Kamal Nicholas 16

Nach Los Angeles auswandern? Nicht wirklich

Obwohl mir so unglaublich viel in und an der Stadt gefällt, kann ich mir nicht vorstellen, nach Amerika auszuwandern. Ein Problem wäre das eigentlich nicht, da ich einen amerikanischen Pass besitze. Ich würde gerne noch einmal für 1-2 Jahre nach Kalifornien ziehen (und meine Freundin zum Glück auch), da sich der Abschied vor ein paar Tagen irgendwie falsch angefühlt hat. Aber länger nicht. Denn es gibt auch einige Sachen, die in Los Angeles sehr schwierig sind. Zum einen wäre da die Politik des Landes, auf die ich an dieser Stelle nicht näher eingehen will. So viel sei aber gesagt (was den meisten von euch sicherlich bewusst sein dürfte): Das Gesundheits- und Sozialsystem ist eine absolute Katastrophe. Und das führt zum nächsten, noch wichtigeren Punkt: C.R.E.A.M.

C.R.E.A.M.

Falls euch die Rapper von Wu-Tang Clan nichts sagen, werdet ihr mit dem Begriff „C.R.E.A.M.“ sicherlich auch nicht viel anfangen können. Lange Rede kurzer Sinn: Die Abkürzung steht für „Cash Rules Everything Around Me“. Und das merkt man in Los Angeles immer wieder sehr deutlich. Ob Autos, Wohnungen und Häuser, Schmuck und sonstige Dinge, die man zum Leben braucht oder haben will, für die meisten Menschen in Los Angeles scheint ganz klar zu sein, das man ist, was man besitzt. Und dabei ist es egal, ob man am Meer oder in einer kreativen Ecke der Stadt wohnt. Wer kein Geld in L.A. hat, hat bald gar nichts mehr, da es kein wirkliches System gibt, das einen auffängt. Nur so ist in einer nach außen hin wirkenden Metropole wie Los Angeles ein Ort wie Skidrow möglich, in dem tausende Obdachlose mitten in Downtown in selbstgebauten Zelten und anderen provisorischen Herbergen auf der Straße wohnen und sich Tag für Tag durchschlagen.

Die Handwerker

In Kalifornien werden so gut wie alle Handarbeiten von Mexikanern und Südamerikanern übernommen. Das ist generell natürlich egal, wäre da nicht zum einen die Sprachbarriere (viele dieser Menschen sprechen einfach überhaupt gar kein Englisch, während viele andere Menschen in L.A., vor allem die „Auftraggeber“, oft nur sehr wenig Spanisch sprechen) und zum anderen das Problem, dass viele dieser Menschen keine Ausbildung zu ihrer ausgeübten handwerklichen Tätigkeit zu haben scheinen, was oftmals zu wirklich stümperhaften  Ergebnissen führt. Das hat natürlich nichts damit zu tun, dass diese Menschen Mexikaner oder Südamerikaner sind, sondern an der mangelnden Qualitätskontrolle und dem offensichtlichen Kommunikationsproblem.

Los Angeles ist „zurückgeblieben“

Das klingt so vielleicht etwas hart, aber wer schon einmal in L.A. war, weiß wahrscheinlich, was ich meine. Ein Beispiel wären die Strommaste. Jegliche Stromleitungen sind oberirdisch angebracht. Das führt dazu, dass es häufig zu Stromausfällen ganzer Straßenstriche kommt. So war auch unser Zuhause eines Abends für 4 Stunden ohne Strom, neben uns waren knapp 1.200 andere Haushalte betroffen. Ein weiteres Beispiel wäre das Prinzip der Schecks: Entweder werden Dinge mit Kreditkarte oder tatsächlich immer noch mit Schecks bezahlt, Überweisungen zu Bankkonten finden eigentlich so gut wie überhaupt nicht statt.

Zwischenablage01

Die Straßen in L.A. sind zum Großteil ein Witz. Zum Glück darf man auf den Highways/Freeways nicht schneller als maximal 70 Meilen pro Stunde (112 km/h) fahren, da das Auto bei höheren Geschwindigkeiten doch sehr in Mitleidenschaft geraten würden. Lustig ist dennoch, dass viele Amerikaner sich gerne sehr schnelle Autos kaufen (die man dann allerdings nicht einmal annähernd ausfahren kann). Ach ja, und natürlich gibt es auch immer mal wieder Erdbeben (ich habe ein kleines der Stärke 3,5 erleben dürfen).

Das Auto: Freiheit und Kerker zugleich

Sowieso spielt der Verkehr eine extrem große Rolle in der Stadt. Während früh morgens oder später am Abend eine Strecke von z.B. Santa Monica (wo ich gewohnt habe) nach Hollywood etwa 25 Minuten dauert, muss man während den Hauptverkehrszeiten (ca. 8 bis 11 Uhr und 16 bis 19 Uhr täglich) mit einer Fahrtzeit von mindestes 1 ½ Stunden für die gleiche Entfernung rechnen. Man ist also immer im Auto, außer man wohnt nahe an seinem Arbeitsplatz. Und das passiert nicht allzu oft. Klar, man kann die Zeit im Auto auch gut nutzen (es hat tatsächlich etwas Meditatives), auf Dauer wäre das aber nichts für mich, vor allem auch deshalb, weil das Radfahren als alternatives Verkehrsmittel bei Distanzen von 20 Kilometern und mehr pro Strecke schnell sehr anstrengend wird.

Und dennoch: Ich liebe Los Angeles

Ja, L.A. ist eine der wenigen Städte, bei der ich mit voller Überzeugung sagen kann, dass ich sie liebe. Los Angeles und Kalifornien im Allgemeinen, mein Herz ist bei Dir! Auch wenn es einige Sachen gibt, die ich niemals nachvollziehen werden kann, ist die Lebensqualität doch unglaublich hoch. Die Sonne, die Menschen, die Natur, all das ist immer präsent und auch immer zugänglich. Ich bin mir sicher, dass ich mich irgendwann in meinem Leben noch etwas länger in Los Angeles aufhalten werde, jetzt muss ich mich aber erst einmal wieder in Deutschland akklimatisieren. Schmerzendes Fernweh habe ich aber trotzdem…

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