Broken Age Test: Boy meets Girl meets Cthulhu meets Spacecraft

Leo Schmidt 8

Nichts macht mich so skeptisch wie große Versprechungen, und nach der immer noch kaum verständlichen finanziellen Schlappe, in die sich mein Lieblingsstudio Double Fine trotz einer obszön erfolgreichen Kickstarter-Kampagne irgendwie manövriert hatte, war ich skeptisch, ob das lang versprochene Broken Age überhaupt noch käme. Es kam. Und es ist wundervoll.

Broken Age Test: Boy meets Girl meets Cthulhu meets Spacecraft

Oder vielleicht sollte ich sagen „Der erste Akt ist wundervoll.“, für all diejenigen, die die Entwicklungsgeschichte des Spiels nicht so nahe mitverfolgt haben, denn wegen des eingangs erwähnten pekuniären Engpasses haben sich Tim Schafer und Co. entschieden, das herzige Adventure mit der geteilten Story in mehreren Teilen herauszubringen.

Daher möchte ich auch fürs erste auf eine Wertung verzichten, wie wir das ja zum Beispiel auch bei den Episodentiteln von Telltale machen – Punkte gibt’s am Schluss, zunächst gibt es Eindrücke. Während ich euch die schildere, gilt es also im Hinterkopf zu behalten, dass da (hoffentlich) noch einiges mehr kommt. Damit sei dann auch gleich der erste Kritikpunkt aus dem Weg geräumt, weil er nämlich nicht echt ist: Broken Age ist bislang verdammt kurz. Ich war nach drei Stunden durch. Der erste Akt eines vollständigen Adventures eben.

Um sich allerdings einen Eindruck von der Qualität des Spiels zu verschaffen reicht er allemal, und da gibt es zu berichten, dass ich diesen Test in einem freudigen Delirium schreibe, das so nur Märchen oder von Einhörnern über die Regenbogentheke gedealte Designerdrogen erzeugen können. Reine und gute Dinge können langweilen, doch wenn sie es nicht tun, stimmen sie selig. Broken Age ist diese Art von Spiel.

Versprochen ist versprochen

Die Geschichte ist in zwei Teile gespalten, die in beliebiger Reihenfolge nacheinander absolviert werden können, allerdings gibt es in jeder der beiden Stories ein paar Kleinigkeiten, die die jeweils andere Handlung in ein leicht anderes Licht rücken. Eine der Geschichten handelt von Vella, die von ihrem Dorf dazu auserkoren wurde, einem Monster geopfert zu werden. Das ist ein sehr alter Brauch, um die Bestie zu beruhigen, und in jedem Dorf des Planeten reissen sich die Mädchen geradezu darum, sich auffressen zu lassen und so Ehre zu erfahren. Vella hält von all dem gar nichts und plant, dem Monster zu entkommen und es dann zu töten.

Shay hingegen ist ein Junge, der auf einem Raumschiff lebt, und wenn das auch wie der Traum jedes jungen Mannes klingt, könnte es Shay nicht miserabler gehen. Der überfürsorgliche Schiffscomputer, der sich für Shays Mutter hält, erlaubt nicht auch nur das geringste Risiko oder Abenteuer, und versucht stattdessen, den mittlerweile sehr deprimierten Shay mit den immer gleichen Simulationen bei Laune zu halten. Eines Tages reicht es Shay und er bricht eine der Regeln - und begegnet einem mysteriösen Wolf, der ihm erzählt, die Spielstunde sei vorbei…

Natürlich ist eine der ersten großen Fragen, ob und wie diese Stories zusammenhängen, und soviel kann man nach dem Genuss des Anfangs schon sagen: Sie tun es, aber es wird noch nicht deutlich, inwiefern genau. In gewisser Weise ist das sogar ganz reizvoll, ein schönes Mysterium, das aus der Kollision zweier völlig unterschiedlicher Welten entsteht, die man im (oder auf dem) eigenen Kopf unter einen Hut zu bringen versucht. Das Rätsel wird man aber nicht lösen können, bis man den Rest gesehen hat. Wen es nicht frustriert, dem bereitet es wohlige Vorfreude und Spannung.

Weniger spannend, weil ziemlich banal, sind die Rätsel. Broken Age ist in gewisser Weise ein Adventure der alten Schule, allerdings kommt es wie viele modernere Genrevertreter ganz ohne klassische Befehle und Verben aus. Simples Drag & Drop und Anklicken von Objekten reicht völlig aus. Nun kann man auch aus so einem System sicherlich knifflige Rätsel herausholen, allerdings muss ganz deutlich gesagt werden, dass das hier nicht passiert – wer nicht gerade Broken Age zu seiner Adventure-Entjungferung heranzieht, muss seinen Sprint durch die angeblichen Kopfnüsse nicht ein einziges Mal abbremsen.

Leicht und doch nicht seicht

Da fragt man sich direkt, ob die Form des klassischen Adventures geschickt gewählt wurde. Wenn es tatsächlich nur um die Reise und die Geschichte geht, und so scheint es bei Broken Age zu sein, fragt man sich unwillkürlich, ob nicht ein Modell wie bei den jüngeren Telltale-Titeln angebracht gewesen wäre. Man verwirft die Idee allerdings auch gleich wieder, denn erstens gibt es bei Broken Age keine Entscheidungen zu treffen, und zweitens muss man ja nun auch nicht jedem Trend hinterherrennen. Dennoch, wenn man sich an Rätseln versucht, dann sollten diese schon etwas mehr Substanz haben. Das wird vielerorts zu Abzügen in der Wertung führen.

Aber nicht bei mir, zumindest nicht in höherem Maße. Mir ist letztendlich wichtig, wie viel Spaß ich habe, wie sehr ich die Reise genieße, und bei Broken Age habe ich schlichtweg den Eindruck, als sei ich verliebt. Einen großen Anteil daran hat das Design, denn Shays und Vellas Reise steht auf dem Treppchen der schönsten Adventures, vielleicht sogar der schönsten Spiele überhaupt, die ich je gesehen habe.

Zwar sind die Erinnerungen noch frisch an die Titel des letzten Jahres, die mit Puppen- und Papieroptik die Gamer-Augen zum Leuchten brachten, doch selbst neben Tearaway, Puppeteer und The Swapper vermag Double Fines neuester Kindertraum zu verblüffen. Ich war noch nie sehr gut darin, Grafik in Worte zu fassen, aber hier? Ich wüsste nichtmal, wie ich anfangen sollte, den Stil zu beschreiben! Irgendwas mit Papierfiguren, die so ausdrucksstark sind, dass sie und ihre unwahrscheinlich plastische Welt trotz aller Fremdartigkeit ein vertrautes, fast freundschaftliches Gefühl erzeugen – als sei man in einem Märchenbuch aufgewacht und wisse sofort, dass man hier zu Hause ist. Ich kann dem nicht gerecht werden, wie übrigens auch Standbilder es nicht können. Ihr müsst Broken Age sehen, um es zu fühlen.

Und hören! Dieser Text soll nicht enden, bevor ich nicht auch die Akustik gewürdigt habt, allen voran die Sprecher, die mit unendlich viel Lust an der Sache und höchst professionell agieren und bei denen es einfach nur Spaß macht, zuzuhören. Insbesondere Elijah Wood und Masasa Moyo als Shay und Vella kumpeln sich mit jeder Zeile mehr ins Herz und dürfen sich (einmal mehr) zufrieden auf die Schultern klopfen. Übrigens gibt es keine deutsche Sprachausgabe, doch deutsche Untertitel sind enthalten.

Fazit

Ich bin von Double Fine noch nie völlig enttäuscht worden, doch nach dem letzten Kickstarter-Knick war meine Erwartung etwas gedämpft. Asche auf mein Haupt! Broken Age ist bislang fantastisch. Eins von den Spielen, die man wegen ihrer Leichtigkeit zwar nicht lange im Kopf hat, wegen ihrer Schönheit und Kreativität jedoch ein Leben lang im Herzen trägt. Wer Herausforderung sucht, wird hier zwar nicht fündig, doch ohne jede Frage derjenige, der sich in eine fantasievolle und atemberaubende Welt entführen lassen möchte, in der er mit großen Kinderaugen eine verblüffende und wunderschöne Geschichte erzählt bekommt.

Zu den Kommentaren

Kommentare zu diesem Artikel

Neue Artikel von GIGA GAMES

* Werbung