Bravely Default Test: Wer braucht schon Final Fantasy?

Robin Schweiger 22

Mehr Spektakel, Explosionen, Twists!  „Final Fantasy“ hat heute herzlich wenig mit den simplen Abenteuern der Super Nintendo- und Playstation-Zeiten gemein. Charakterlose Figuren-Schablonen ballern und prügeln sich durch undurchsichtige Geschichten, während die Spielmechaniken auf eine möglichst unkomplizierte Bedienung herunter gedummt werden. Der Rest des Genres macht sich nicht viel besser und steckt meist irgendwo zwischen halbherziger Innovation und verpflichtenden Zufallskampf-Tugenden fest. Ausgerechnet Square Enix macht dieser unaufhaltsamen Abwärtsspirale mit „Bravely Default“ nun ein Ende.

Bravely Default Test: Wer braucht schon Final Fantasy?

Bravely Default“ fühlt sich wie ein direkter Nachfolger von „Final Fantasy IV“ bis „Final Fantasy IX“ an. Die Elementar-Kristalle werden von einer unbekannten Dunkelheit heimgesucht. Agnès Oblige ist als sogenannte „Vestalin des Windes“ für den Windkristall verantwortlich und macht sich auf die Suche nach dem Grund für das Versagen der Kristalle. Dabei trifft sie auf Tiz, der gerade seinem Heimatdorf dabei zusah, wie es in einem plötzlich aufgetauchten, riesigen Abgrund versank.
Die Geschichte funktioniert weniger aufgrund ihres hervorragenden Plots, sondern vielmehr wegen der interessanten und sympathischen Charaktere. Mit der schüchternen Agnès, dem mutigen Tiz, dem Frauenhelden Ringabel und der stolzen, wenn auch etwas kindischen Edea bevölkern vier völlig verschiedene und sympathische Charaktere die Party.

Auch spielerisch ist „Bravely Default“ ein Ausflug in bessere Zeiten. Eine mit einem Luftschiff frei bereisbare Oberwelt, ein Job-System, mit dem ihr jederzeit die Klassen eurer Charaktere ändern könnt und das rundenbasierte Kampfsystem erinnern allesamt an frühere „Final Fantasy“-Klassiker. Die Entwickler der Silicon Studios haben es jedoch nicht dabei belassen, lediglich bewährte Spielmechaniken zu kopieren: Mit zahlreichen Komfort-Funktionen wurden ehemals nervige JRPG-Elemente intelligent entfernt.

So könnt ihr jederzeit die Wahrscheinlichkeit der Zufallskämpfe euren eigenen Vorlieben anpassen. Wollt ihr eure Party aufleveln, dann verdoppelt ihr sie einfach. Möchtet ihr lediglich möglichst schnell durch das Gebiet laufen, lassen sie sich umgekehrt auch vollständig ausschalten. Der Schwierigkeitsgrad lässt sich jederzeit in drei Stufen verändern und die Kampfgeschwindigkeit lässt sich in drei Stufen vorspulen. „Bravely Default“ behält einerseits die Tugenden alter Klassiker, ohne jedoch Angst davor zu haben, sie an entscheidenden Punkten zu verbessern.

Etwa mit dem namensgebenden „Brave“ und „Default“-System. Am Anfang jedes Kampfes verfügt jeder eurer Charaktere über einen „Battle Point“ (BP). Eine Aktion kostet jeweils einen BP, den ihr am Anfang jeder Runde wieder gut geschrieben bekommt. Greift ihr also – wie in jedem anderen JRPG – einmal pro Runde an, bleibt ihr immer bei einem BP. Das „Default“-Kommando erlaubt es euch jedoch, einen BP pro Runde aufzusparen. Dann greift der entsprechende Charakter nicht an, sondern blockt lediglich. Mit „Brave“ dagegen lassen sich bis zu vier BP in einer Runde einsetzen, sodass die Figur die entsprechende Anzahl an Aktionen tätigen kann. Habt ihr eure Punkte nicht per „Default“ aufgespart, rutscht ihr in den Minus-Bereich und könnt so lange nichts tun, bis der Charakter wieder bei einem BP angelangt ist.

In der Praxis geht dieses System sehr schnell und einfach von der Hand. Wenn ihr gegen schwächere Gegner kämpft, bietet es sich etwa an, mit allen Charakteren gleich in der ersten Runde jeweils vier Angriffe zu tätigen, so dass die Feinde sofort erledigt werden. Gemeinsam mit der Vorspul-Funktion sind die entsprechenden Kämpfe so bereits nach wenigen Sekunden vorbei. In Boss-Kämpfen dagegen müsst ihr genau abwägen, wann ihr „Default“ und „Brave“ nutzt, denn auch die Endgegner verfügen über diese Technik.

Abgerundet wird das Kampfsystem von einem hervorragend funktionierenden Job-System. So haben eure vier Party-Mitglieder keine festen Klassen, sondern können jederzeit zwischen gesammelten Jobs wechseln. Der weiße Magier heilt, der Dieb teilt Schaden aus, während der Ritter als Schutzwall dient. Es lohnt sich jedoch, zu experimentieren: Jeder Job levelt einzeln auf und hat eigene Fähigkeiten. Hat ein Charakter diese jedoch erst einmal gelernt, kann er sie auch anwenden, wenn er zu einem anderen Job wechselt. Ein Beispiel: Als schwarzer Magier lernt Ringabel verschiedene Angriffszauber. Wenn ich ihn nun zu einem Ritter mache, kann ich den Magier-Job als sekundäre Fähigkeit einstellen – so kann selbst der defensive Ritter noch ordentlich austeilen.

Neben dem Haupt-Abenteuer bietet euch „Bravely Default“ einige Nebenschauplätze. Die haben selten einen direkten Einfluss auf das Spielgeschehen, bieten aber nichtsdestotrotz eine gern gesehene Abwechslung. So lässt sich Tiz‘ Dorf etwa wie in einem Browser-Spiel mit neuen Läden wieder aufbauen, die euch dann wiederum erlauben, neue Items, Gegenstände und Spezial-Manöver zu kaufen. Mit jeder Person, die ihr über StreetPass trefft, steigt die Population des Dorfs und die Gebäude lassen sich etwas schneller wieder aufbauen. Das dauert nämlich mehrere Stunden und die benötigte Zeit verringert sich mit jedem weiteren Dorfbewohner, der daran arbeitet.

Außerdem lassen sich mit sogenannten „Sleep Points“ die Kämpfe sofort unterbrechen, sodass eines eurer Party-Mitglieder angreifen kann – egal ob gerade eigentlich ein Gegner an der Reihe wär. Die „Sleep Points“ erlangt ihr, indem ihr den 3DS mehrere Stunden lang im Standbye-Modus lasst, während das Spiel läuft. Oder ihr kauft sie für echtes Geld. Ja, Square Enix hat einen Weg gefunden, Mikrotransaktionen ins Spiel zu bringen. Da ist es gut, dass die „Sleep Points“ völlig unnötig sind und ohne Probleme ignoriert werden können.

Auch grafisch weiß „Bravely Default“ vollends zu überzeugen. Die wunderschön gezeichneten Hintergründe sind extrem detailliert, während die großäugigen Charaktermodelle auf positive Weise an alte JRPG-Klassiker erinnern. Musikalisch reißt das Rollenspiel keine Bäume aus, weiß seine Szenen jedoch durchaus emotional zu untermalen.

Fazit:

Ausgerechnet Square Enix. Square Enix, die mit „Final Fantasy XIII“ für eine der größten Enttäuschungen des Genres verantwortlich sind, dienen für „Bravely Default“ als Publisher und beweisen, dass es nicht unmöglich ist, auch heute noch hervorragende JRPGs zu entwickeln. Die Silicon Studios ignorieren den modernen Hang zum Bombast und kontern mit einer Unmenge an Herzblut, das in jedem gezeichneten Hintergrund spürbar wird.

„Bravely Default“ bedient sich großzügig an Klassikern des Genres, ohne deren Altlasten ebenfalls zu übernehmen – die hier gebotenen Komfort-Funktionen will ich nie wieder missen. Wer noch keinen 3DS besitzt, sollte das schleunigst ändern: Ein besseres JRPG werdet ihr so schnell nicht finden.

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