Seit Ende des 19. Jahrhunderts hat sich die Fotografie in ihrem Kern kaum verändert. Was bis heute herauskommt, ob auf Film oder Computerbildschirm, ist ein statisches Bild. Mit der Lytro ist das etwas anders. Ob sie es besser macht, finden wir heraus.

 

Lytro

Facts 

Was heißt eigentlich Lichtfeldkamera?

Herkömmliche Kameras nehmen Lichtpunkte auf. Sie messen die Farbe, die Sättigung und die Position. Die Lichtfeldkamera Lytro fängt darüber hinaus auch die Richtung jedes Lichtstrahls auf, aus welchem Winkel er also auf den Spezialsensor trifft.

Dieser nutzt die so gemessenen Daten dazu, das Bild später zu einem interaktiven Foto zu machen. Wir können nachträglich den Fokuspunkt setzen, das heißt die Stelle, an der das Bild scharf ist. Außerdem erlaubt die Technologie, später die Perspektive leicht zu verschieben, aus der die Aufnahme entstanden ist. Ein netter 3D-Effekt entsteht.

Das klingt ja alles ganz nett. Aber lohnt sich dafür die doch recht hohe Ausgabe für eine kompakte Digitalkamera?

Lytro: So sieht doch keine Kamera aus?!

Zunächst ein Blick aufs Äußere. Die Lytro ist schön verarbeitet, aus Aluminium und griffigem Gummi. Ihre etwas eigentümliche Form macht sie zu einem Hingucker — man wird überall gefragt, was das denn wohl für ein merkwürdiges Gerät sei und darf ich auch mal?

Bei einem typischen Kameratest würde man jetzt etwas über Bedienelemente und das Display sagen. Die Lytro will keine typische Kamera sein, muss aber trotzdem gewissen Grundanforderungen genügen. Also:

Die Bedienelemente beschränken sich auf einen Ein-Aus-Schalter, den Auslöser und einen Touch-Zoom, den man leider viel zu oft versehentlich betätigt.

Lytro: Innen toll, außen gewöhnungsbedürftig

Und damit kommen wir auch schon zu den inneren Werten der Lytro — das eckige Aluminium-Gehäuse verhüllt nämlich einen echten, optischen 8-fach-Zoom. Man hört die Linsen surren — ein beruhigendes Gefühl, hier kommt kein hässlicher Digital-Zoom zum Einsatz.

Wenden wir den Blick an die eine der beiden quadratischen Seiten. Hier gelangen wir zum Display und einem der Schwachpunkte der Lytro. Ein Blickwinkel von gefühlten 2° und eine Auflösung von höchstens 4x4 Pixeln — das trübt den bisher guten Eindruck.

Nicht nur ist mit dem Display das einzige Konfigurations-Interface eher mau, auch das Fotografieren selbst muss über dieses kleine Fensterchen geschehen. Einen optischen Sucher gibt es nicht.

Schade, denn gerade das Spielen mit dem Fokus — das Hauptmerkmal dieser Kamera — macht auf diesem kleinen Touchscreen wenig Spaß.

Lytro: Die Suche nach dem Sinn

Was ist es nun aber, was den Reiz der Lytro ausmacht? Sie ist schön, aber nicht sonderlich praktisch. Sie ist teuer, wirkt aber an einigen Stellen nicht voll ausgereift. Ganz einfach: So habt ihr noch nie fotografiert. Habt ihr einmal verinnerlicht, dass ihr nachträglich den Fokuspunkt verändern könnt, macht ihr plötzlich andere Bilder als vorher.

Da werden Tiefen genutzt, Perspektiven gewechselt und Blickwinkel neu bedacht. Man verliert sich in Spielereien mit Schärfentiefe (Blende: Durchgängig f/2) und abstrakten Motiven. Sehr nett ist auch die Naheinstellgrenze von 0. Das heißt, ihr könnt mit eurer Nase die Linse berühren und macht (bei Zoomstufe 1) trotzdem ein scharfes, wenn auch etwas bizarres Bild. Dann kommen die Lytro-Apps ins Spiel.

Lytro: Apps für mobiles Sharing, Desktop-Verwaltung

Fotos können auf den Mac, PC, aufs iPhone oder Android-Smartphone übertragen werden. Letzeres via Wifi, das die Lytro selbst bereitstellt. Bilder von der Kamera postet ihr auf der Lytro-Webseite — von dort geht's weiter zu sozialen Netzwerken oder auf eigene Webseiten (per Einbett-Code).

Hier kann dann jeder nach Belieben mit dem Fokus herumspielen und — mit Klicken-und-Ziehen — auch die Perspektive leicht verändern.

Insgesamt sind die Apps vernünftig aufgebaut. iPhoto-User werden sich in der Mac-Variante der Anwendung gut zurecht finden.

Ein kleines Hindernis in der mobilen App ist der ständige Wechsel zwischen dem Kamera-WLAN und dem Internet auf dem Smartphone, um Fotos zu übertragen und anschließend zu verteilen.

Aus der App heraus habt ihr die Möglichkeit, animierte GIF-Dateien zu erstellen, bei denen Fokussierung oder Perspektiv-Shift bewegt dargestellt werden. Darüber hinaus bieten sowohl die mobile als auch die Desktop-Version einige Filter zur Nachbearbeitung der Fotos. Die sind aber mehr Spielerei als echter Mehrwert.

Etwas merkwürdig ist, dass man auf dem Smartphone den Perspektivenwechsel erst dann aktivieren kann, wenn man das Foto bei Lytro hochlädt. Die Desktop-Anwendung kann das auch ohne Upload.

Lytro Fazit: Teures Spielzeug für Gadget-Liebhaber

Eine wirklich praktische Alltags-Kamera ist die Lytro nicht. Will sie auch gar nicht sein, dafür ist sie zu exzentrisch. Mit Preisen von etwa 400 Euro () für die 8GB-Version und guten 500 Euro für 16 GB () ist sie kein Kandidat für den Impulskauf.

Die Prämisse der Lytro ist überaus spannend. Lichtfeldfotografie! Wo bekommt man so etwas schon? Mich würden das mäßige Display und das etwas umständliche Handling aktuell aber dennoch zu sehr stören. Mit immer günstigeren Bauteilen wird das in Zukunft vielleicht noch besser.

Wer damit zurecht kommt und unbedingt mal etwas ganz Neues in der Fotografie ausprobieren möchte, dem sollte die Lytro wenigstens einen Blick wert sein.

Fast vergessen! Hier noch der Waschzettel mit den wichtigsten Tech-Specs (alles weitere bei Lytro):

  • Kapazität: 8GB/16GB
  • Dimensionen: 41 x 41 x 112 mm, 214 g
  • Lichtfeldsensor: 4,6 x 4,6 mm, 11 „Megarays“ (vgl. Megapixel)
  • Output: 1:1 (quadratische) Fotos mit 1080x1080 Pixeln
  • Linse: Blende f/2, 8x optischer Zoom, 43 - 344 mm Brennweite (entsprechend 35 mm)
  • Display: 1,52″-Touchscreen
  • Anschlüsse und Bedienelemente: Power-Knopf, Auslöser, Zoom-Slider, Touchscreen, Micro-USB-Anschluss
  • Auslösemodi: Vollautomatisch, Manuell (ISO-Wert und Belichtungszeit wählbar), Belichtungs-Priorität (1/250 - 8 Sekunden), ISO-Priorität (80 - 3200), 4-Stufen-ND-Filter zuschaltbar

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Wertung

6/10
“Faszinierend, die Lytro — aber für meinen Geschmack noch etwas zu „exklusiv“ (lies: teuer). Was meint ihr?”
Flavio Trillo
Flavio Trillo, GIGA-Experte.

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