US-Schlag gegen Huawei: Zeit auf eigenen Beinen zu stehen, Europa!

Kaan Gürayer 16

Im Handelskrieg zwischen den USA und China heißt das wahre Opfer: Europa. Das Duell um die technologische Vormachtstellung tragen die beiden Supermächte auf dem Rücken europäischer Kunden aus, die ohne Huawei in Zukunft wohl deutlich tiefer für Smartphones ins Portemonnaie greifen müssen. Größere Sorgen als teurere Handypreise sollte uns aber die Abhängigkeit machen, die wir gegenüber den Vereinigten Staaten und der Volksrepublik haben. Zeit auf eigenen Beinen zu stehen, Europa! 

Mein allererstes Handy hatte ich mit 11 Jahren. Es war 1997 und lange bevor der Prepaid-Boom ab den 2000ern die Mobiltelefon-Preise in den Keller rauschen ließ, spazierte ich als Elfjähriger mit einem Siemens S6 durch die Nachbarschaft. Nein, meine Familie war nicht reich – ich hatte das Handy im Wald gefunden! Natürlich funktionierte es nicht mehr, aber das war mir herzlich egal. Als Pubertierender war so ein Handy mit das Coolste, was man damals haben konnte.

In Deutschland wurden früher mal Handys gefertigt

Was diese Jugend-Anekdote mit der Causa Huawei zu tun hat? In meiner Kindheit war es noch selbstverständlich, dass in Deutschland Handys produziert werden. Siemens war einer der größten Mobiltelefonanbieter hierzulande, genauso wie Bosch oder AEG. Samsung oder Huawei kannte dagegen niemand. Anno 2019 erscheint das wie ein Rückblick in längst vergessene Zeiten, dabei ist das gerade einmal rund 20 Jahre her.

Und heute? Die drei größten Handyhersteller in Deutschland sind Samsung mit 43 Prozent, gefolgt von Apple mit 23 Prozent. Auf Platz 3 rangiert Huawei mit 12 Prozent. Deutsche Unternehmen fertigen schon längst keine Handys mehr in nennenswerter Stückzahl und nach dem selbstverschuldeten Untergang Nokias sieht es auch für europäische Hersteller düster aus.

Sicher könnte man diese Entwicklung jetzt ganz Laissez-Faire-mäßig als gottgegeben abtun. Die Arbeitskosten sind in Asien nun einmal deutlich niedriger, weshalb es sich eher lohnt, in China, Taiwan oder Südkorea Handys zu produzieren. Wer so argumentiert, darf sich aber nicht wundern, wenn Europa in Zukunft zum Spielball der Supermächte wird – und der an Huawei exerzierte Handelskrieg zwischen den USA und China ist ein Paradebeispiel dafür.

Handelskrieg zwischen USA und China: Europäische Handynutzer direkt betroffen

Obwohl Europa rein gar nichts mit dem Konflikt zu tun hat, sind wir die Gelackmeierten. Wenn zwei sich streiten, freut sich der Dritte? Schon wär’s. In den USA hat Huawei einen mickrigen Marktanteil von zwei Prozent, während der Hersteller im chinesischen Heimatland nicht auf die Google-Dienste angewiesen ist. Direkt betroffen sind also weder US-amerikanische noch chinesische Handynutzer, sondern vor allem die in Europa. Europäische Kunden bezahlen das mögliche Verschwinden Huaweis vom hiesigen Handymarkt mit höheren Preisen, weniger Innovation und der millionenfachen Sorge, was aus ihren bereits gekauften Huawei- und Honor-Smartphones wird.

Dieser Schlamassel ist das traurige Ergebnis der digitalen Kapitulationserklärung Europas. Der größte Wirtschaftsraum der Welt hat sich vollkommen abhängig gemacht: Wir bekommen unsere Hardware aus China geliefert und unsere Software aus den USA – und wenn beide Großmächte sich wie Kleinkinder zanken, gucken wir dumm aus der Wäsche. So kann und darf es nicht weitergehen.

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Vorbild Airbus: Europa muss sich gegenüber USA und China emanzipieren

Die Europäische Union muss alles dafür tun, um unsere Abhängigkeit gegenüber den Vereinigten Staaten und der Volksrepublik zu beenden. Das fängt mit einer modernen und Startup-freundlichen Industrie- und Netzpolitik an, geht über Steuererleichterungen für hiesige Hardwarehersteller und endet bei der Schaffung europäischer Alternativen für Android, Windows und Co.

Dass das funktionieren kann, zeigt das Beispiel Airbus. Der europäische Flugzeugbauer wurde 1970 bewusst als Gegengewicht zum US-amerikanischen Boeing-Konzern geschaffen. Trotz aller berechtigter Kritik ist Airbus eine Erfolgsgeschichte und ein schillerndes Beispiel für die Zusammenarbeit auf europäischer Ebene. Eine ähnliche Initiative muss die EU bei der Entwicklung zukunftsfähiger Hard- und Software aus europäischer Hand auflegen.

Der IT-Sektor ist wichtiger, als es die Flugzeugindustrie jemals war. Wir dürfen die Schlüsselindustrie nicht weiter kampflos den USA und China überlassen.

Zeit auf eigenen Beinen zu stehen, Europa!

(Hinweis: Die in diesem Kommentar geäußerten Meinungen stellen ausschließlich die Ansichten des Autors dar und sind nicht notwendigerweise Standpunkt der gesamten GIGA-Redaktion.)

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