Google-Geheimpapiere: Oracle legt belastendes Material gegen Android vor

Frank Ritter 4

Im Zuge des Prozesses, den Oracle gegen Google um verletzte Java-Patente bei Android führt, sind geheime Strategiepapiere von Google aufgetaucht. In diesen soll explizit stehen, dass Android nicht wirklich offen sein soll, der Quellcode stets nur nachgelagert veröffentlicht wird. Grund: Die bevorzugte Behandlung enger Partner, etwa den kürzlich von Google gekauften Hardware-Hersteller Motorola und den US-Mobilfunkprovider Verizon.

Google-Geheimpapiere: Oracle legt belastendes Material gegen Android vor

Ein nicht von der Hand zu weisender Vorwurf gegenüber Google ist, dass Android nicht wirklich offen ist. Google stellt zwar den Quellcode zur Verfügung — jedoch nur, nachdem die entsprechende Android-Version bereits veröffentlicht ist. Auch können Nutzer nicht, wie in anderen Open Source-Projekten, eigenen Code einpflegen, sondern das Gesamtprojekt nur „forken“, also abspalten — so wie es das CyanogenMod-Team praktiziert. Von Android 3.0 bis 3.2 „Honeycomb“, der speziell auf Tablets angepassten Version von Android, wurden Quellen bislang nur teilweise zur Verfügung gestellt. Angeblich, weil das Betriebssystem noch nicht fertig sei.

Neue Erkentnisse belegen jedoch, dass es für die Taktik der Zurückhaltung auch andere, opportunistischere Motive gibt. Im Prozess von Oracle gegen Google, bei dem es um den Vorwurf der Verletzung von Java-Lizenzen der von Oracle gekauften Firma Sun in Googles Dalvik-VM geht, legte der Kläger jetzt Dokumente von Mitte 2009 vor, mit denen Google seine Strategie zu Android intern präsentiert hatte: Diese implizieren, dass Google die seinerzeit engen Partner Motorola und Verizon mit Vorzug behandelte. So heißt es in der Präsentation zur Frage, wie man vom Android-Konzept trotz dessen Offenheit profitieren könnte (Übersetzung von uns):

Wir werden (Android) nicht offen entwickeln. Stattdessen stellen wir den Code erst zur Verfügung, wenn die Innovation vollzogen ist.

Flaggschiffgeräte-Konzept: Frühen Zugang zur Software an Partner vergeben, die Geräte nach unseren Spezifikationen bauen und vertreiben (zum Beispiel Motorola und Verizon). Diese erhalten nicht vertraglich fixierte Zeit zur Ausnutzung des Marktvorteils, sofern sie sich an die von uns (Google) festgelegten Standards halten.

google lead device concept

Insbesondere der letzte von uns zitierte Satz des mit relativ hoher Wahrscheinlichkeit authentischen Dokuments besitzt einigen Sprengstoff. Denn mit „non contractual time“ ist natürlich eine informelle Absprache gemeint, in Düsseldorf Köln würde man „Kungelei“ dazu sagen.

Für Oracle bringt das Dokument einen gewissen Aufwind für die eigene Verhandlungsposition, denn Java stand und steht unter einer Open Source-Lizenz. Auch die geforkte Dalvik-VM von Android darf nur unter den Bedingungen dieser Lizenz weitergegeben werden — exklusive Zugriffsrechte für bestimmte Firmen widersprechen dem natürlich, auch wenn diese nur zeitlich begrenzt sind.

Man sollte dieses Strategiepapier allerdings auch in einen zeitlichen Kontext einordnen: Das Papier stammt von Mitte 2009 — einem Zeitpunkt, als noch überhaupt nicht absehbar war, dass Android ein Erfolg werden würde. Dass Google seinerzeit mit Motorola und Verizon eng zusammenarbeitete, um schließlich im September das Motorola DROID (in Europa: Motorola Milestone) als erstes Android 2.0-Gerät auf den Markt zu bringen, ist kein Geheimnis. Fraglich ist aber, ob diese Exklusiv-Partnerschaft zur Vermarktung eines Open Source-Betriebssystems überhaupt rechtens war.

So oder so zeichnet sich jedoch ein Ende des Prozesses ab: Nachdem bereits ein Großteil der Vorwürfe von Oracle gegen Google vom Gericht zurückgewiesen wurden, deutet sich an, dass die Kontrahenten sich jetzt auf einen Vergleich einigen — zumindest möchte Google sich an den Verhandlungstisch setzen. Für Oracle dürfte das nicht schlecht sein — zwar haben die in diesem Artikel geschilderten Ereignisse die Oracle-Position etwas gestärkt; ob das für einen Prozessgewinn reichen würde, ist jedoch trotzdem fraglich. Wir gehen davon aus, dass Oracle einige Millionen Dollar aus Googles Kriegskasse erhalten und sich die juristische Auseinandersetzung in Luft auflösen wird.

ReadWriteWeb: Google to Android Developers: ‚Do Not Develop in the Open‘

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