Verknüpfte Daten und Privatsphäre: Quo vadis, Google? [Kommentar]

Markus Schumacher 40

Derzeit dreht und wendet sich so einiges im Google-Universum. Android 4.3 wurde nach diversen Leaks endlich offiziell vorgestellt und an Android 5.0 wird mutmaßlich schon lange gearbeitet. Das erste Motorola-Smartphone unter der Führung von Google wurde vorgestellt, Latitude wie Picasa migrieren zu Google+ und neue Funktionen scheinen sich immer mehr in die Google-Dienste zu verlagern. Auf den ersten Blick hat das alles keinen besonderen Zusammenhang, aber eine Entwicklung lässt sich erkennen. Ein paar Gedanken und Bedenken zur momentanen Richtung von Google, insbesondere in Bezug auf Datenschutz.

Verknüpfte Daten und Privatsphäre: Quo vadis, Google? [Kommentar]

Für Google stand das Jahr 2012 ganz im Zeichen von Android „Jelly Bean“ – zumindest in der Rückschau eines Android-Fans. Doch auch anderes hat sich verändert, eine Entwicklung, deren Zementierung weiter anhält: Die Zusammenführung vieler einzelner Google-Dienste. Wir erinnern uns: Vor nicht allzu langer Zeit war es beispielsweise üblich, dass man sich für YouTube und Google Mail separat angemeldet hat. Von einer großen Verbindung zwischen den Diensten war nicht viel zu spüren. Das ist heute anders: Ein Google-Login funktioniert auf allen Diensten.

Google 2013: Die totale Integration

Die Reaktion der Nutzern auf diese Tendenz ist unterschiedlich. Die einen freuten sich über eine vernünftige und weniger zerstückelte Kontoverwaltung, die anderen wiederum sahen in der Kombination der Daten ein Risiko für die Privatsphäre. Was sich aber unter dem Strich einstellte war schließlich jedoch eine weitgehende Akzeptanz der neuen Umstände – wie es eben meistens so geht, wenn sich etwas ändert. Möglicherweise dadurch bestätigt legte Google in diesem Jahr nach: App-Bewertungen im Play Store gehen nur noch mit bestehendem Google+ Profil, Hangouts lassen sich nur mit einem bestehenden Profil starten, Google Play Games lässt sich wie selbstverständlich nur mit Google+ und Klarnamen nutzen und, wer hätte es gedacht, Latitude wandert, genau wie Picasa, zu Google+ (ohne freilich dessen Zuverlässigkeit und Funktionsumfang bislang auch nur im Ansatz zu erreichen).

Nun ist das soziale Netzwerk von Google immer noch nicht bekannt für seine große Anzahl an Nutzern, gerade im Vergleich mit Facebook liegen noch Welten dazwischen. Der Fokus von Google lag aber noch nie darauf, Nutzern eine Plattform zur Selbstdarstellung zu bieten – das Kerngeschäft war und bleibt die stille „Beobachtung“ seiner Nutzer. Und genau das tut Google immer besser, immer dynamischer. Das neue Google Maps bietet personalisierte Empfehlungen, je nachdem, wonach man häufig sucht. Die Suchergebnisse sind schon lange mit Empfehlungen von Freunden kombiniert und auch die Werbung, als zentrale Einnahmequelle von Google, ist längst personalisiert und zeigt auf jeder Internetseite mit AdSense auf den Nutzer abgestimmte Werbung.

Nach dieser Entwicklung wundert es nicht, dass auf der diesjährigen Entwicklerkonferenz kein neues Android im Mittelpunkt stand, sondern eben genau diese Google Dienste, die sich immer mehr miteinander verständigen. Zahlreiche Funktionen, die zuvor „hart“ in den Programmcode von Android geschrieben waren, werden durch Play Services in einer separaten App realisiert. Das ist nicht nur praktisch für die stetige Aktualisierung, auch unabhängig von lahmenden Herstellern oder Providern, sondern auch viel flexibler in der Anpassung. Erst kürzlich hat Google neue Funktionalität, den „Android Device Manager“ still und heimlich auf jedermanns Gerät installiert und verfügbar gemacht.

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Aggregierte Daten und kleine Tricks

Bei aller Freude an neuen Funktionen und nützlichen Neuerungen – der Device Manager gehört zweifelsfrei dazu – stört mich diese Heimlichkeit, mit der manche Dinge passieren. Ich bin kein Paranoiker, dennoch sollte sich nach den Datenschutzskandalen um PRISM jeder Gedanken machen, wer dessen Daten nutzt und wie auswertet. Ein kurzer Bogen zu Android und der zuletzt veröffentlichten Version 4.3 lässt bei genauer Betrachtung aufmerken: Da ist also eine neue Funktion an Bord, die meine Ortung verbessern soll, auch ganz ohne GPS. Das klingt zunächst sinnvoll, schließlich nervt der langwierige GPS-Fix in manchen Apps des Öfteren. Aber wie funktioniert das eigentlich? Google gibt beim Einrichten des Gerätes eine etwas schwammige, aber dennoch einleuchtende Erklärung: das WLAN bleibt immer an, auch wenn es „aus“ ist. Diese Funktion gab es schon immer. Nur ist diese gestützte Ortung, die im Gegensatz zu GPS allein zwingend eine Datenverbindung zu Google voraussetzt und dabei auch die Nutzerposition meldet, mit Android 4.3 nicht mehr auf normalem Wege deaktivierbar. Denn schalte ich mein WLAN auf „aus“, ist es nicht wirklich aus, sondern bleibt, allein zum Zwecke der Nutzerlokalisierung, aktiv. Will man es drastisch ausdrücken, dann lügt Google hier die Android-Nutzer an.

Nur durch eine explizite Abschaltung in tief im System verborgenen Einstellungen verhindert man diese stetige Suche nach umgebenden Netzwerken zur besseren Ortung, ein unbedarfter Nutzer wird also gar nicht feststellen, dass diese Funktion im Hintergrund läuft. Was Google mit den Erkenntnissen sonst noch anstellt, die aus ständigem WLAN-Empfang hervorgehen, bleibt unbekannt. Dass aber gespeicherte Passwörter von bekannten Netzwerken bis zuletzt unverschlüsselt auf den Servern hinterlegt wurden, hat einen unangenehmen Beigeschmack.

Machen wir noch einen kurzen Abstecher zum Moto X. Lange wurde darauf gewartet, dass Motorola das erste Gerät veröffentlicht, das komplett unter Googles Schirmherrschaft entstanden ist, denn der Kauf war kein Schnäppchen. Stolze 12,5 Milliarden US-Dollar legte Google auf den Tisch, das war fast acht Mal so viel wie für den Kauf von YouTube (1,7 Milliarden US-Dollar) und damit Googles größte Investition aller Zeiten. Bis zuletzt stuften Analysten den Kauf immer wieder als zu teuer ein, allerdings dreht sich das Blatt mit Erscheinen des Moto X. Zugegeben, es ist kein pures Google-Phone, kein Nexus, dennoch ist das Gerät durch und durch geprägt von der neuen Konzernmutter aus Mountain View und deren Ideen. Betrachtet man die „Awareness“-Funktionen des Geräts, wird schnell klar, wo dessen Fokus liegt: Google möchte das tun, was es schon immer am besten konnte – beobachten, „dabei sein“. Ein separater Chip verarbeitet jederzeit, auch im Standby die Umgebungsgeräusche und reagiert auf das Zauberwort „Okay, Google Now“, um es erwachen zu lassen. Zahlreiche schlaue Sensoren helfen zudem, das Gerät noch besser an den Nutzer anzupassen und in jeder Situation möglichst passend zu reagieren.

Wie viel muss Google von mir wissen?

Ich muss zugeben, dass ich von solchen technischen Funktionen schnell zu begeistern bin. Vieles nimmt mir Arbeit im Alltag ab und ich bin dankbar für jede Verbesserung, die den Umgang mit Geräten oder Programmen noch angenehmer gestaltet. Aber gerade in der letzten Zeit – die Aufdeckung aller Umstände des PRISM-Programms und der Machenschaften der Geheimdienste im Internet hat gerade erst begonnen – fange ich vermehrt an, Dinge kritischer zu betrachten. Meinen Standort hat mein Smartphone bisher auch immer gefunden, warum sollte ich dafür jetzt dauerhaft das WLAN aktiviert lassen? Awareness-Funktionen hin oder her, wer ist so naiv und denkt, dass das Mikrofon nur das Zauberwort hören will und bei anderen Dingen „weghört“? Muss es wirklich sein, dass Google Maps sich merkt, wo ich schon überall nach einem Imbiss gesucht habe, um mir beim nächsten Mal einen guten Italiener um die Ecke vorzuschlagen? Ich möchte kein Schwarzmaler sein, und nur die wenigsten Daten sind überhaupt relevant oder interessant für Außenstehende. Dennoch sollte man die Entwicklung im Blick behalten und dabei nie vergessen, dass hinter jedem kostenlosen Angebot eines Internetkonzerns auch ein wirtschaftliches Interesse steht.

Ein Gedanke zum Abschluss: Ein Freund meinte in einem persönlichen Gespräch über Spionage und Datensammlung vor Kurzem, dass sich sowieso nur die Leute am lautesten beschweren, die auch etwas zu verbergen haben. Ich musste ihm widersprechen, denn aus meiner Sicht hat – erstens – jeder irgendein Geheimnis, dass er nicht in fremden Händen wissen möchte, und – zweitens – es mein gutes Recht ist zu entscheiden, wem ich mich anvertraue und was jemand über mich weiß. Die Behauptung, man selbst hätte nichts zu verbergen halte ich für Unfug und trifft, wenn überhaupt, nur auf die Wenigsten zu. Jeder sollte sein Recht einfordern dürfen zu entscheiden, wer mitliest und weiß, wo man sich befindet. Und wenn ich jemandem begegne, der Google Glass trägt und mich damit unter Umständen filmt, ist es mein gutes Recht ihn zu bitten, diese Brille abzusetzen, ohne gleich als Datenschutz-paranoider Deutscher abgestempelt zu werden.

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