Google vs. Apple: Fünf Dinge, die Android von iOS lernen kann

Frank Ritter 23

Ja, wir geben es zu, dieser Titel ist etwas ketzerisch gehalten. Aber wenn man mal ehrlich ist, hat auch das Apple-Ökosystem, und zwar speziell iOS, einige Aspekte zu bieten, von denen sich Android durchaus eine Scheibe abschneiden könnte. Der geneigte Android-Fan kann sich nach dem Lesen dieser Liste an niederschmetternder Kritik getröstet fühlen: Parallel zu diesem Artikel erscheint einer auf der Website der Mac Life, der das Ganze aus der anderen Richtung betrachtet: 5 Dinge, die iOS von Android lernen kann. Nun aber in medias res.

Google vs. Apple: Fünf Dinge, die Android von iOS lernen kann

Konsistenz

Wer sich ein iPhone kauft und ein paar Apps installiert, wird feststellen, dass die meisten „wie aus einem Guss“ wirken und sich optimal in das Gesamtbild des Betriebssystems einfügen. Das liegt daran, dass Apple relativ strenge Designrichtlinien etabliert hat und Apps gar nicht erst zulässt, wenn diese dagegen verstoßen. Unter Android gibt es zwar auch Design-Empfehlungen, an diese halten sich App-Entwickler jedoch deutlich weniger. Auch Google selbst ist weitaus weniger stringent im Design der System-Apps: Beim Vergleich der Benutzeroberflächen von Google Mail, Android Market und der Galerie-App etwa fällt das deutlich auf. Dies scheint seit dem Release der Tablet-Variante von Android, Version 3.0 „Honeycomb“, zwar verbessert, ist aber nach wie vor weit von der UI-Konsistenz von iOS entfernt. Ergebnis: Höhere Nutzerverwirrung und -Frustration, verringerte Einsteigerfreundlichkeit. Es steht zu hoffen, dass die nächste Android-Version „Ice Cream Sandwich“ Entwicklern stärker die Hand reicht.

Ein besserer Appstore

Android Market vs. iOS App Store

In den Augen vieler Android-Nutzer ist der Market nach wie vor ein Ärgernis, obwohl daran in den letzten Monaten viel geschraubt wurde. Nicht ganz zu Unrecht: Neben diversen Fällen, in denen Malware auftauchte, sind es vor allem gestohlene, urheberrechtlich problematische und Fake-Apps, so zum Beispiel Billigversionen von beliebten Spielen, die im Market nach wie vor zu finden sind.

Das ist insofern nicht weiter verwunderlich, als dass es mittlerweile über 250.000 Apps im Android Market gibt, ein paar „schwarze Schafe“ sind natürlich darunter. Es gehört zum Konzept von Google, das Apps nicht vorgeprüft werden – somit können neue Apps schneller Einzug halten und Updates unproblematisch verteilt werden. Nur müsste Google zumindest nachgelagert Kontrolle ausüben. Konkret bedeutet das: Den Nutzern Möglichkeit geben, die „schwarzen Schafe“ unter den Apps leicht zu melden sowie diesen Meldungen mit einem eigenen Team nachzugehen. Daran hapert es im Android Market.

Zudem ist der Market am Android-Gerät selbst immer noch stark verbesserungswürdig: Die Performance ist schlecht, die Navigation zwischen einzelnen App-Arten erstreckt sich über zahlreiche Ebenen, die nur schwer zu durchschauen sind. Auch das Thema App-Bezahlung erregt die Gemüter, denn es ist nur möglich, Apps zu kaufen, wenn man über Google Checkout verfügt, was wiederum nur im Zusammenhang mit einer Kreditkarte funktioniert. In einem Land wie Deutschland, wo Kreditkarten unterrepräsentiert sind, bedeutet das ein dickes Minus für kaufwillige Nutzer. Im iTunes Store hat man hingegen größere Auswahl: Neben den obligatorischen Kreditkarten kann man (in Deutschland) auch per Click’n’Buy einfach vom Konto abbuchen lassen, oder – einfachste Variante zum Beispiel für Schüler – sich an der Supermarktkasse eine Guthabenkarte kaufen.

Fazit: Apple schafft es, dass es Spaß macht, am Gerät nach neuen Apps zu stöbern. Google legt dem Nutzer eher Steine in den Weg. Da ist deutliches Nachbesserungspotenzial vorhanden.

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Apple, Google, WhatsApp … so habt ihr die Firmenlogos noch nie gesehen.

Bessere Basis-Apps

Ein Argument für Android ist die Verfügbarkeit einer großen Menge an Alternativen zu den Standard-Apps, die von Google mitgeliefert werden. Leider sind eben jene Standard-Apps auch dringend ersetzungswürdig.
Das fängt bei der E-Mail-App an, die im Hintergrund läuft, selbst, wenn man darin gar keine Konten konfiguriert hat. Zusätzlich gibt es auch eine dezidierte App für Google Mail – für Anfänger verwirrend. Weiter geht es bei der Galerie-App, die zwar mit einem schicken 3D-Effekt aufwartet – bei dem sich die Bilderhaufen beim Kippen des Geräts sogar neigen. Grundsätzliche Optionen zum Sortieren von Bildern lässt die App aber vermissen. Der Musikplayer ist brauchbar, aber weitem nicht so gut wie der von Apple, ein Videoplayer gar nicht erst vorhanden.

Diese Apps werden von Herstellern wie Motorola, Samsung und HTC sowieso teilweise durch eigene Apps ausgetauscht – was ihr gutes Recht ist, aber auch nicht gerade zu einem einheitlichen Bild der Android-Welt beiträgt. Schlimmer wiegt jedoch, dass selbst die Apps in Standard-Android ein fragmentiertes Bild abgeben: So fehlt eine eigene Designsprache, App-übergreifende Wiedererkennungswerte, ein einheitliches Look and Feel – selbst die Farben variieren: Manche Apps sind Schwarz auf Weiß, andere Weiß auf Schwarz. Apple hingegen macht es besser und erkennt den Wert von konsistenten Bedienelementen. Die meisten Apps wirken wie „aus einem Guss“.

Performance

2010 war das Jahr der Single Core-CPUs, 2011 sind es Dual Cores, für 2012 steht schon die Quad Core-Generation für Mobilgeräte in den Startlöchern. Kein Zweifel: Android-Geräte werden immer performanter. Das liegt einerseits in der Tatsache begründet, dass es mehr als einen Hersteller gibt, die im stetigen Konkurrenzkampf sind. Zum anderen aber auch darin, dass Android es bitter nötig hat.

Erst mit der Tablet-Version Android 3.0 „Honeycomb“ wurde Hardwarebeschleunigung für Apps aktiviert, und das auch nur optional. Der Browser zum Beispiel läuft selbst unter Honeycomb in bestimmten Situationen (Webformulare auf Script-intensiven Seiten!) alles andere als optimal. Auf allen Android-Smartphones wird der Homescreen immer noch von der CPU gerendert und gerät ins Stocken, vor allem bei aktivierten Live Wallpapers und vielen gleichzeitig angezeigten Widgets. Ganz anders die Situation bei den iDevices: Schon das allererste Modell fiel durch die herausragende „Flüssigkeit“ beim Hin- und Herwischen auf dem Springboard auf, der mobile Browser überzeugt durch butterweiches Scrollen und Pinch-to-Zoom selbst auf komplexen Websites.

Dass Apple-Freunde über Android als „Ruckel-Betriebssystem“ höhnen, ist somit nicht übermäßig verwunderlich. Neuere Android-Modelle kompensieren das durch starke CPUs – den Vorwurf, dass Android da mit Kanonen auf Spatzen schießt und eine Optimierung der Software dringend fällig wäre, muss sich das Google-OS daher durchaus gefallen lassen.

Understatement und Identität

Apple vermarktet seine Produkte sehr geschickt: Es kommt nicht nur auf das Hardware-Software-Paket an, sondern auch auf eine Lebenseinstellung, die man beim Gerätekauf quasi mitgeliefert bekommt. Ob sich das mit der Realität, in der Hinz und Kunz sowie Lieschen Mülleran der Ampel in ihr iPhone glotzen, noch deckt, sei mal dahingestellt. Tatsächlich gilt es aber immer noch als „cool“ ein iPhone zu besitzen, und zwar weitaus stärker als Android-Flaggschiffe wie das HTC Sensation oder Samsung Galaxy S II. Das mag zum einen am quasi-religiösen Nimbus liegen, mit dem Apple-Fans ihre Produkte, die Firma und die Personen dahinter umgeben und gegen den andere Firmen nicht ankommen. Zum anderen (oder in gegenseitiger Wechselwirkung) aber auch mit der schlichten Eleganz und dem Bohei-armen Understatement, mit dem Apple seine Produkte präsentiert. Steve Jobs und sicher auch sein Nachfolger haben es nicht nötig, eine Viertelstunde darüber zu referieren, wie großartig sie als Firma sind. Sie listen zwar auch die Erfolge von Apple auf und präsentieren ihre Produkte in gleißenden Adjektiven wie „magisch“ – das ist aber trotzdem deutlich nüchterner gehalten als jede Produktvorstellung von, beispielsweise, Samsung oder Sony. Die minutenlangen Begeisterungsstürme ob der Größe und der fantastischen Leistungen sind bei diesen Firmen nämlich kaum erträglich.

Die Art, wie die Produkte vorgestellt werden, ist sicher nur ein Stein im Mosaik des Vorwurfs, Android-Geräte seien weniger „sexy“ als iDevices, er dient aber recht gut, um das Dilemma im Verkauf bei Samsung und Co. darzustellen: Man will sich einerseits am Branchenprimus Apple messen, andererseits von ihm abheben. Man insistiert einerseits darauf, die besseren Geräte zu bauen, sucht aber andererseits trotzdem den Vergleich. Man will eigenständig sein, scheut aber keinen Seitenhieb gegen Apple. Immerhin ist festzustellen – und das ist einer der Schlüsse, die man aus dem Jahr 2011 in der mobilen Welt ziehen kann –, dass auch die Hersteller von Android-Geräten mittlerweile zur Erkenntnis gelangen, dass man eine eigene Identität hat und diese ruhig herauskehren kann. Auch auf Nutzerseiten, muss man sich dieser Tage deutlich seltener rechtfertigen für die Tatsache, dass man ein Freund von Android ist, als noch vor etwa einem Jahr.

Genug der Selbstkasteiung. Auch das iOS-Betriebssystem hat seine Macken. Im Pendant zu diesem Artikel auf den Seiten der Mac Life findet ihr die Gegenposition: Fünf Dinge, die iOS von Android lernen kann.

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