Goodbye, HTC! Ein Ex-Fan nimmt Abschied [Meinung]

Tuan Le 24

HTC, das war für mich einmal der Stern am Smartphone-Himmel: Der Inbegriff innovativer Geräte mit beeindruckendem Design und ansehnlicher Software, kurzum – ich war ein Fan des taiwanischen Unternehmens. Beobachtet habe ich den langsamen Fall von HTC bislang mit der Hoffnung, es würde sich noch alles ändern. Was HTC sich aber auf dem MWC geleistet hat, lässt mein Vertrauen schwinden.

Goodbye, HTC! Ein Ex-Fan nimmt Abschied [Meinung]

Mein erstes Smartphone von HTC war ein gebrauchtes HTC Magic. So richtig kennen und lieben gelernt habe ich die Geräte der Taiwaner mit dem HTC HD2. Das Flashen von Custom-ROMs, die Entdeckung der Vielfalt und Schönheit von Android habe ich hauptsächlich mit dem HD2 erlebt. Noch heute gilt das Smartphone als eine Legende in der Entwickler-Community und wurde jüngst sogar mit der Software-Version Android 6.0 Marshmallow versehen. Von Menschen, die das in ihrer Freizeit machen, ohne dafür bezahlt zu werden - seit mehr als einem halben Jahrzehnt.

Warum? Nicht einfach nur deshalb, weil die Entwicklung alternativer Firmwares beim HTC HD2 dank einer Software ohne lästige Sperren oder sonstigen Repressalien leicht ist. Sondern weil es aus einer Ära stammt als man von HTC noch in einem Atemzug mit Apple und Samsung sprach. Weil es Innovationen, starke Leistung und ein edles Design geboten hat, das damals seinesgleichen suchte. Kurzum: Weil es das verkörpert, weshalb viele eingeschworene Nutzer Android-Smartphones lieben.

Nach insgesamt drei verschiedenen HTC HD2 (ich habe noch 2014 ein solches genutzt: Zu dem Zeitpunkt war es schon 5 Jahre auf dem Markt), einem HTC One S, HTC One X und einem kurzen Intermezzo mit dem One M7 habe ich kein Smartphone von HTC mehr privat im Einsatz gehabt. Das meine ich gar nicht abwertend; sowohl das One M8 als auch das One M9 sind an und für sich keine schlechten Geräte, aber die Konkurrenz war einfach interessanter. OnePlus, OPPO oder auch LG haben sich in meiner Gunst stattdessen durchsetzen können. HTC hat sich aus meinem Bewusstsein geschlichen, Stück für Stück.

Bilderstrecke starten
9 Bilder
HTC Zero: Sieht so das Comeback des Traditionsherstellers aus?

Jeder, der HTC mal mochte, kann gar nicht anders als wütend sein

HTC Desire 825 im Hands-On.

Was sich HTC aber aktuell leistet, ist für mich ein wirtschaftlicher Suizid. Vielleicht auch ein verzweifelter Hilferuf eines guten Freundes, mit dem ich irgendwann aufgehört habe zu telefonieren.* Im Rahmen des MWC wurden gestern zwei Smartphones von HTC vorgestellt. Allein für sich betrachtet war schon das Desire 825 ein Stich ins Herz. Ein 5,5-Zoll-Display mit 720p-Auflösung, ein Snapdragon 400, verpackt im billigen Plastikgehäuse? Für 349 Euro? Da musste selbst unser Kollege Amir im Hands-On-Video lachen, als er den Preis vorlas. Und zwar zurecht: HTC, wisst ihr eigentlich, was man, teils für weniger Geld, bei der Konkurrenz bekommt?

  • OnePlus 2 für 345 Euro: Ein deutlich besser ausgestattetes und hochwertigeres Flaggschiff-Smartphone mit Fingerabdrucksensor
  • Moto X Play für 300 Euro: Schärferes Display/Kamera, dicker 3.630 mAh-Akku und individualisierbar
  • Samsung Galaxy S5 Neo für 300 Euro: Bessere Leistung, mehr Features. Und das sage ich, obwohl ich TouchWiz kaum ertrage.
  • LG G Flex 2 für 260 Euro: Erheblich bessere Leistung und obendrein ein gebogenes Display.

Aber die Geschichte geht ja noch weiter. Kurze Zeit später kam dann die Pressemitteilung hereingeflattert, dass das HTC One X9 nach Europa kommen würde. Das hat mich ehrlich gefreut: Klar, das One X9 ist kein absolutes Flaggschiff-Smartphone mit seiner MediaTek-CPU. Mit seinen guten Spezifikationen und dem schicken Design hätte HTC dennoch viele Abnehmer finden können; in China wird das Gerät für umgerechnet 330 Euro verkauft, in Deutschland erschien mir ein UVP von 399 Euro realistisch. Und sehen wir es realistisch: Die Zeit der High End-Smartphones geht dem Ende zu, nur die wenigsten wollen 500 Euro oder mehr für ein Gerät ausgeben.

Dann allerdings verkündete HTC DACH die Hiobsbotschaft: Das HTC One X9 komme zwar nach Europa, doch Deutschland, Österreich und die Schweiz lässt man aus. Im ersten Moment dachte ich mir nur: Schade, wahrscheinlich lohnt es sich wirtschaftlich einfach nicht. Dann musste ich allerdings unwillkürlich wieder an das Desire 825 denken: HTC bringt also ein total überteuertes Mittelklasse-Smartphone anstelle eines Preiskämpfers zu uns, in Zeiten, in denen man wirtschaftlich sowieso schon Probleme hat?

Selbstmord aus Angst vor dem Tod?

Mittlerweile ist HTC an einem Punkt gekommen, an dem ein Aufschwung nicht mehr in Sicht ist. Die Geschäftsführung von HTC hat offenbar keine Ahnung, worum es den Kunden geht und tut ehrlich gesagt gut daran, schon mal gedanklich in den Virtual Reality-Sektor umzusiedeln. Ich gebe es offen zu: Auch an das HTC One M10 glaube ich nicht mehr, weder als Smartphone noch als ein Wendepunkt für HTC aus wirtschaftlicher Sicht. Man sollte mich nicht missverstehen: Ich distanziere mich von Nutzern, die nach dem One M9 (Test) Dinge wie „Nie wieder HTC!“ riefen.

Wegen eines Fehltritts in der Vergangenheit – wenn man ein gelungenes, nur eben kaum weiterentwickeltes Smartphone überhaupt so bezeichnen muss – auf ein kommendes Smartphone zu verzichten, ergibt keinen Sinn. Ich würde jederzeit ein überzeugendes Flaggschiff-Smartphone von HTC kaufen, selbst wenn in der Zwischenzeit noch 5 weitere mittelmäßige Desire-Smartphones auf den Markt kämen. Aber ich bin auch enttäuscht und resigniert ob der Produktpolitik von HTC. Der Abschied geht nicht von mir aus, sondern vonseiten HTCs – einem Unternehmen, das vor langer Zeit Smartphones herstellte, die mich begeisterten. Und das heute nur ein Schatten seiner selbst ist.

In dem Sinne: Goodbye, HTC.

LG G5 bei Amazon kaufen *

Zu den Kommentaren

Kommentare zu diesem Artikel

Neue Artikel von GIGA ANDROID

* Werbung