Ein Fest für Retro-Fans: Nintendo will, dass wir diesen Kultfilm vergessen

Sebastian Moitzheim 3

Fast jeder Spieler kennt wohl die grottenschlechte Super Mario Bros.-Verfilmung von 1993. Ein anderer Nintendo-Film allerdings ist weniger bekannt: Joy Stick Heroes von 1989 ist feinster 80er-Trash, aber auch ein interessanter Einblick in die damalige Videospiel-Kultur. Jetzt ist der Film in einer unterhaltsam kommentierten Version endlich digital erhältlich.

Ein Fest für Retro-Fans: Nintendo will, dass wir diesen Kultfilm vergessen

Letztes Jahr dachte Shigeru-Miyamoto laut darüber nach, ob Nintendo sich bald wieder für Verfilmungen ihrer Spiele öffnen könnte - insofern überraschend, weil Nintendos bisherige Erfahrungen mit Kinofilmen eher peinlich für das Unternehmen waren. Neben dem legendär schlechten Super Mario Bros.-Film gibt es noch einen weiteren Film, an den Nintendo sich wohl nur ungern erinnert: The Wizard von 1989 - in Deutschland unter dem Titel Joy Stick Heroes bekannt - ist keine Verfilmung eines einzelnen Nintendo-Spiels, sondern ein filmlanger Werbespot für die Produkte des Traditionsunternehmens. Der Film wurde nie auf Blu-Ray veröffentlicht und die DVD ist nur als Import-Version zu finden, oft überteuert (einige günstige Exemplare gibt es zur Zeit aber über Amazon Marketplay-Anbieter). Dank der Comedians von RiffTrax ist der Film in einer kommentierten Version nun aber auch legal und günstig digital erhältlich - endlich, denn Joy Stick Heroes ist ein Fest für alle Trash- und Retro-Fans.

Ein Kindheitstrauma, ein Videospielturnier & ein Kinder-Kopfgeldjäger

Wie würdet ihr Nintendos Produkte der 80er Jahre - das NES, Super Mario Bros. 3, den Power Glove - vermarkten? Wenn eure Antwort lautet, “Als erstes würde ich sie mit einem ertrunkenen Kind in Verbindung bringen“ - Glückwunsch! Ihr hättet es damals schonmal ins Bewerbungsgespräch für Nintendos Marketing-Abteilung geschafft. Wenn ihr dann noch fortfahrt mit, “Außerdem würde ich zeigen, dass Nintendo-Spiele so süchtig machen, dass man darüber seine vermissten Söhne vergisst“, hättet ihr die Abteilung wahrscheinlich leiten können.

Joy Stick Heroes erzählt vom 9jährigen Jimmy (Luke Edwards), der seit dem Ertrinken seiner Schwester in einem Fluss schwer traumatisiert ist, seitdem nahezu stumm ist und stets eine Brotdose mit sich führt. Eines der wenigen Worte, die er noch sagt, ist “Kalifornien“ - er will unbedingt dorthin, und eines Tages macht er sich, unterstützt von seinem 13jährigen Bruder Corey (Fred Savage) per Anhalter auf den Weg.

Unterwegs finden die beiden heraus, dass Jimmy hervorragend in Nintendo-Spielen ist, und zufälligerweise steht gerade ein Videospiel-Turnier in Kalifornien an - das Turnier mit seinem $50.000-Preisgeld wird zum Ziel ihrer Reise erkoren. Gleichzeitig macht sich ihr Vater (Beau Bridges), gemeinsam mit dem ältesten Sohn Nick (Christian Slater) auf die Suche nach seinen jüngeren Söhnen.

Bedenkt man das familienfreundliche Image, dass Nintendo schon damals pflegen wollte, ist der Plot von Joy Stick Heroes ziemlich unglaublich: Die Familie der Kinder ist zerrüttet; unterwegs kommen sie unter anderem mit Glücksspiel und einer Truckergang in Kontakt; ihr Vater macht sich Sorgen, befürchtet das schlimmste - bis er selbst mit einem Nintendo-Spiel in Kontakt kommt, das ihn so in seinen Bann nimmt, dass sein ältester Sohn ihn regelrecht vom Fernseher losreißen muss, damit er weiter nach seinen Söhnen sucht. Überhaupt lässt Nintendo ein absurdes Level an Düsternis zu in diesem Film, der in erster Linie ihre spaßigen, knallbunten Spiele und Produkte bewerben soll: Als wären Kindestod, psychisches Trauma (das dazu führt, dass Jimmy in eine psychiatrische Klinik gebracht werden soll) und eine zerstörte Familie nicht genug Drama, treffen die Brüder unterwegs die ebenfalls 13jährige Haley (Jenny Lewis, später Sängerin der Indie-Band Rilo Kiley), die in ärmsten Verhältnissen mit ihrem Vater lebt - der offenbar keine Anstalten macht, seine Tochter zu suchen, während sie allein durch Amerika trampt. Außerdem werden die Kinder von einem Kinder-Kopfgeldjäger verfolgt, was mir selbst als Erwachsener noch Angst macht, mich als Kind wohl nächtelang nicht schlafen gelassen hätte.

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Der vielleicht schönste zynische Werbefilm aller Zeiten

So unpassend all das in einem Nintendo-Film scheint: In den 80er-Jahren war es nicht ungewöhnlich, dass das Kino Kindern aus heutiger Sicht bizarr düstere Traumata zumutete und sie größten Gefahren aussetzte. Aber auch ein anderes Merkmal vieler 80er-Filme hat auch Joy Stick Heroes: ein riesengroßes Herz. Das ist durchaus bemerkenswert für einen Film, der im Grunde sehr zynisch ist: Die gesamte Handlung ist nur eine Entschuldigung, möglichst viele Nintendo-Produkte in die Kamera zu halten, vom NES über das damals noch nicht erschienene Super Mario Bros. 3 bis hin zum Power Glove, dessen melodramatischer, unfreiwillig komischer Auftritt Kult geworden ist. Hinzu kommen, ebenfalls 80er-typisch, diverse andere Marken und Produkte, vom Cosmopolitan-Magazin bis hin zur Universal Studios Tour.

Aber trotz seinem andauernden, alles andere als subtilen Product Placement, und trotz seiner mittel-überzeugenden Kinderdarsteller, und trotz seines völlig unplausiblen, aber ohne jeden Funken von Selbstironie präsentierten Plot: Joy Stick Heroes ist durchaus berührend. Man muss bereit sein, eine Welt zu akzeptieren, in der Kinder mit Truckern befreundet sind, Videospiele kaputte Familien wieder zusammenbringen und psychische Traumata heilen können - aber dann bietet Joy Stick Heroes eine kitschige, aber durchaus schöne Geschichte über die heilende Kraft von Freundschaft (und Super Mario Bros.).

Außerdem wird hier ein Videospiel-Turnier inszeniert wie ein illegales Straßenrennen in The Fast & the Furious, und ich weiß nicht wie es euch geht, aber ich kann es kaum vermeiden, etwas warme Nostalgie zu empfinden für eine Zeit, in der so etwas ironiefrei möglich war.

Überhaupt ist Joy Stick Heroes ein interessanter Einblick in Videospiel-Kultur in den 80ern (auch, wenn der Film dabei einiges falsch widergibt und alles andere bis ins absurde übertreibt). Neben Aufnahmen aus Arcades und von obskurer Peripherie wie dem Power-Glove gibt es auch einen Blick hinter die Kulissen einer Nintendo-Tipp-Hotline - wo Experten Spielern, bevor es Online-Walkthroughs gab, unter Zurate-ziehen dicker Aktenordner Hilfestellung beim Bestehen schwerer Levels oder dem Besiegen von Bossen gaben. Die Rifftrax-Version, die von Autoren der Kult-Comedyserie Mystery Science Theater 3000 kommentiert wird, garantiert außerdem ein paar Lacher - und trägt ihren Teil dazu bei, dass dieses trashige, aber liebenswerte Stück Videospiel-Kultur nicht vergessen wird. Auch, wenn Nintendo das wohl gerne hätte.

Bist Du der ultimative Nintendo-Fanboy?

Nintendo ist eines der wichtigsten und traditionsreichsten Gaming-Unternehmen der Welt. Selbst Nicht-Gamer kennen Super Mario. Was weißt Du aber als echter Gamer über das japanische Studio? Kannst Du wirklich von Dir behaupten, ein Nintendo-Fanboy zu sein?

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