The Wolf Among Us: Wie gut ist der fabelhafte Nachfolger von The Walking Dead?

Tobias Heidemann
The Wolf Among Us: Wie gut ist der fabelhafte Nachfolger von The Walking Dead?

Als Telltale Games, die Macher des Überraschungshits und Kritikerlieblings „The Walking Dead“, ihr jüngstes Projekt offiziell ankündigten, war ich sofort Feuer und Flamme. Die Comic-Serie „Fables“ aus der Feder von Bill Willingham dient dieses Mal als gezeichnete Vorlage. Eine gute Wahl. Der erwachsene Stoff aus moralisch ambivalenten Kriminalgeschichten passt mit seinen tragischen Tönen wie Arsch auf Telltales Eimer. Es sind doppelbödige, reife, oft erschreckend blutige Geschichten, die Willingham in seiner abgefuckten Version der klassischen Märchenwelt erzählt. Und so berichtet auch „Faith“, die erste der insgesamt fünf Episoden von „The Wolf Among Us“, mit bitterbösem Humor von einem grauenhaften Mord in einer zwielichtigen Gosse der Fabelwelt.

Die große Frage zuerst: Funktioniert „The Wolf Among Us“ auch ohne Comic-Vorwissen? Ja, tut es! Zwar ist die wunderbare Welt von Willingham mit all ihren Figuren und wahrlich epischen Verstrickungen mittlerweile so komplex geworden, dass sie kaum in ein einziges Spiel gepasst hätte, doch Telltale ist die Sache zum Glück richtig angegangen. „The Wolf Among Us“ ist eine klassische Krimigeschichte. Das bringt Ordnung ins Chaos.

Es gibt einen Mord, es gibt Verdächtige, es gibt Spuren und Hinweise, und es gibt selbstverständlich mysteriöse Mächte im Hintergrund, die die Fäden in der Hand halten. Da so ziemlich jeder von uns schon mal einen Krimi gesehen oder gelesen hat, weiß man also trotz der bizarren Figuren, trotz der merkwürdigen Gesetzmäßigkeiten von Willinghams Comic-Universums, stets woran man gerade ist.

Mit Bigby Wolf hat sich Telltale zudem für den wohl bekanntesten Archetypen aus dem schillernden Figurenkabinett der Vorlage entschieden. Wir spielen einen Badass.

Ein mürrisches Arschloch, das sich jeden Tag aufs Neue zwischen seinem bösartigen Naturell und seinem eigentlich guten Herzen entscheiden muss. Bigby ist der große, böse Wolf, das menschenfressende Ungetüm aus unseren Gute-Nacht-Geschichten. Er ist aber auch der Einzige, der in Fabletown, einer für Menschen unsichtbaren New Yorker-Parallelwelt, für Recht und Ordnung sorgt. Diese Ambivalenz gemischt mit seiner extrem lässigen Film-Noir-Attitüde macht Bigby Wolf zu einer interessanten und unterhaltsamen Hauptfigur.

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Fabletown? Böser Wolf? Was geht hier eigentlich?

Moment mal! Fabletown? Böser Wolf? Was geht hier eigentlich? Berechtigte Frage. Was sich nach einem schlimmen Fiebertraum eines Vierjährigen anhört, ist in Wirklichkeit ein in sich stimmiges Universum mit einer recht einfachen Grundidee.

Vor langer, langer Zeit mussten alle Fabelwesen und Märchenfiguren aus ihrer magischen Heimatwelt über ein Portal in unsere Welt fliehen. Verfolgt von einer finsteren Armee waren  Exilanten wie Schneewittchen, Rosenrot, Rotkäppchen, Drosselbart, Pinocchio oder die Schöne und das Biest daraufhin über Jahrhunderte hinweg gezwungen, sich unter uns Menschen zu verstecken. Was aus magischen Fabelwesen in unserer profanen Welt so alles werden kann, was passiert, wenn man sie auf viel zu engem Raum und mit viel zu vielen Regeln zusammensperrt, und wie der große Krieg zwischen den bösen Widersachern und der ständig streitenden Fable-Gemeinschaft am Ende ausgeht – davon erzählt „Fables“ und damit auch „The Wolf Among Us“.

Das gelingt bisher ganz famos. Gemeinsam mit Sheriff Bigby versuchen wir den Mord an einer Prostituierten aufzuklären, der uns -  wie sollte es anders sein – bis nach ganz oben ins Zentrum der Macht führen wird. Gewürzt wird die Detektivgeschichte mit den Dauerstreits und Fast-Flirts zwischen Bigby  und Snow White.

Spielerisch hat sich im Vergleich zu „The Walking Dead“ kaum etwas geändert. Warum auch. Erfolg und Wertungen geben Telltale Games Recht und so wurden die Grund-Mechaniken fast unverändert übernommen. Noch immer treffen wir moralische und soziale Entscheidungen unter Zeitdruck und verändern damit unsere Beziehungen zu NPCs. Das verändert den Handlungsverlauf mal mehr, mal weniger. Hin und wieder entscheiden wir über Leben und Tod.

Weniger Tod, mehr Kämpfe

Von letzterem darf man indes etwas weniger erwarten. Zumindest legen die erste Episode und die Vorlage diesen – zugegeben etwas voreiligen - Rückschluss nahe. So viel wie in „The Walking Dead“ wird hier wohl nicht gestorben.

Dafür wird ein bisschen mehr gekämpft. Um dem gerecht zu werden, hat Telltale das minimalistische Quicktime-System noch einmal leicht überarbeit. Die Kämpfe gewinnen dadurch etwas an Dynamik und bieten hier und da sogar unterschiedliche Optionen an. So muss man als Spieler zum Beispiel spontan entscheiden, ob man den gepackten Gegner nun aufs Bett werfen oder in den Wandschrank rammen möchte. Das gibt diesen Passagen zwar noch lange keinen Tiefgang, der zugrundeliegenden Dramatik dieser Sequenzen dient es aber durchaus.

Auch in puncto Präsentation hat mir „The Wolf Among Us“ einen spürbaren Tick besser gefallen als “The Walking Dead“. Das liegt zum einen am tollen Stil der zugrundeliegenden Graphic Novel, der wieder einmal fehlerfrei und sorgfältig von den Entwicklern adaptiert wurde. Zum anderen scheint mir Telltale aber auch beim Setzen von Lichteffekten und Kameraperspektiven etwas besser zu werden. Melancholie und Zwielicht beseelen die Schauplätze und sorgen immer für die passende Film-Noir-Atmosphäre.

Episode 1: „Faith“ Fazit

Der Haken sitzt. Wer ist der Mörder? Kriegen sie sich? Hat der Frosch sein Kind geschlagen? „The Wolf Among Us“ stellt in der kapital abgewichsten Fabelwelt des Bill Willingham genau die richtigen Fragen, um Neulinge und Kenner gleichermaßen zu fesseln. Dank der genialen Vorlage war der neuste Telltale-Streich für mich schon fast ein Selbstläufer. Nun kann ich es auch „The Walking Dead“-Fans und Geschichtenliebhabern uneingeschränkt ans Herz legen. „The Wolf Among Us“ ist ein großer, böser Wolf im Schafspelz eines Kindermärchens. Auf keinen Fall entgehen lassen!

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