Microsoft hat mit Continuum ein interessantes Feature für die neuen Lumia-950-Smartphones mit Windows 10 Mobile vorgestellt: Über eine spezielle Dockingstation lassen sich Peripheriegeräte und ein Monitor koppeln, das Smartphone kann so eingeschränkt wie ein PC verwendet werden. Tolle Idee? Auf jeden Fall. Innovativ? Nein, denn im Prinzip wäre solche Funktionalität mit Android schon vor Jahren möglich gewesen – und hätte ein Alleinstellungsmerkmal werden können, wenn Google der Idee von Android auf dem Desktop nur einen Funken Aufmerksamkeit geschenkt hätte. Eine Chronologie der verpassten Chancen.

 

Google

Facts 

Wer zum ersten Mal einen USB-Host-Adapter in sein Android-Gerät steckt und ein bisschen herumprobiert, welche eigentlich für PCs gedachte Hardware auch am Tablet oder Smartphone funktioniert, schlackert vor Freude mit den Ohren: USB-Speichersticks, Festplatten, Mäuse, Tastaturen, Game-Controller und allerlei anderes Gerät lässt sich anschließen und problemlos nach dem Plug & Play-Prinzip verwenden. Ich hatte einen solchen Aha-Moment vor knapp 3 Jahren:

Doch USB-Host ist nur die halbe Miete. Dank diverser Geräte mit HDMI-Out, MHL-Adaptern oder vergleichbarer proprietärer Lösungen lassen sich auf vielen Geräten sogar externe Bildschirme anschließen. Kabel einstecken und schon hat man das Smartphone-Bild auf dem Monitor, das Spiel auf dem Fernsehbildschirm, das just aufgenommene Familienvideo auf dem Beamer. Da drängt sich doch ein Gedanke auf: Warum verwendet man sein Smartphone nicht mehr nur als Handy, sondern auch als PC – und zwar überall dort, wo die entsprechende Hardware als „Terminal“ bereitliegt? Die Vorteile liegen auf der Hand: Alle Daten hat man immer dabei, unabhängig von Cloud-Diensten, man kann stets auf ein vertrautes Interface zurückgreifen, hat seine Lieblings-Apps dabei, die sich ohne großen Aufwand zentral aktualisieren und der „PC“ ist out-of-the-Box Telefonie-, WhatsApp- und SMS-fähig.

Smartphone als PC: Die Vorreiter

Microsofts Idee ist nicht ohne Beispiel. Im Gegenteil: Es gab schon einige Ansätze in dieser Richtung. Als Motorola Anfang 2011 beispielsweise sein – dank erstmals verbauter Dual Core-CPU und des ersten Smartphone-Fingerabdrucksensor – gleich in mehrerer Hinsicht wegweisendes Smartphone Atrix auf den Markt brachte, stellte der Hersteller auch ein fast schon visionäres Zubehörteil vor: Ins Lapdock konnte man sein Atrix einlegen und erhielt dann auf einem Laptop im Netbook-Format ein komplettes, wenn auch vom auf dem Smartphone laufenden Android abgekoppeltes, Betriebssystem – inklusive vollwertigem Firefox-Browser. Auch wenn es das Lapdock noch für einige andere Geräte gab, scheiterte es. Mutmaßlich daran, dass nur wenige Nutzer bereit waren, sich das damals sündhaft teure Zubehörteil zu kaufen und dass man nur eingeschränkten Zugriff auf die Daten im Android-Teil hatte. Außerdem war der Tegra-2-Prozessor im Atrix seinerzeit zu schwach, um wirklich alltagstauglich zu sein.

Weiter nutzten die ab Mitte 2011 produzierten Transformer-Geräte von ASUS – Zehnzoller, die entweder mit einer herausschiebbaren (Eee Pad Slider) oder einer ansteckbaren Tastatur (Eee Pad Transformer, Transformer Pad Prime) mit Touchpad ausgestattet waren – im Desktop-Einsatz tatsächlich Android. Im Alltag litten die Geräte aber vor allem am Anfang unter miserabler Performance. So war es beispielsweise beim ersten Transformer nicht möglich, Text ohne deutliche Anzeigeverzögerung in unser WordPress-Backend per Webbrowser einzugeben.

ASUS hatte mit den Transformer-Geräten, trotz diverser Verfeinerungen, nur mäßigen Erfolg: Die letzten Modelle TF103 und TF303 mit Android kamen Mitte 2014 heraus – seitdem setzt ASUS für diese Geräteklasse nur noch auf Windows. Und das hat sicher gute Gründe, zu denen wir gleich kommen.

Mit Android x86 gibt es ein reines Software-Projekt, das es sich zur Aufgabe gemacht hat, eine relativ reine und quelloffene Android-Version zu entwickeln, die auf PCs läuft. Als Alternative zu gängigen Linux-Distributionen für Netbooks, als Grundlage für VMs, in denen man Android-Apps am Rechner ausführen kann und als Basis für Weiterentwicklungen wie zuletzt Remix OS hat Android x86 durchaus Einfluss erlangen können.

Auch das Samsung Galaxy Note 2 bekam ein spezielles Dock spendiert, mit dem man das Gerät per Maus und Tastatur bedienen konnte. Die Firma Canonical schließlich plante eine spezielle an Smartphones angepasste Version von Ubuntu Linux, mit der man sein Android-Smartphone per Dockingstation zum PC umrüsten konnte.

Auf der nächsten Seite: Was Google falsch gemacht hat und wie Android doch noch zum Desktop-OS wird.