Was mich an der Berichterstattung über WhatsApp nervt (Kommentar)

Kamal Nicholas 28

Ach ja, dieses WhatsApp. Gerade das Thema Sicherheit des Messengers wird immer wieder ins Kreuzfeuer genommen, manchmal wird allerdings das Thema aber auch künstlich aufgeblasen. Was ich davon halte? Es nervt mich. Sehr.

Was mich an der Berichterstattung über WhatsApp nervt (Kommentar)

Ja, auch wir schreiben viel über WhatsApp, das gebe ich zu. Es ist nun mal ein Thema, das viele Leser interessiert. Dennoch halte ich es für wichtig, dass die Medien bei der ganzen Sache auch endlich wieder etwas differenzierter mit der Materie umgehen und nicht aus allem gleich einen Schocker oder Skandal machen.

Was eine Bild-Zeitung aus dem Thema „Tugce“ macht, ist für die Technik-Medien (nein, ich schließe GIGA nicht aus) so ziemlich alles, was mit dem beliebten Messenger zu tun hat. Ein Datenskandal hier, eine Überwachung da. So liest man bei den Kollegen wie der Chip etwa solche aufgemotzten Überschriften wie: „Geheimwanze WhatsApp: Kann Sie Ihr Online Status wirklich verraten“ (übrigens sind da gleich zwei Fehler in der Überschrift). Aber selbst Heise macht aus dem Thema mehr als später dargelegt wird und tituliert: „WhatsApp: Was der Online-Status über die Nutzer verrät“.

Ok, ich verstehe, eine Überschrift muss prominent sein und neugierig machen, der Artikel dahinter sollte allerdings dann auch die Antwort liefern. Ansonsten sind wir bei heftig.co und Buzzfeed-Überschriften à la: „Diese Bilder werden dich zum Weinen/Furzen/Schnarchen bringen“. Und ja, ich habe in der Vergangenheit sicherlich auch die ein oder andere Überschrift missbraucht und möchte mich an dieser Stelle öffentlich dafür entschuldigen. Ich arbeite daran, dass das nicht wieder vor kommt.

Leider versteckt sich hinter solchen Überschriften (zu Neudeutsch auch gerne „Headlines“ genannt) dann aber wesentlich weniger, als versprochen wurde. Die „Geheimwanze“ bzw. die „Superwanze“ (Chip) wird zum Beziehungskiller und zum Kündigungsgrund, weil Leute über ihren Status lügen? Das selbst ist aber nicht das eigentliche Highlight, sondern dass all das nur dadurch in Erfahrung gebracht hat, dass die arme Mändy und der arme Maikel und jeder andere WhatsApp-Nutzer auf der Welt „ausspioniert“ wurde.

Ausspioniert heißt in diesem Fall, dass ein Institut (in diesem Fall der Lehrstuhl für Informatik der Universität Erlangen) sich zu Testzwecken hinsetzt und erforscht, was genau denn der WhatsApp-Status eigentlich preisgibt. Aber was genau ist das denn nun? Im Netz sieht die Antwort etwa so aus:

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Im Durchschnitt öffnet der durchschnittliche Deutsche WhatsApp 26 Mal am Tag und verbringt dann insgesamt 40 Minuten mit dem Lesen und Verfassen von Nachrichten, vornehmlich in der Zeit zwischen 13 und 21 Uhr. Die erhobenen Daten zeigen also auf die Sekunde genau, wann und wie lange genau ein Nutzer sich mit dem WhatsApp-Netzwerk verbunden hat, indem er die WhatsApp-App öffnet und wieder schließt.

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Apple, Google, WhatsApp … so habt ihr die Firmenlogos noch nie gesehen.

„WhatsApp ist schuld an meiner Ehekrise“

Auch Heise ist in diesem Fall leider nicht viel besser, denn in ihrem Artikel werden schnell einmal mehrere sehr unterschiedliche Dinge durcheinander geworfen und auch die eingehende „Catch Phrase“ (denn solche Überschriften sind letztendlich ja nichts anderes als Werbesprüche für die eigenen Artikel) bleibt eher unbeantwortet. Ja, es ist möglich herauszufinden, wann und wie lange WhatsApp genutzt wird. Das war es dann aber auch „schon“.

Im folgenden Satz dann aber darüber zu schreiben, dass WhatsApp-Nachrichten in Italien bei einem Scheidungsprozess als Beweismittel eingesetzt werden können, ist eine komplett andere Sache. Erst geht es um Daten, die WhatsApp durch Spionage erhebt (nämlich wann man wie lange online ist), die nächste Sache sind „knallharte Skandale aus betrügerischen Sexküchen“ (mein Beitrag zu einer reißerischen Überschrift) bei denen ihre Partner betrügende Menschen schmutzige Nachrichten, Bilder und vielleicht sogar Videos an einander versenden, die dann in einem Streitfall vor Gericht zum Einsatz kommen. Das ist doch etwas vollkommen anderes, oder sehe ich da irgendwas falsch?

Ich will natürlich nichts schönreden und sehe die Sache mit der Aufzeichnung der Online-Zeiten und Nutzungsdauern sehr kritisch, als „Überwachung durch eine Superwanze“ würde ich das so aber deshalb noch lange nicht bezeichnen. Nicht, ohne auch andere Anwendungen zu nennen, die wir täglich nutzen. Der Lehrstuhl für Informatik, der die neueste WhatsApp-Untersuchung mit 1.000 zufällig ausgewählten Nutzern durchgeführt hat, schreibt selbst, dass es sich um „subtile Privatsphären-Implikationen“ handelt. Daraus lassen sich Schlüsse und letztendlich Profile auf die täglichen Routinen einer Person ziehen. Wann geht jemand schlafen (laut seiner WhatsApp-Nutzung wohlgemerkt), wie lange nutzt er WhatsApp während der Arbeitszeit usw. Und das ist beängstigend. Aber das muss auch genau so klar gemacht werden.

Ja, wir brauchen mehr Privatsphäre

Einerseits wird immer wieder nach Privatsphäre geschrien, auf der anderen Seite nutzen die Leute alle freiwillig WhatsApp, Facebook, Instagram, Tumblr, Twitter, LinkedIn, Four Square, Pinterest, Flickr, Xing, sämtliche Google- oder Apple-Produkte und zahlreiche andere Portale, um so ziemlich alles über sich preiszugeben, was man überhaupt preisgeben kann. Vielleicht sollte man auch das einfach etwas einschränken.

Wenn man sich also wirklich Gedanken über die ganze Sache macht und das alles nicht mehr will, hilft derzeit nur eine Sache: Deinstallieren und nicht mehr nutzen, immerhin sind wir (bisher?) noch Herr/Frau über unsere Mobilfunkgeräte, nicht anders herum (das klang jetzt wahrscheinlich etwas pathetisch, aber beim Verfassen dieses Artikels höre ich auch gerade den Soundtrack zu Interstellar).

Liebe Grüße, Kamal

Quellen: OnlineStatusMonitor, Heise, Chip

Nutzt ihr den WhatsApp-Status?

Über den WhatsApp-Status können Bilder und Videos 24 Stunden mit den Freunden geteilt werden. Danach werden sie automatisch gelöscht. Wir wollen wissen: Nutzt ihr diese Funktion?

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