Safer Internet Day - Wie uns auf einer langweiligen Veranstaltung sehr langweilig wurde

Tobias Heidemann 11

Bundesfamilienministerin Dr. Kristina Schröder und die EU-Initiative klicksafe riefen gestern im Rahmen des Safer Internet Day zu „Mehr Verantwortung im Netz“ auf. Gute Sache das. Immerhin gehört die Internetsicherheit zu den wichtigsten Themen unserer Zeit. Neben den fortwährenden Datenskandalen und den zahlreichen Hackerangriffen gilt es zum Beispiel, Lösungen für Probleme wie Cybermobbing, Online-Spielesucht oder Kinderpornographie zu finden. Da sich die episch einschläfernde Gästerunde, die sich dafür zum Pressetermin in einem Berliner Gymnasium traf, aber stattdessen lieber über „das tolle Ding Internet“ unterhielt, dürften echte Lösungsansätze noch etwas auf sich warten lassen. 

Safer Internet Day - Wie uns auf einer langweiligen Veranstaltung sehr langweilig wurde

Geladen waren neben der Bundesfamilienministerin Schröder auch Talknudel Jörg Pilawa, die aus dem Rostocker Polizeiruf 110 bekannte Schauspielerin Anneke Kim Sarnau, der Direktor der Landesanstalt für Medien NRW Dr. Jürgen Brautmeier, Albrecht Bähr von der LMK sowie Telefon-Beraterin Laura von der „Nummer gegen Kummer“.

Mit einer flauschigen Frage nach den Twitter-Gewohnheiten unserer Familienministerin stimmte Moderator Andreas Korn seine Gäste sogleich auf den langen Winterschlaf ein, den die zahlreich vertretenen Medien später „Diskussion“ nennen sollten.

Zwar konnte Schröder die Frage nach ihrem letzten Tweet (peinlicherweise) nicht beantworten, wohl aber die mannigfaltigen Vorteile dieser Tools unter Beweis stellen. Bürger und Bürgerinnen bekämen so einen guten Einblick in das, „was eine Ministerin so den ganzen Tag tut“.

Da wir nicht zu den 22.000 Followern von Frau Schröder gehören, ist uns diese Information bisher leider entgangen. Ihre folgende Danksagung an „eine Zeit, die dieses tolle Ding Internet erfunden hat“, sprach allerdings sehr dafür, dass die kritische Auseinandersetzung mit dem Thema Internetsicherheit einen eher geringen Anteil am Tagesgeschäft der Bundesfamilienministerin hat.

Jörg Pilawa war auch da - irgendwie

Wie sonst käme sie beim Zitat ihrer Lösungsvorschläge auf die brillante Idee, Eltern das Befreunden ihrer Kinder auf Facebook nahezulegen. Ernsthaft? Ok. Schröder ließ es bei einer zusehends paralysierenden Veranstaltung aber leider nicht dabei, ihre parteiliche Gleichgültigkeit gegenüber konstruktiven Herangehensweisen an das Thema Internetsicherheit zur Schau zu stellen. Ihr bemerkenswertes Credo zum Aktionstag „Verantwortung im Netz“: „Es ist wichtig, dass, wenn man im Netz surft, es sicher tut“.

Aaaaaaaaha! Es ist wichtig, dass, wenn man eine Wurst kauf, sie auch isst, stellen wir flüsternd fest und hoffen auf die Beiträge der restlichen Gäste. Doch die Hoffnung stirbt an diesem kalten Morgen im Februar nicht zuletzt sondern sofort. Schauspielerin Anneke Kim Sarnau ist nämlich dran.

Sarnau scheint von ihren Wortmeldungen selbst höchst irritiert zu sein, denn wie die anwesenden Gäste muss sie plötzlich feststellen, dass sie absolut nichts zum Thema Internet beitragen kann. „Ja doch“, hört man sie mäandern, sie „findet das Internet ganz große Klasse“, nur leider scheitere sie bereits daran, „Facebook richtig zu bedienen“. Sind wir die Einzigen, die sich fragen, warum man Frau Anneke Kim Sarnau überhaupt eingeladen hat? Offenbar schon, denn die „Experten“-Runde schluckt aus diesen traurigen Tiefschlag ohne zu murren.

Die Testgruppe des Schlaflabors beeindruckte mit unverhoffter Zähigkeit

 

Landespfarrer Albrecht Bähr leistet den Gästen seelischen Beistand indem er sich bemüht, das Wort Medienverantwortlichkeit wenigstens einmal zu definieren. Obwohl auch er sich zunächst in eine lähmende Laudatio zu diesem „tollen neuen Medium“ verleiten lässt, gibt sich der Wertwächter immerhin mit bereits bekannten Worthülsen zufrieden und schockt uns nicht mit noch mehr Unvorhergesehenem. Medienverantwortlichkeit, das bedeute heute vor allem, dass „junge Menschen und Eltern Verantwortung übernehmen müssen“, im Internet, oder so.

Anneke Kim Sarnau findet das Internet ganz große Klasse

 

Schlagartig wird uns klar, warum die Piratenpartei sich auch weiterhin über regen Zuwachs freuen darf. Die gesamte Schlafmützigkeit des Safer Internet Day ist letztlich auch symptomatisch für eine gefährliche Schieflage innerhalb des Netzdiskurses. Während Schröder & Co noch immer dabei sind, uns mit ihrem Verständnis der „Chancen und Risiken des Internets“ anzubiedern, bleibt der radikale Wandel in den digitalen Lebenswelten wie auch die schamlose Bereicherung jener Unternehmen, die damit Milliarden verdient haben, sich selbst überlassen. Bundesfamilienministerin Schröder möchte, dass Eltern ihren Kindern die Profil-Einstellungen von Facebook erklären. Facebook selbst wird auf dem Safer Internet Day dagegen von der „Verantwortung im Netz“ freigesprochen. Für ein Vorankommen in diesen Fragen ist das zu wenig.

Dass die EU-Initiative klicksafe mitunter sehr gute Arbeit leistet, soll an dieser Stelle nicht unterschlagen werden. Es wäre nur schön gewesen, wenn man sich mit dieser Arbeit beim Schläfer Internet Day auch auseinandergesetzt hätte. Schade drum…

Aus gegebenem Anlass rufen wir abschließend noch zu einem kleinen Floskel-Contest auf. Die schönste satzgewordenen Belanglosigkeit bekommt nen Keks. Mahlzeit!

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