Nuraphone im Test: Dieser Bluetooth-Kopfhörer stammt aus der Zukunft

Stefan Bubeck 1

Erst wird mit integrierten Sensoren das Hörvermögen des Trägers vermessen, dann passt sich der Klang der Musik individuell an: Der „Nuraphone“ ist wahrscheinlich der fortschrittlichste Bluetooth-Kopfhörer mit Noise Cancelling, der uns jemals begegnet ist. Aber macht ihn das auch zum besten?

Nuraphone im Test: Dieser Bluetooth-Kopfhörer stammt aus der Zukunft
Bildquelle: GIGA.

Nuraphone im Test: Inhaltsverzeichnis

Wenn der Kopfhörer seinen Klang an den Träger anpasst

Den perfekten Kopfhörer finden – das ist keine Mini-Aufgabe, sondern ein viele Stunden verschlingendes Hobby. Neben grundlegenden Aspekten (Over-Ear? In-Ear? Mit oder ohne ANC?) gibt’s da noch den Tragekomfort und selbstverständlich den Klang. Jeder Mensch hört anders, es gibt nicht den einen Kopfhörer, dessen Sound jedem bedingungslos zusagt.

Dank des technischen Fortschritts gehen einzelne Hersteller aber nun neue Wege, die vor einigen Jahren nicht vorstellbar waren: Es geht darum, dass sich der Kopfhörer klanglich an den Träger anpasst. Dazu muss der klingende Begleiter aber erstmal lernen, wie der Mensch hört. Beim Beyerdynamic Aventho wireless geschieht das mit einem Hörtest und der Technologie von Mimi Music.

Nuraphones: Kopfhörer mit individuellem Klangprofil (Kickstarter Video).

Der Nuraphone geht in eine ganz ähnliche Richtung, setzt aber technisch noch einen drauf (siehe Video oben). Der Träger muss beim Hörtest gar keine Angaben mehr machen, sondern einfach nur eine Minute stillhalten, während futuristisch klingende Signale abgespielt werden – genauer gesagt otoakustische Emissionen (OAE). Winzige Mess-Mikrofone in den Gehäusen fangen dann die Schallaussendungen der Haarzellen des Innenohres auf und ermitteln so ein individuelles Hörprofil. Ein solcher physiologischer (und objektiver) Hörtest wird normalerweise vom Hals-Nasen-Ohren-Arzt ausgeführt – nun gibt es also so etwas ähnliches integriert in einem , der das nur macht, damit Musik so gut erklingt, wie noch nie.

Nuraphone: Unser Testurteil

Der Nuraphone ist ein sehr gut verarbeiteter Science-Fiction-Kopfhörer, der in erster Linie Technik-Enthusiasten anspricht. Allein die Tatsache, dass er sich jedem Hörer innerhalb einer Minute klanglich anpasst, kommt einem Paradigmenwechsel gleich: Statt den idealen Bluetooth-Kopfhörer zu suchen, der den eigenen Klangvorlieben am nächsten kommt, greift man zum Nuraphone und bekommt sofort das perfekte Produkt – oder?

Nun, der Klang ist in der Tat umwerfend gut. Vor der Kalibrierung klingt er schon ordentlich, wenngleich nicht herausragend – es fehlt etwas an Feinzeichnung und Differenzierung. Aber sobald er aber an den Hörer angepasst wurde, wird der sprichwörtliche Vorhang weggezogen und löst Erstaunen aus. Man könnte sogar von blankem Entsetzen sprechen, denn so manch einer wird noch nie einen besseren Sound gehört haben und jeden herkömmlichen Kopfhörer danach für immer beiseite legen.

Der Klang ist dabei auf besondere Weise überragend: Statt „absolut neutral“ (wie bei guten Studiokopfhörern) bekommt man „absolut an dich angepasst“. Wer verschiedene Hörprofile (Freunde, Familie) abspeichert, wird mit hoher Wahrscheinlichkeit sein eigenes Hörprofil stets als das bestklingende bevorzugen. Liebhaber elektronischer Musik und Hip-Hop-Fans feiern den Schieberegeler „Immersion“, der die Basskraft eines Clubs simuliert und bei hohen Pegeln sogar physisch spürbar wird – Wahnsinn! Das haben wir so noch nie erlebt. So wird der Nuraphone dann in gewisser Weise doch interessant für Musikproduzenten: Er kann dabei helfen, die „Power“ von Kick-Drums eines Techno-Tracks besser einzuschätzen.

Die große Schwäche des Nuraphone: Das Ding ist sauschwer und schwankt in Sachen Tragekomfort irgendwo zwischen grauenvoll und gerade noch akzeptabel – je nachdem, welche Silikon-Aufsätze man für die In-Ear-Elemente in den Gehäusen verwendet. Länger als 1 Stunde ohne Pause will man ihn nicht auf dem Kopf haben – zumindest nicht, wenn man Komfort-Weltmeister wie den Bose QuietComfort 35 II zum direkten Vergleich vorliegen hat. Zusammenklappen kann man den Nuraphone übrigens auch nicht.

Fazit: Tolle Verarbeitungsqualität, unfassbar druckvoller und detaillierter Sound, eine vielseitige App und ein unterdurchschnittlicher Tragekomfort – der Nuraphone ist sicherlich einzigartig und hat ein spezielles Publikum. Er gehört zwar in jeden audiophilen Tech-Haushalt, aber kann aber unbedarften Hörern nicht ohne Warnhinweis empfohlen werden. Man muss bereit sein, für ein revolutionäres (und vor allem personalisiertes) Klangerlebnis schwerwiegende Kompromisse bei der Alltagstauglichkeit zu machen. Es bleibt: Ein ambitioniertes Stück Technik, das derzeit keinen direkten Konkurrenten auf dem Markt hat.

Nuraphone: Testwertung

  • Klang: 90 Prozent
  • Tragekomfort: 50 Prozent
  • Hardware, Design & Funktionen: 80 Prozent
  • Akku: 85 Prozent

Gesamt: 81 Prozent (der Klang bildet 50 Prozent der Gesamtnote)

Nuraphone: Das hat uns gefallen

  • Individuell angepasster Klang: Es grenzt an Magie, aber dieser Kopfhörer macht einen Hörtest, bei dem der Träger nichts tun muss, außer eine Minute still da zu sitzen. Danach ist der Sound an das eigene Hörvermögen angepasst: Die Musik klingt wunderbar kräftig und glänzt mit herrlichen Details. Einfach toll! Noise Cancelling ist seit dem letzten Software-Update auch mit dabei.
  • Die App ( und Android) ist richtig gut: Touch-Buttons konfigurieren, Klang-Immersion anpassen, Noise-Cancelling aktivieren und natürlich Hörprofil einstellen – alles macht man per App und es funktioniert.
nura
Entwickler:
Preis: Kostenlos
  • Immersion: Wer beim Musikhören die Kombination aus zwei normalen Lautsprechern und einem Subwoofer mag, sollte sich den Nuraphone anhören. Er kommt klanglich diesem Setup nahe, wenn man den Immersions-Regler nach rechts schiebt (aber nicht zu weit, dann wirkt es künstlich). Auch Club-Gängern dürfte der Nuraphone den einen oder anderen Flashback bereiten, wenn ein Techno-Brett bei hohem Pegel läuft.
  • Robuste Verarbeitung und gelungenes Design: Metall, Silikon, kein unnötiger Schnick-Schnack. Leider nicht faltbar – aber dafür ist das Transport-Case mit seinem magnetischen Verschluss überragend gut.

Nuraphone: Das fanden wir nicht so gut

  • Tragekomfort: Wenn der Bose QC 35 II ein luftig-leichter Trainingsanzug wäre, dann entspricht der Nuraphone einer Taucherausrüstung. Nein, nicht die halbwegs bequeme aus Neopren – sondern die fiese schwere für Tiefsee-Forscher aus den 60er-Jahren. Anders gesagt: Man muss es wollen.
  • Proprietäre Anschlüsse: Ja sind wir hier bei Nintendo oder Apple? Am Kopfhörergehäuse befindet sich eine rechteckige Buchse, in die wahlweise (am anderen Ende ist dann USB-A) oder ein reinkommen. Das bedeutet: Ein ganz normales USB-Type-C-auf-Type-A-Kabel kann man nicht nutzen und den teuren Ersatz gibt’s (aktuell) nur selbst.

Gut zu wissen

  • Die Bedienung erfolgt per Touch-Buttons auf den Ohr-Gehäusen und funktioniert ausgesprochen gut. Trotzdem bevorzugt so manch einer echte Hardware-Buttons. Auf die wurde beim Nuraphone komplett verzichtet: Selbst Ein/Aus geschieht automatisch, denn der Kopfhörer erkennt, ob er gerade auf- oder abgesetzt wurde.
  • Ohne App geht gar nichts: Der Nuraphone ist kein normaler Kopfhörer, sondern eigentlich ein High-Tech-Bundle aus Hard- und Software. Darüber sollte man sich im Klaren sein. Man braucht zur Einrichtung einen Nura-Account und es werden Nutzungsdaten gesammelt – die genauen Bedingungen werden wenigstens klar vom Hersteller kommuniziert.
  • Der (personalisierte) Klang ist ausgesprochen detailreich und kann auf Dauer etwas anstrengend sein. Diesen Effekt kennt man von Monitor-Lautsprechern aus Studios, die jede Nuance wiedergeben und so den Hörer fordern.
  • Eine Akku-Ladung hält beim Nuraphone rund 20 Stunden, es können aber auch mal mehr drin sein.
  • Nuraphone wurde über die Crowdfunding-Plattform Kickstarter finanziert und konnte damals über 1,8 Millionen US-Dollar einsammeln.

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