenden Tarif buchen, der mehr Geld kostet. Höttges Äußerungen legen aber nahe, dass bestimmte Angebote darüber hinaus zusätzliche Kosten nach sich ziehen.

Denkbar ist z.B., dass man für Live-Streams oder das Streamen von Filmen und TV-Serien in Zukunft eine weitere Gebühr entrichten muss, um sicherzustellen, dass die Daten in bestmöglicher Qualität übertragen werden – selbst wenn man bereits einen Hochgeschwindigkeits-Tarif gebucht hat. Für Höttges ist das die logische Folge des zunehmenden Angebots an Dienstleistungen im Internet. „Qualitätsdifferenzierung ist keineswegs eine Revolution im Netz, sondern die natürliche Weiterentwicklung.“

Das sagt die Konkurrenz zu dem Vorschlag der Telekom

Kritiker sehen in Höttges Vorschlag eine Abkehr von dem Prinzip der Netzneutralität. Demnach sollen alle Daten gleichberechtigt und mit der gleichen Geschwindigkeit durch die Leitungen fließen. Die Konkurrenz von Vodafone und Telefonica hält sich bislang noch relativ bedeckt. Vodafone habe keine konkreten Pläne zum Thema Spezialdienste – außerdem kommentiere man die Pläne von Wettbewerbern grundsätzlich nicht, so Alexander Leinhos, Chef der externen Kommunikation bei Vodafone.

Noch vorsichtiger äußert sich Ralf Opalka, Pressesprecher von Telefonica Germany: “ Die Grundrechte auf freie Meinungsäußerung, freie Selbstentfaltung und Berufsfreiheit dürfen im Netz nicht eingeschränkt werden. Einen derartigen Zugang garantiert Telefónica seinen Kunden heute und in Zukunft.“

Dennoch darf man davon ausgehen, dass beide Anbieter ebenfalls auf die geänderte Gesetzeslage reagieren werden und bereits jetzt darüber nachdenken, welche Vorteile sich aus den neuen EU-Regelungen ergeben. Insofern kann man es fast begrüßen, dass der Telekom-Chef sich so offen zu der Thematik äußert.

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Bildquellen: Telekom, Sergey Nivens

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