Warum hat Google Motorola an Lenovo verkauft? (Kommentar)

Kamal Nicholas 8

Ich war vorhin doch sehr überrascht darüber, dass Google mit Lenovo gemeinsame Geschäfte gemacht und die Mobilfunksparte von Motorola an das chinesische Unternehmen Lenovo verkauft hat. Aber war das ein schlechter Schachzug? Ich glaube nicht.

Es klingt zunächst nach einer unglaublich schlechten Rechnung. Man kauft in einem Jahr für einen Betrag von 12,5 Milliarden Dollar (wobei es auch eigentlich „nur“ 10,5 Milliarden Dollar waren) die Mobilfunksparte von Motorola, um sie nur ein Jahr später für gerade einmal 2,91 Milliarden wieder zu verkaufen. Aber Google wäre nicht Google, wenn hinter dieser Aktion nicht eine ganze Menge mehr stecken könnte. Deshalb muss man sich auch zwingend anschauen, was vor und während dem Deal eigentlich passiert ist.

Patente, Patente, Patente

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Google ist nun kein Unternehmen, das Hardware baut. Nein, das Unternehmen verdient sein täglich Brot (und sämtliche Marmeladen und Aufstriche dieser Welt) mit Werbung. Zwar gibt es jährlich neue Nexus-Geräte, diese werden aber immer in Zusammenarbeit mit anderen Hardware-Herstellern produziert. Obwohl Google Motorola Mobilty gekauft hat, wurden auch die letzten Nexus-Geräte nicht „im eigenen Haus“ angefertigt, sondern auch hier wurde wieder auf Koproduktionen zurückgegriffen.

Was Google sich mit Motorola Mobility aber einverleiben konnte, sind zahlreiche Patente. Und davon wurden viele eben nicht an Lenovo verkauft. Lenovo wird zwar 2.000 dieser Patente mit dem Kauf erhalten, der Großteil bleibt aber weiterhin bei Google. Ursprünglich war bei der Übernahme von Motorola Mobility durch Google die Rede von 17.000 Patenten, an anderer Stelle fiel die Zahl 10.000. Immer noch sehr viel mehr Patente, als die, die nun an Lenovo weitergegeben werden.

Keine Nexus-Geräte mehr?

Mit den Nexus-Geräten hat Google eine Sache klar gestellt: Gute Hardware gibt es auch zu wesentlich günstigerem Preis. Während vor allem im Tablet-Bereich die unterschiedlichsten Hersteller recht teure Geräte angeboten haben, zeichnete sich das Nexus 7 vor allem durch seinen Kampfpreis aus. Die Nexus-Smartphones folgten dieser Preispolitik.

Den Vogel abgeschossen hat hier aber wahrscheinlich das Moto G, das für unter 200 Euro zu haben und damit eine ganz klare Ansage nicht nur in Sachen Preispolitik war: Google hat für dieses Gerät sehr nah mit der bis dahin noch einverleibten Mobilfunksparte Motorolas zusammengearbeitet und gezeigt, dass noch günstiger ebenfalls kein Problem ist. Und auch „fast reines“ Android ist schön anzusehen. Wirklich lukrativ dürfte das Moto G dabei für keins der Unternehmen sein. Aber vielleicht sollte das Gerät auch mehr als ein Statement anzusehen sein, als ein wirtschaftlicher Erfolgsversuch.

Moto G Review.
Mittlerweile bringen die unterschiedlichsten Hersteller von Android-Smartphones freiwillig eigene Google-Editionen ihrer Flaggschiffe heraus, die mit reinem Android ausgestattet sind. Google muss hier also eigentlich überhaupt nichts mehr machen und kann trotzdem dabei zuschauen, wie Vanilla-Android sich verbreitet. Ein logischer nächster Schritt wäre deshalb auch, dass es in Zukunft gar keine eigenen Nexus-Geräte mehr gibt. Eine Entwicklung, an der die Übernahme von Motorola Mobility sicherlich zu einem großen Teil beteiligt ist.

Google hat Motorola nicht mehr „nötig“

Nachdem Google Motorola gekauft hat, sind einige Dinge ins Rollen gekommen. Einer der wichtigsten Punkte dürfte die Restabilisierung von Android sein. Ein gutes Beispiel dafür ist etwa das Patentabkommen mit Samsung, das ganz deutlich zeigt, das eine Zusammenarbeit durchaus funktionieren kann und letzten Endes vielleicht doch besser ist, als sich wegen jeder kleinen Patent-Lappalie vor Gericht zu zerren. Solche Abkommen waren vielleicht auch nur deshalb möglich, weil andere Unternehmen „Angst“ (oder vielleicht besser „Respekt“) vor Googles Stellung inklusive der eigenen Mobilfunksparte hatten. Das ist natürlich nur eine Vermutung und kann durchaus falsch sein.

Motorola war für Google in rein wirtschaftlicher Angelegenheit bisher sicherlich nicht rentabel (12,5 Milliarden Dollar müssen auch erste einmal wieder reingespielt werden und in einem Jahr passiert sowas eher selten). Das Gleiche gilt auch für viele der akquirierten Patente. Auf lange Sicht gesehen dürfte sich der aktuelle Schachzug Googles aber durchaus als lukrativ erweisen.

Der beste Teil von Motorola bleibt bei Google

Eines der wohl interessantesten neuen Konzepte des vergangenen Jahres hört auf den Namen Project Ara, bei dem es sich um einen modularen Smartphone-Entwurf handelt. In Zusammenarbeit mit Phone Blocks hat Motorola hier ein Baukasten-Prinzip für Smartphones entwickelt. Und genau dieses bleibt auch nach dem Verkauf bei Google und soll in der Zukunft ausgebaut werden.

Lenovo wird zum wichtigen Geschäftspartner

Und was ist eigentlich mit Lenovo? Nun, das chinesische Unternehmen will verstärkt den amerikanischen Smartphone-Markt in Angriff nehmen. Mit der Übernahme von Motorola Mobility dürfte dieses Vorhaben jetzt einen ganzen Schritt näher rücken. Und auch für Google dürfte das Geschäft ein politisch wichtiger Zug sein, das neben Symphatiepunkten in China sicherlich auch noch den ein oder anderen Vorteil haben dürfte.

Was ich persönlich ja schon fast wieder amüsant finde ist, dass im vergangenen Jahr das Moto X mit patriotischen Pauken und Trompeten als „das erste in Amerika designte und produzierte Smartphone“ beworben wurde. Mit der Übernahme durch den chinesischen Großkonzern dürfte auch das wohl  zu einem Ende kommen.

Leider kenne ich mich persönlich in wirtschaftlichen Angelegenheiten zu wenig aus, um die weiteren (vor allem finanziellen) Aspekte des Verkaufs von Motorola Mobility an Lenovo nachvollziehen zu könne. Aber ich bin mir sicher, dass Google sich einige Gedanken darüber gemacht hat. Das Unternehmen aus Mountainview hat es ferner sicherlich nicht nötig, ohne weitere Überlegungen ein solches Verlustgeschäft zu machen. Interessant wird sein, wie sich das in der Zukunft weiterentwickeln wird.

Artikelbild: Singlerain, Quellen: The Verge (1, 2), Hacker News9to5 Google

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