Analyse: Was der Motorola-Verkauf von Google an Lenovo bedeutet

Frank Ritter 10

Ungewöhnliche Anlässe erfordern außerordentliche Maßnahmen und so reagierten wir in der vergangenen Nacht unmittelbar, als bekannt wurde, dass Google sich von seiner gerade erst erworbenen Smartphone-Sparte Motorola Mobility trennt und an den chinesischen Elektronik-Riesen Lenovo verkauft wird. Nachdem diese ohne Zweifel bemerkenswerte Nachricht einige Stunden und eine (zugegebenermaßen kurze) Schlafphase „sacken“ konnte, haben wir einige Gedanken gesammelt zu den Fragen, die die gesamte Branche und viele Android-Fans aktuell umtreibt: Was bedeutet diese Nachricht – für Google, Motorola, Lenovo, die Kunden und den Markt insgesamt? Wie geht es weiter? Hier in loser Reihenfolge unsere Annahmen.

Vorab sei gesagt: Was mit Motorola Mobility in den Händen von Lenovo passiert, ist zum aktuellen Zeitpunkt völlig unklar. Unsere Analyse stützt sich nur auf Erfahrungswerte der Vergangenheit und, möglicherweise naive, Einschätzungen aus der Ferne, es kann aber natürlich auch völlig anders ausgehen. Hier bitte in Tagesschausprecherstimme ein „Alle Angaben sind – wie immer – ohne Gewähr“. denken.

Google entledigt sich eines „Klotzes am Bein“ …

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Googles Kerngeschäft sind Daten. Zwar hat der Konzern, etwa mit Google Glass, Robotik, und seinen selbstfahrenden Autos Avancen im Geschäft mit physischen Gütern, diese zielen aber eher darauf ab, mögliche zukünftige Geschäftsfelder auszuloten und werden definitiv beibehalten, durch das Project Ara-Team sogar verstärkt.

Der Grund dafür, dass Google Motorola Mobility von Anfang an als separate und per „Firewall“ getrennte Firma betreiben wollte – in welchem Umfang das realistisch möglich war, wird noch zu diskutieren sein – ist, dass Google als Mutterkonzern wenig Ahnung von der Mobilfunkbranche in puncto Hardware hat: Produktionsketten, Entwicklung von Geräten, Marketing und so weiter. Und auch wenn die komplett unter Googles Schirmherrschaft entworfenen Geräte Moto G (Test), Moto X sowie die US-exlusive DROID Ultra-Reihe größtenteil viel Lob von der Presse einheimsen konnten, ist es dem Motorola unter Google nicht gelungen, Samsung und Apple signifikante Marktanteile abzujagen.

Larry Page formuliert es in seinem gestrigen Blogeintrag positiver (Übersetzung von uns):

(…) [D]er Smartphone-Markt ist hochgradig konkurrenzbestimmt. Um zu wachsen, sollte man sich voll auf die Herstellung von Mobilgeräten konzentrieren. Aus diesem Grund glauben wir, dass Motorola bei Lenovo besser aufgehoben ist. Deren Smartphone-Geschäft wächst stark, es handelt sich außerdem um den größten (und am schnellsten wachsenden) PC-Hersteller der Welt. Dieser Schritt ermöglicht es Google, seine Energien auf Innovationen im Android-Ökosystem zu konzentrieren, zum Wohle von Smartphone-Nutzern auf der ganzen Welt.

… Google pickt sich aber auch die Rosinen heraus

Google hat Motorola 2011/2012 für die Fabelsumme von 12,5 Milliarden Dollar übernommen, der Verkaufspreis an Lenovo liegt bei weniger als 3 Milliarden Dollar. Das mag auf den ersten Blick nach einem herben Verlustgeschäft aussehen, allerdings zieht Google dennoch massive Vorteile aus dem Verkauf. Zum einen verbleibt ein Großteil des Patent-Portfolios bei Google. Bereits bei der Ankündigung der Motorola-Übernahme betonte Google, dass es um die zweifelsohne wichtigen Patente des Pioniers der Mobilfunkbranche ging. Diese kann man weiterhin als Defensivmaßnahme gegen „Patenttrolle“ und Wettbewerber, die Android und Google attackierten, vor Gericht einsetzen.

Daneben übernimmt Google auch das Advanced Technologies-Team von Motorola, das sich unter anderem um die Technologie hinter Project Ara kümmert. Das hochexperimentelle Konzept eines modularen Smartphones, bei dem man einzelne Komponenten nach Wunsch austauschen kann, passt als „Moonshot“ sehr gut zu Google.

 

Bemerkenswert still ist zum aktuellen Zeitpunkt die Informationslage um Dennis Woodside, den aktuellen CEO von Motorola Mobility. Auch wenn die Verkaufszahlen in den vergangenen Monaten nicht eben berauschend waren, hat der ursprünglich von Google stammende Manager, zumindest aus unserer Sicht, gute Arbeit in puncto Vision, Produktentwicklung und Öffentlichkeitsarbeit geleistet. Wir bezweifeln daher, dass Woodside zu Lenovo wechselt und gehen davon aus, dass er Google-intern aufsteigen wird.

Google befriedet andere Hardware-Partner

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Ein wichtiger Grund für das Mantra der „Firewall“ zwischen Google und Motorola war auch, dass man andere Hardware-Partner nicht verschrecken wollte, die Smartphones und Tablets mit Android-OS herstellen. Das dürfte nur teilweise gelungen sein, denn trotz eines eigenen Managements erhielten die Google-Bosse natürlich Einblick in das kommende Produktportfolio von Motorola und dürften dabei mit Sicherheit auch ein Wort mitgeredet haben. Der Werbeeffekt der zugkräftigen Marke Google dürfte ebenfalls nicht unterschätzt werden: Auf der Motorola-Website und in Werbevideos wurde immer wieder mit dem Schriftzug „A Google Company“ geworben – eine Firewall sieht eben doch anders aus.

Davon abgesehen konnte Motorola mit der finanzstarken Konzernmutter im Rücken ganz anders agieren als Samsung, HTC und Co. Man musste sich nicht mehr über Skins für die eigene Software von Mitbewerben differenzieren und konnte Experimente wagen wie das Sprachsteuerungs-Feature im Moto X und die vermutlich nur sehr geringen Gewinnmargen, die das extrem preiswerte Moto G abwarf.

Man braucht nicht allzu viel Phantasie, um zu ahnen, dass andere Hersteller, die ebenfalls auf Googles Betriebssystem Android setzen, wenig begeistert davon waren, dass Googles mit Motorola ihr ureigenes Hardware-Geschäft angriff. Insbesondere die Ambitionen von Samsung als stärkstem Player auf dem Android-Markt, mit Windows-Geräten, der eigenen Tizen-Plattform und digitalen Konkurrenz-Angeboten zu Googles Stores für Apps, Spiele und Medien, die auf Galaxy-Geräten vorinstalliert waren, können als Säbelrasseln gegenüber Google interpretiert werden. Lesart: „Macht ihr uns nur weiter Konkurrenz, wir können im Notfall auch ohne Android!“ Google kann nicht auf Samsung verzichten, der globale Marktanteil des koreanischen Herstellers bei Android-Smartphones lag im November letzten Jahres bei 63,3 Prozent.

Es liegt also nahe, dass Google sich auch deswegen von Motorola getrennt hat, um die Geschäftsbeziehungen zu anderen OEMs zu entspannen – möglicherweise sind die aktuellen Gespräche zu einer Wiederannäherung Samsungs an Googles Ökosystem direkt auf den Motorola-Verkauf zurückzuführen. Auch die Gerüchte um eine Einstellung des Nexus-Programms im Jahr 2015 zugunsten von mehr Google Play Edition-Geräten könnten ein Zugeständnis Googles sein – auf diese Weise könnten mehr Hersteller direkter von Googles Nexus-Programm profitieren.

Motorola verliert „Google-Karma“, stärkt aber die eigene Marke

Moto-G-Backsides

Motorola hat in den bisher 19 Monaten seit der komplettierten Übernahme durch Google in Bezug auf sein Image in der Android-Fanbasis eine 180 Grad-Kehrtwendung hingelegt: Weniger Geräte, die sich dafür auf das Wesentliche konzentrieren, eine um sinnvolle Erweiterungen ergänzte Vanilla Android-basierte Software mit zeitnahen Updates, bewusste Absagen an die Spezifikations-Kriege der Mitbewerber zu Gunsten einer kompetitive Preisgestaltung, und neuartige Möglichkeiten, Smartphones an den eigenen Geschmack anpassen zu können, haben insbesondere Enthusiasten begeistert.

Lenovo wird das insbesondere in den letzten Monaten akkumulierte „Google-Mojo“ von Motorola nicht komplett „übernehmen“ können. Wir hegen insbesondere Skepsis, ob Lenovo die Möglichkeiten der Nutzeranpassungen, Stock Android als Betriebssystem-Basis und die extrem schnellen Updates weiterführen kann, die Motorolas Produktpolitik zuletzt auszeichnete.

Allerdings hat Motorola einen Benchmark gesetzt und gezeigt, wie man Enthusiasten zufrieden stellt – diese sind schließllich Multiplikatoren. Ob es nun Lenovo ist, der zumindest in Teilen Motorolas Google-Erbe weiterführt oder ob auch andere Hersteller sich davon inspirieren lassen, kann zumindest gehofft werden. Nebenbei: Die Übernahme hat gerade erst begonnen – man kann davon ausgehen, dass Motorola auch in den kommenden Monaten, noch unter Google-Ägide, seinen bisherigen Kurs fortsetzt.

Abgesehen davon ist unwahrscheinlich, dass Lenovo Motorola als Marke einstampfen wird. Bereits 2005 hatte der Elektronik-Konzern die ThinkPad-Notebook-Serie von IBM übernommen und führt diese seitdem in dessen Tradition fort. Im kleineren Rahmen trifft das auch auf die insbesonde in Deutschland bekannte Marke Medion zu, deren Mehrheit von aktuell 87,5 Prozent Lenovo ebenfalls hält. Wir spekulieren, dass Lenovo nicht nur weiterhin Motorola-Smartphones entwickelt und herausbringt, sondern möglicherweise gar seine gesamte Smartphone- und Tablet-Produktlinien auf den immer noch starken und traditionsträchtigen Markennamen Motorola umstellt.

Lenovo wird zur globalen Macht im Smartphone-Business

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Lenovo wird nun endgültig zum globalen Player, soviel ist sicher. Bereits im November war zu hören, dass der chinesische Hersteller 2014 massiv nach Europa expandieren wolle, die Meldung zur Übernahme von Motorola unterstreicht dieses Anliegen mit Nachdruck. Vor allem in Nord- und Südamerika – die Märkte, auf die sich Motorola zuletzt am stärksten konzentriert hat – wird Lenovo nun einen Fuß in die Tür bekommen, weil man auf bereits etablierte Infrastrukturen zurückgreifen kann. HTC, Sony und die „jungen Wilden“ aus China wie Xiaomi, ZTE und Huawei haben also einen weiteren Konkurrenten.

Eines ist aber sicher: Von einem „Verramschen“ von Motorola kann im Fazit keine Rede sein – Google hat hier einen taktischen Verkauf getätigt, aus dem der Konzern aus Mountain View durchaus Vorteile zieht: Mehr Ressourcen für die Konzentration auf das eigene Kerngeschäft, ein massives Patentportfolio und eine Entspannung in den Beziehungen zu anderen Geräteherstellern. Es wird spannend zu beobachten, wie sich Motorola unter dem Schirm von Lenovo entwickelt und wie sich der Markt in den kommenden Monaten verändert.

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