Mit Daydream möchte sich Google ein Stück des zukunftsträchtigen VR-Kuchens sichern. Dass sich Nutzer für Daydream aber neue Hardware anschaffen müssen, könnte sich als kapitaler Fehler erweisen und die Erfolgsaussichten der Plattform enorm schmälern. 

 

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Seit dem Wochenende ist klar: Aktuelle High-End-Smartphones können aller Voraussicht nach nicht mit Daydream genutzt werden. Das gab Clay Bavor, Leiter von Googles VR-Abteilung, völlig offen zu. Mehr noch: Der Google-Manager riet sogar Smartphone-Nutzern, mit dem Kauf eines neuen Mobiltelefons zu warten, wenn dieses auch für Googles VR-Plattform genutzt werden solle.

So weit, so normal – dass eine vollkommen neue Plattform oftmals nicht mit alter Technik kompatibel ist, sollte grundsätzlich nicht überraschen und kommt immer wieder vor. Ohne das Abschneiden alter Zöpfe wäre technischer Fortschritt kaum möglich und unsere Computer hätten heute noch Floppy-Laufwerke an Bord. Irgendwann muss also ein Schnitt passieren, damit man vorangehen kann – geschenkt.

Und dennoch liegt der Fall bei Daydream gänzlich anders. Wir sprechen hier nämlich nicht von Jahrzehnte alter Technik, sondern aktuellen Flaggschiff-Smartphones. Ein Samsung Galaxy S7, um nur ein Beispiel zu geben, ist gerade mal drei (!) Monate auf dem Markt – und soll zu schwachbrüstig sein, um für Virtual Reality genutzt zu werden? Tut mir leid, Google, aber das kann niemand verstehen.

Grundsätzlich ist es natürlich begrüßenswert, dass Google hohe Standards anlegt, um eine einwandfreie Virtual-Reality-Experience zu gewährleisten. Unweigerlich stellt sich da aber die Frage: Hat Google etwa nicht ordentlich geplant? Es war doch im Großen und Ganzen klar, mit welchen Spezifikationen das obere Ende der 2016er Smartphone-Flotte aufwarten wird. Haben die Planungen für Daydream vielleicht erst vor zwei Monaten begonnen? Andernfalls ist es kaum erklärbar, weshalb Google nicht im Hintergrund auf die Gerätehersteller eingewirkt hat, sodass aktuelle Spitzenmodelle bereits heute kompatibel zur VR-Plattform sind. Normalerweise ist man aus Mountain View mehr Voraussicht gewöhnt.

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Daydream kommt erst 2017 im Massenmarkt an

Das Daydream-Fiasko wäre halb so schlimm, wenn der Zeitpunkt nicht so unglücklich wäre. Obwohl wir erst Ende Mai schreiben, ist das Smartphone-Jahr de facto vorbei. Mit Ausnahme von Überraschungen, die man naturgemäß nicht planen kann: Was kommt denn noch großartig auf uns zu? Im Spätsommer wird aller Wahrscheinlichkeit nach das Galaxy Note 6 erscheinen, im Anschluss unter Umständen Nachfolger für das Mate S und One A9 und neue Nexus-Geräte. Das war's!

Schauen wir uns die Liste mal genauer an: Nexus-Geräte besitzen eine leidenschaftliche Fan-Gemeinde, sind aber bei aller Liebe keine Verkaufsschlager. Das One A9 war im vergangenen Jahr ein Gerät mit Mittelklasse-Spezifikationen und es dürfte unwahrscheinlich sein, dass sich das beim Nachfolger ändert. Ergo: Das One A10, oder welchen Namen es schlussendlich auch tragen mag, dürfte kaum die hohen Daydream-Anforderungen erfüllen. Übrig sind demzufolge der Nachfolger des Mate S (Test) und das Galaxy Note 6, die höchstwahrscheinlich beide kompatibel zu Daydream sein werden. Bleiben am Ende also nur zwei Smartphones, die einerseits Daydream-Hardware mitbringen und andererseits das Zeug haben, zu Verkaufsschlagern zu werden.

Bis zur 2017er Flaggschiff-Generation, die wir erst im Frühjahr nächsten Jahres erwarten, wird Daydream faktisch also nicht im Massenmarkt ankommen.

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Starke Konkurrenz auf dem VR-Markt

Andererseits ist in diesem Jahr der Marktstart der Oculus Rift, der HTC Vive und Playstation VR geplant. Sicher: Alle drei VR-Headsets werden wohl deutlich mehr kosten als zukünftige Daydream-Lösungen zu Buche schlagen. Allerdings bieten sie auch mehr Funktionen, ein realistischeres VR-Erlebnis und bis Daydream 2017 wirklich im Massenmarkt angekommen ist, werden HTC Vive und Co. mit Sicherheit auch im Preis gefallen sein.

Mit dem Zwang für neue Hardware hat Google seiner VR-Plattform wahrlich keinen Gefallen getan. Daydream wirkt wie ein kaum durchdachter Schnellschuss, den man in dieser Form vom Suchmaschinenanbieter nicht gewöhnt ist. Ob Googles VR-Ambitionen auf lange Sicht Erfolg haben werden, muss sich unter diesen Startvoraussetzungen erst zeigen.

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