Eine der größten Meldungen von der Google I/O-Konferenz gestern war sicherlich die Vorstellung des intelligenten Messengers Allo. Eine unkomplizierte Anmeldung per Telefonnummer, zahlreiche Features und insbesondere eine Integration des neuen Chatbots Google Assistant sollen Allo auf Augenhöhe mit etablierten Lösungen bringen – allen voran natürlich WhatsApp. Aber kann das wirklich gelingen, oder ist die Dominanz von WhatsApp schlichtweg zu groß?

Wir wagen einen Blick in die Vergangenheit: Es ist nicht das erste Mal, dass Messenger-Apps versuchen, sich in der von WhatsApp dominierten Chatwelt einen Namen zu machen. Die berühmtesten Vertreter sind wohl Telegram und Threema, die sich als direkte Konkurrenten gegenüber WhatsApp positionierten und tatsächlich mittlerweile eine große Nutzerbasis vorweisen können. Auch der Facebook-Messenger - der freilich zum gleichen Konzern gehört wie WhatsApp - hat sich für viele Nutzer zu einer etablierten Plattform zum Austausch von Nachrichten entwickelt.

Weder Threema noch Telegram konnten WhatsApp bislang etwas anhaben

Während die Nutzerbasis von Threema mit mehr als 3,5 Millionen aktiven Nutzern relativ überschaubar ist, sind es bei Telegram sogar mehr als 100 Millionen - viele davon in Südamerika. Dort sorgte jüngst ein WhatsApp-Verbot durch die brasilianischen Behörden innerhalb kürzester Zeit dafür, dass hunderttausende weiterer Nutzer zur Alternative wechselten. In Asien ist vor allem der WeChat-Messenger beliebt und kann stolze 500 Millionen Nutzer vorweisen. Beim Facebook Messenger sind es mittlerweile sogar sage und schreibe 900 Millionen Nutzer.

Das mögen alles beeindruckende Zahlen sein, doch der Beliebtheit von WhatsApp konnte keine der genannten Alternativen einen Abbruch tun. Ganz im Gegenteil: Jüngst feierte man bei WhatsApp das Erreichen der Milliarden-Marke, ein Ende der Begeisterung für die Chat-App scheint nicht in Sicht zu sein. Zwischen „viele Nutzer“ und „fast alle Nutzer“ besteht eben ein großer Unterschied: Gerade im deutschsprachigen Raum hat sich WhatsApp als Chat für jedermann etabliert, im Grunde genommen gibt es fast niemanden mehr mit einem Smartphone, der nicht per WhatsApp erreichbar ist. 

Nun will ausgerechnet Google mit der neuen Chat-App Allo das Terrain von WhatsApp und Co. betreten - das Unternehmen, dass weder damals mit Google Talk noch mit Hangouts wirklich die Massen für sich begeistern konnte.

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Allo ist gut - aber das alleine reicht vermutlich nicht

Als Android-Fan, der sich für die neuesten technischen Entwicklungen interessiert, fällt es leicht sich für Googles neuen Messenger zu begeistern. Der intelligente Google Assistant ist direkt in Allo integriert und beantwortet nicht nur als Chatbot Fragen des Nutzers, sondern liefert in Gesprächen mit Freunden und Bekannten automatisch Antwortmöglichkeiten auf verschiedenste Fragen. Zudem bietet Allo einen Inkognito-Modus, in dem alle Gespräche mit E2E-Verschlüsselung übertragen, Chats auf Wunsch automatisch nach Ablauf einer Zeit gelöscht und eingehende Benachrichtigungen ohne Sender beziehungsweise Empfänger angezeigt werden können.

Google geizt also nicht mit innovativen Features, zudem begleitet die Videochat-App Duo - die sich vor allem durch Stabilität und Schnelligkeit selbst bei schlechter Netzwerkverbindung auszeichnen soll - den neuen Messenger von Google und vervollständigt das Messenger-Paket. Allo ist zweifelsohne gut, aber das allein reicht vermutlich nicht.

Anmeldung bei Allo per Handynummer, nicht per E-Mail

Zunächst einmal melden sich die Nutzer bei Allo anders als bei allen anderen Google-Diensten nicht per E-Mail-Account an, sondern registrieren sich mit einer Telefonnummer - eine Methode, die WhatsApp quasi erfunden hat und sicherlich einer der Gründe für den Erfolg des Messengers gewesen sind. Die Anmeldung bei Allo ist also denkbar einfach und unkompliziert, wer außerdem die Telefonnummer eines Kontaktes hat, muss diesen nicht erst nach den Allo-Accountdaten fragen.

Das klingt nach einem banalen Punkt, ist aber wohl auch der wichtigste Grund dafür, weshalb der Facebook-Messenger von fast allen Nutzern parallel zu WhatsApp verwendet wird (wenn man denn einen der beiden Dienste nutzt). Nicht selten finden Nachrichten per Messenger nur deshalb statt, weil man noch nicht die Telefonnummer des anderen zur Benachrichtigung per WhatsApp besitzt - etwa, weil es sich nur um flüchtige Bekanntschaften oder Arbeitskollegen handelt.

Hangouts bleibt separat erhalten - aber warum eigentlich?

Dass Google die Anmeldung bei Allo per Handynummer regelt, ist also wichtig, um sich wirklich als WhatsApp-Konkurrent zu positionieren. Hangouts dagegen bleibt als separate App erhalten und dient gewissermaßen als Konkurrent für den Facebook Messenger. Dass man dabei in etwa so erfolgreich ist, wie mit Google+ im Kampf gegen Facebook, sei dahingestellt, aber es ist nachvollziehbar, dass Google Allo und Hangouts vorerst nicht miteinander verschmilzt - gerade, weil Hangouts eben auch keinen sonderlich guten Ruf genießt.

Einen Desktop-Client für Allo wird es daher wohl zu Beginn auch nicht geben, wenngleich Google sich dafür sicher nicht so viel Zeit lassen wird, wie WhatsApp mit WhatsApp Web. Das oberste Ziel von Google dürfte es aber mit Allo sein, möglichst viele Nutzer auf sich aufmerksam zu machen und davon zu überzeugen, Allo parallel zu WhatsApp zu verwenden.

Allo präsentiert sich nicht als WhatsApp-Alternative, denn niemand braucht WhatsApp 2.0

Von heute auf morgen wird keine App WhatsApp stürzen können, das ist jedem klar. Mit einer Nutzerbasis von mehr als 1 Milliarde Menschen ist es für die meisten Menschen undenkbar, umgehend auf WhatsApp zu verzichten, nur um stattdessen Allo zu benutzen - coole Features hin oder her. Dennoch sollte man die Gimmicks und Tricks, die Allo bietet, nicht achtlos beiseite legen, denn genau diese könnten der Grundstein für den Erfolg von Allo sein.

Seien wir ehrlich: Niemand braucht WhatsApp 2.0, also einen Klon, der im Grunde genommen genau die gleiche Aufgabe erledigt. Das ist auch eines der Probleme von Threema und Telegram gewesen, denn diese Apps boten zwar hier und da zusätzliche Funktionen (darunter einen deutlich besseren Datenschutz), waren aber im Grunde genommen auch nur Messenger-Apps ohne relevanten Mehrwert für die meisten Nutzer.

Im besten Falle werden viele Nutzer Allo einfach eine Chance geben, da die Anmeldung innerhalb von Minuten abgeschlossen ist und die neuen Features interessant genug klingen, um sie ausprobieren zu wollen. Chatten mit einer künstlichen Intelligenz?  Ein Assistent, der für einen selbst antwortet? Automatische Suche nach passenden Bildern, Orten oder Videos? Das sind Funktionen, die sicherlich niemand wirklich braucht, aber futuristisch und spannend klingen. Vielleicht ist es gerade das, was Hangouts immer gefehlt hat: Ein deutlicher Mehrwert gegenüber etablierten Lösungen. Dass Allo mit denselben Kinderkrankheiten wie seinerseits Hangouts geplagt sein wird, ist des Weiteren zu bezweifeln; sicherlich hat Google aus seinen Fehlern gelernt.

Sollte es dem Konzern gelingen, die Nutzer mit den innovativen Features von Allo zu begeistern, wäre es nur eine Frage der Zeit (allerdings sprechen wir hier sicher von einigen Jahren), bis Allo nicht nur zusammen mit WhatsApp von Nutzern verwendet wird, sondern auch nach und nach exklusiv - schließlich ist Allo (abgesehen natürlich von dem schwerwiegenden Punkt der Nutzerbasis) in jeder Hinsicht besser als WhatsApp. Ein Wörtchen mitzureden haben schließlich auch die Smartphone-Hersteller: Sollten Samsung, Huawei und Co. den Allo-Messenger aktiv bewerben oder gar vorinstallieren könnte dies ebenfalls einen großen Einfluss auf die Zukunft der App haben.

Schlussendlich entscheiden die Nutzer selbst

Das Ende des WhatsApp-Monopols bestimmen aber letzten Endes die Nutzer selbst und hier bleibt es bei der Streitfrage, ob die Trägheit der Masse weiterhin die Oberhand behält. Außerdem entwickelt sich auch WhatsApp weiter und wird in den kommenden Monaten gerade aufgrund der Konkurrenz durch Allo vielleicht die eine oder andere bahnbrechende Neuerung mit sich bringen. Anmeldung per E-Mail-Account, eine komplett eigenständige Desktop-Version - wer weiß, was Facebook noch so alles geplant hat. Wir sind auf jeden Fall gespannt darauf, was die Zukunft bringt und können es kaum erwarten, Allo mal auszuprobieren. WhatsApp von unserem Smartphone verbannen werden wir deshalb aber sicher nicht.

Quellen: Statista, Telegram, DMR

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