Angebliche Foto-Schummelei: Huawei kann nichts für eure Naivität!

Kaan Gürayer 21

Ein Unglück kommt selten allein: Nachdem Huawei bereits wegen angeblicher Verbindungen zur chinesischen Regierung in der Kritik steht, muss sich der Konzern jetzt Vorwürfe gefallen lassen, bei der Werbekampagne zum neuen P30 Pro geschummelt zu haben. Die Wahrheit ist aber etwas komplizierter. 

Nicht viele 79-jährige können von sich behaupten, die Welt verändert zu haben. Stella Liebeck gehört dazu. 1992 schüttete sich die Rentnerin versehentlich einen Becher heißen Kaffee über die Beine, den sie zuvor bei McDonalds gekauft hatte. Das Heißgetränk verursachte zum Teil schwere Verbrennungen. Liebeck verklagte McDonalds und bekam in erster Instanz mehr als zwei Millionen US-Dollar Schadensersatz zugesprochen. Um sich in Zukunft vor solchen Klagen rechtlich abzusichern, druckte die Fast-Food-Kette fortan Warnungen auf die Kaffeebecher: „Vorsicht, heißer Kaffee“ war geboren.

Dass Kaffee in aller Regel heiß ist, sollte einem der gesunde Menschenverstand sagen. Trotzdem sah sich McDonalds nach dem Rechtsstreit gezwungen, die Warnung auf die Kaffeebecher zu schreiben. Sicher ist sicher – vor allem im Land der unbegrenzten Klagemöglichkeiten.

Seinen ganz eigenen Stella-Liebeck-Moment erlebte in dieser Woche auch Huawei.

Zoom-Funktionen des P30 Pro: Huawei wird Täuschung vorgeworfen

Mit mehreren Teaser-Bildern warb der chinesische Hersteller für die Zoom-Funktion im kommenden P30 Pro, das Ende März in Paris offiziell vorgestellt wird. Die Aufnahmen zeigten ganz unterschiedliche Motive: Von einem Kind, das mit Enten spielt, über eine Südseeinsel bis zu einem explodierenden Vulkan war alles dabei. In der Mitte war eine Lupe zu sehen, die die entfernten und verschwommenen Motive kristallklar nach vorne holte.

„Schaut her, das P30 Pro wird eine tolle Zoom-Funktion haben“, so die wenig subtile Botschaft von Huawei.

Doch Überraschung: Die Teaser-Bilder wurden gar nicht mit dem P30 Pro geschossen! Wie sich im Nachhinein herausstellte, handelte es sich um Stock-Fotos, die der Konzern verwendet hat. Was folgte, war ein kleiner Shitstorm. Von „Schummelei“ war die Rede, andere gingen sogar weiter und haben Huawei Täuschung vorgeworfen.

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Huawei hat nie behauptet, die Fotos mit dem P30 Pro gemacht zu haben

Was bei der allgemeinen Entrüstung aber übersehen wurde: Huawei hat mit keiner Silbe behauptet, dass die Fotos mit dem P30 Pro geschossen wurden. Der angebliche Betrugsversuch basiert also lediglich auf der Annahme, dass die Aufnahmen mit dem P30 Pro erstellt worden sind. Dafür lässt sich aber schwerlich Huawei verantwortlich machen.

Dass Huawei mit den Werbebildern die Zoom-Funktion des neuen Smartphones lediglich illustrieren wollte, zeigen die Aufnahmen selbst am besten – immerhin sehen wir hier nicht weniger als einen explodierenden Vulkan. Glaubt denn irgendjemand ernsthaft, Huawei hätte ein paar Mitarbeitern ein P30 Pro in die Hand gedrückt, sie in einen Hubschrauber gesetzt und dann unter Lebensgefahr einen explodierenden Vulkan fotografieren lassen?

Wer schon immer wissen wollte, wie man „Huawei“ richtig ausspricht: 

Wie spricht man Huawei aus?

Werbung übertreibt und emotionalisiert

Das ist Werbung, mehr nicht. Werbung übertreibt und emotionalisiert, aber sie zeigt kein detailgetreues Bild der Realität. Mein Nassrasierer wird nicht zum Roboter und mit dem neuen Deo fliegen mir nicht wie von Zauberhand alle Frauen zu. Für solche Selbstverständlichkeiten ist eigentlich der gesunde Menschenverstand zuständig.

Denn wer so naiv ist und jedes Werbewort auf die Goldwaage legt, der ist auch überrascht, dass Kaffee heiß ist.

Hinweis: Die in diesem Artikel geäußerten Meinungen stellen ausschließlich die Ansichten des Autors dar und sind nicht notwendigerweise Standpunkt der gesamten GIGA-Redaktion.

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