Seit dem Start von Google+ stand die Klarnamenpflicht des sozialen Netzwerks in der Kritik. Nun verabschiedet sich Google von der verbindlichen Regelung und erlaubt ab sofort auch Pseudonyme. Doch was bedeutet diese Rolle rückwärts für die Zukunft von Google+?

 

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Über die Jahre stand die Klarnamenpflicht auf Google+ immer wieder im Kreuzfeuer der Kritik. Die Regelung sollte zwar helfen, dass bessere und fruchtbarere Diskussionen ohne Beleidigungen entstehen – nach dem Motto: wer für seinen Kommentar mit seinem Namen einsteht, wird zweimal überlegen, was er schreibt – doch gibt es für die Verwendung von Pseudonymen auch zahlreiche und gute Gründe – zum Beispiel bei Aktivisten in diktatorisch regierten Ländern. Auch intern sorgte die Regelung wohl für Unmut: So sollen gar einige Mitarbeiter aus Protest gegen die Klarnamenpflicht Google den Rücken gekehrt haben. Mit dem heutigen Tag ändert sich das.

„Es gibt keine Einschränkungen mehr, was Namen angeht“, schreiben die Entwickler auf der offiziellen Google+ Seite. Zwar habe die Klarnamenpflicht in der Vergangenheit geholfen, dass eine Community aus echten Menschen entstand, aber auch viele Menschen ausgeschlossen, die aus verschiedenen Gründen nicht ihren echten Namen verwenden wollten.

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Seit Vic Gundotra, geistiger Vater von Google+ und vehementer Verfechter der Klarnamenpflicht, seinen Abschied von Google verkündet hat, machten Gerüchte die Runde, wonach der Internetkonzern das Interesse an seinem sozialen Netzwerk verloren habe und G+ kurz vor dem Ende steht. Das ist natürlich Quatsch, oder um es mit Mark Twain zu sagen: „Die Gerüchte über den Tod von Google+ sind stark übertrieben.“ Google+ ist und bleibt weiterhin das „soziale Rückgrat“ von Google und wird mit immer mehr Google-Produkten verzahnt. Klar ist aber auch, dass Google+ nicht mehr so im Fokus wie in den letzten Jahren steht. Zum Vergleich: Auf der Google I/O 2013 war Google+ noch eines der Hauptthemen, dieses Jahr gab es auf der Entwicklerkonferenz gerade mal eine Session und diese drehte sich ausschließlich um das Google+ Sign-In für Webseitenbetreiber – selbst zu Demozwecken wurde auf der Bühne die App von Pinterest genommen. Auf YouTube wird man nicht mehr alle zwei Wochen penetrant gefragt, ob man nicht lieber seinen G+-Account verwenden möchte – neuerdings existiert ein Häkchen, um die entsprechende Einstellung permanent zu speichern. Und fast schon klammheimlich hat Google die Autorenbilder von mit Google+ verknüpften Webseiten aus den Suchergebnissen entfernt. Das kommt nicht von ungefähr, sondern ist das Ende eines langen Prozesses.

Als Google+ im Frühjahr 2011 an den Start ging, war die gesamte IT-Welt vom Social-Wahn befallen. Analysten, selbsternannte Experten und alle, die ihre Meinung mal in die Öffentlichkeit posaunen wollten, prophezeiten das langsame Ende von normalen Suchmaschinen. Stattdessen, so die vorherrschende Meinung, sollten wir in Zukunft unsere „Freunde“ fragen, in welchem Hotel man übernachten sollte, welcher Kinofilm sehenswert ist und welches italienische Restaurant die beste Lasagne auftischt. Google sollte seinen Status als Informationsquelle Nummer 1 also langsam an Facebook verlieren und selbst Eric Schmidt, ehemaliger CEO des Suchmaschinen-Primus, bezeichnete es als größten Fehler in seiner Karriere, die Bedrohung durch Facebook nicht erkannt zu haben.

Knapp drei Jahre später ist vom Facebook-Hype aber nicht mehr viel zu sehen: Zwar hat sich das weltweit größte Soziale Netzwerk von seinem katastrophalen Börsenstart erholt, kämpft aktuell aber mit stagnierenden Nutzerzahlen und kann sich nur noch durch Zukäufe, wie im Fall von Instagram oder der 19 Milliarden Dollar teure Übernahme von WhatsApp, ausbreiten. Facebook ist halt längst nicht mehr „cool“, sondern der Ort, wo Oma, überspitzt formuliert, dem Nutzer nette Witzbildchen an die Wall postet. Google+ wird natürlich weiter bestehen und die viel zitierte „Geisterstadt“ ist das Kreislings-Netzwerk auch nicht, sondern Ort vieler fruchtbarer und intelligenter Diskussionen. Im Augenblick scheint es bei Google aber nicht mehr ganz oben in den Prioritäten zu stehen.

Werdet ihr von der neuen Regelung Gebrauch machen und jetzt ein Pseudonym verwenden? Ist die verschwundene Klarnamenpflicht erster Anlass, sich überhaupt mit Google+ zu befassen? Oder seht ihr die Diskussionskultur auf G+ durch die weggefallene Klarnamenpflicht gefährdet? Wir freuen uns auf eure Meinung – im Kommentarbereich.

Quelle: Google+, Heise [via derStandard]