Während Google in Mountain View letzte Vorbereitungen für die Keynote der I/O-Entwicklerkonferenz trifft, die heute Abend deutscher Zeit stattfindet, braut sich nur wenige Kilometer entfernt etwas zusammen: In San Francisco lud Samsung nur Stunden vor dem Google-Event zur Tizen-Entwicklerkonferenz und verkündete dort, neben Android- in naher Zukunft auch Tizen-Smartphones weltweit vertreiben zu wollen.

Zur Einordnung: Das Tizen OS ist das Produkt eines technischen Konsortiums, bei dem unter anderem Intel, Vodafone und Huawei die Finger im Spiel haben. Die Vorreiterrolle hat jedoch Samsung inne, wobei „Vorreiter“ vielleicht etwas optimistisch formuliert ist – die Südkoreaner sind derzeit das einzige Unternehmen, das aktiv an der Weiterentwicklung des mobilen Betriebssystems arbeitet und in eigene Produkte implementiert. Im Januar 2015 debütierte etwa das erste Tizen-Smartphone, namentlich das Samsung Z1, das nur in Indien auf den Markt kam. Hierzulande ist Tizen OS in erster Linie durch den Einsatz in Samsung Smart-TVs bekannt.

Tizen auf dem Vormarsch

Seit dem sind noch ein paar weitere Smartphones mit dem Tizen OS erschienen und auch die Reichweite ist gestiegen: Mittlerweile verkaufen sich die Geräte in einer Hand voll Ländern in Südostasien sowie vereinzelt in Afrika. Laut Samsung stiegen die Verkaufszahlen weltweit (lies: der eben genannten Regionen) 2016 um 30 Prozent und 2017 bisher sogar um über 100 Prozent. Diese ohne Zweifel guten Zahlen scheinen den Konzern euphorisiert zu haben. Ein Sprecher des Konzerns gab im Rahmen der aktuell in San Francisco stattfindenden Tizen-Entwicklerkonferenz zu Protokoll, dass Tizen-Smartphones „schlussendlich (‚eventually‘) in allen Ländern der Welt verfügbar sein werden.“

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Darin schwingt unausgesprochen die Drohung in Richtung Google mit, sich mittelfristig von Android abwenden zu wollen. Noch ist Samsung von Android abhängig und muss sich folglich an die Regeln der Lizenzvereinbarungen halten. Das führte etwa dazu, dass auf dem Galaxy S8 deutlich weniger Samsung-eigene Apps vorinstalliert waren, da diese in den letzten Jahren gegen die Google-Konkurrenz ohnehin kein Land gesehen haben. Ein ähnliches Schicksal widerfährt aktuell auch Bixby, das wohl nur wenige Nutzer vom Google Assistant bekehrt. Das dürfte in Seoul, wo der Hauptsitz von Samsung liegt, für Unmut sorgen.

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Samsung will sich von Google loseisen

Mit zunehmender Marktmacht und einer brauchbaren Alternative könnte sich der südkoreanische Konzern aber von den Google’schen Fesseln lösen und Android den Rücken zukehren. Die angesprochene Tizen-Entwicklerkonferenz im Herzen der US-amerikanischen Tech-Szene zeigt, dass Samsung viel daran setzt, Entwickler an Bord zu holen, um die Zahl der nativen Anwendungen für das Tizen OS zu erhöhen. Denn genau das ist der Knackpunkt: Tizen wird erst dann zur brauchbaren Alternative zu Android, wenn sich Dienste wie Snapchat und Spotify der Plattform anschließen – solange der Nutzer seine Freunde weiterhin über WhatsApp erreicht, dürfte ihm das zugrundeliegende Betriebssystem ziemlich egal sein.

Für Google ist das natürlich gefährlich, da Samsung der mit Abstand erfolgreichste Hersteller von Android-Geräten ist. Zudem ist Google auf ein weit verbreitetes Android angewiesen, um mit den gesammelten Daten das Werbegeschäft anzukurbeln. Ohnehin gilt die Kooperation zwischen Mountain View und Seoul aufgrund diverser Meinungsverschiedenheiten als belastet. Beide Parteien sind aktuell voneinander abhängig – doch für wie lange noch?

Quelle: @sharatibken via GSMArena

Hinweis: Das Artikelbild zeigt das vor wenigen Tagen vorgestellte Samsung Z4.