Die aggressive Strategie von Netflix: Hat das Kino eine Chance?

Sven Kaulfuss

Ich liebe das Kino, ich liebe aber auch meinen Netflix-Account. Bisher stellt diese romantische Dreiecksbeziehung für mich keinen Interessenkonflikt dar. Doch könnte sich dies ändern? Immerhin kommen immer mehr ursprünglich fürs Kino inszenierte Filme nicht mehr ins Lichttheater, stattdessen stehen sie als Stream direkt ohne Umwege bei Netflix parat.

Die aggressive Strategie von Netflix: Hat das Kino eine Chance?
Bildquelle: pixabay.com.

Der Streaming-Anbieter Netflix ist auch hierzulande nicht mehr aus der TV-Landschaft wegzudenken. Bisher äugten vor allem die klassischen Fernsehsender mit Argwohn auf die Konkurrenz aus dem Internet. Die „Digital Natives“ haben sich schon längst von festen Programmzeiten verabschiedet und greifen lieber beim umfangreichen Portfolio von Netflix und Prime Video von Amazon zu. Doch damit enden die Ambitionen des Streaming-Pioniers aus Los Gatos (Kalifornien) noch lange nicht. Selbstsicher formuliert man die eindeutigen Absichten (Finanzbericht Juli 2017, via orange by Handelsblatt):

„Wir (Netflix, Anmerkung der Redaktion) verstehen, dass unser Ansatz, Filmpremieren zuerst auf Netflix zu veröffentlichen, gegen Hollywoods Tradition verstößt. Genauso wie wir das Fernsehgeschäft grundlegend verändert haben, glauben wir fest daran, dass Internet-TV auch das Filmgeschäft neu beleben kann.“

So kommt Netflix an exklusive „Kinofilme“

Müssen die großen Studios und Kinobetreiber demzufolge zittern und sich auf schwere Zeiten einstellen? Aktuell noch nicht, denn schaut man sich die Produktionshintergründe dieser exklusiven Filme an, dann tritt Netflix oftmals als Retter in der Not auf. Denn neben eigens konzipierten Filmen und Serien übernimmt der Streaming-Anbieter oftmals Produktionen großer Studios, die eine Veröffentlichung auf der großen Leinwand scheuen und die Rechte lieber vorab risikolos und gewinnbringend an Netflix veräußern. Dies gilt beispielsweise für das prämierte Kriegsdrama Beasts of No Nation, das erst kürzlich mit Natalie Portman inszenierte „Auslöschung“ und auch der neueste, noch in Produktion befindliche Streifen von Martin Scorsese The Irishman“ mit Robert DeNiro, Al Pacino, Joe Pesci und Harwey Keitel. Die beiden letztgenannten Filme sollten ursprünglich von Paramount fürs Kino umgesetzt werden. Dem Hollywood-Studio fehlte es jedoch am Erfolgsglauben und so gingen die Rechte an Netflix.

Im Kino laufen diese Filme dann nicht mehr oder nur noch sehr kurz als Alibiaufführung in ausgewählten Lichtspielhäusern, oftmals auch nicht mehr hier in Europa, sondern nur noch in den USA oder China. Notwendig ist dies dann, wenn der Film im Rennen um die Oscars dabei sein soll, denn nur Filme, die mindestens eine Woche auf der großen Leinwand zu sehen sein waren, dürfen sich überhaupt Hoffnung auf eine Oscar-Nominierung machen. Für eine solche hat es für Netflix bei den Spielfilmen noch nicht gereicht, jedoch die Dokumentationen „The Square“ (2013) und „Virunga“ (2014) wurden zumindest mit einer Nominierung bedacht. Kurios: Aktuell geistert ein Gerücht herum, demnach Netflix sogar plant, Kinos in New York und Los Angeles zu kaufen. So könnten besagte Alibiaufführungen garantiert werden, ein möglicher Boykott von Kinobetreibern bliebe erfolglos.

Noch restriktiver zeigen sich die Veranstalter der Internationalen Filmfestspiele von Cannes. In Frankreich muss die Verwertungskette streng eingehalten werden, ein gleichzeitiger Start im Kino und auf der Streaming-Plattform ist nun explizit ausgeschlossen, entsprechende Filme können somit im Wettbewerb nicht laufen. Ergo: Netflix verabschiedet sich endgültig von Cannes, nachdem man letztes Jahr schon für Aufruhr sorgte.

Meine Gedanken zum Wochenende: Die Kolumne möchte Denkanstöße liefern, zur Diskussion aufrufen und den „News-Schwall“ der Woche zum Ende hin reflektieren. Eine kleine Auswahl der bisherigen Artikel der Kolumne:

Filmemacher und Schauspieler kritisieren Netflix

Die konsequente Veröffentlichungs-Strategie von Netflix stößt dabei nicht überall auf Gegenliebe. So zeigte sich selbst der Regisseur von „Auslöschung“ Alex Garland enttäuscht über das Vorgehen. Die surrealen Bilder wurden halt ursprünglich von Garland fürs Kino gedreht, nicht für den kleineren Fernsehbildschirm. Vergleichbare Stimmen hört man teils auch von Schauspielern, so jüngst von Dame Hellen Mirren (via The Telegraph).

Fragt man mich, dann sehe ich im be- oder heraufbeschriebenen Konflikt Netflix vs. Kino keinen Gegensatz, für mich als Filmliebhaber schon gar nicht. Für mich schließt sich dies nicht aus, denn sowohl gehe ich noch immer regelmäßig ins Kino, genieße aber auch Filme in den eigenen vier Wänden. Ehrlicherweise muss man doch sagen, dass Filme mit zweifelhaften Erfolgsaussichten früher ebenso direkt auf DVD veröffentlicht wurden und keinen Kinostart erhielten. Heute landen diese dann halt bei Neflix – wunderbar, am Ende günstiger und direkt für ein großes Publikum auch weltweit verfügbar. Wer derartige Filme auf einem größeren Bildschirm sehen möchte, der kann sich auch gerne einen Projektor fürs Heimkino holen.

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Eine Gefahr fürs Kino sehe ich jedenfalls nicht darin. Die großen Studios müssen sich letztens am Geschmack der breiten Masse orientieren, die bereit ist, für derartige Filme auch einen entsprechenden Eintrittspreis zu löhnen. Darauf muss Netflix keine Rücksicht nehmen. Eine Koexistenz ist weiterhin problemlos möglich. Vielmehr sehe ich darin eine Chance für die Kinobetreiber, ihr Erlebnis zukünftig noch attraktiver zu machen, um auch weiterhin die Menschen anzusprechen. Dies endet sicherlich nicht bei der 3D-Brille, sondern geht darüberhinaus. Ein Beispiel aus meiner unmittelbaren Nachbarschaft, abseits der großen Multiplex-Kinos: Beim intimen Cinema4you gibt’s neben komfortablen „Zweierkojen“ (etwas unromantischer ausgedrückt: abgetrennte Doppelsessel) Essen und Trinken noch auf echten Porzellantellern und Gläsern, zu zivilen Preisen. Wer es neben 3D noch realistischer mag, der geht in den 6D-Kinosaal (3D mit weiteren Effekten, die man fühlen kann). Das Beste zum Schluss: Der Kinobetreiber kennt unsereins mittlerweile persönlich als Stammgast, ein nettes Schwätzchen beim Besuch ist garantiert.

Kino oder Netflix? Für mich geht beides. Apropos, ein Vorschlag zur Güte: Die Kinobetreiber könnten doch zukünftig sicherlich auch Netflix-Produktionen, die sich als erfolgreich herausgestellt haben, zusätzlich ins Kinoprogramm nehmen. Mit Netflix könnte man sicherlich darüber reden, nur die leicht verkrusteten Vertriebsstrukturen der Kinos und der Verleiher müssten wohl zuvor noch aufgebrochen werden. Technisch aber kein Problem mehr, sind digitale Projektionen doch heutzutage Standard und echte und damit aufwendige Filmkopien nicht mehr notwendig.

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