Die Gründe für den Youtube-Skandal: Wieso Content-ID nicht funktioniert

Robin Schweiger 18

Die einzige Video-Website, die Youtube vom Thron stoßen könnte, scheint Youtube selbst zu sein. Seit etwa einer Woche werden weltweit Gaming-Channels massenhaft vom sogenannten Content-ID-System erfasst. Wir erklären euch, was das ist, wie es funktioniert und wieso es in dieser Form der absolute Wahnsinn ist.

Die Gründe für den Youtube-Skandal: Wieso Content-ID nicht funktioniert

„Content ID“ wird das automatisierte Youtube-System genannt, das Videos auf vermeintlich urheberrechtlich geschütztes Material untersucht. Dabei hat es eigentlich nur wenig mit Urheberrecht zu tun: Nach amerikanischem Recht wird das nämlich durch den DMCA, den „Digital Millenium Copyright Act“ geregelt. Demnach müssten die Urheber sich bei einer vermeintlichen Urheberrechtsverletzung an Google wenden, damit sie das entsprechende Youtube-Video entfernen. Der Nutzer, der das Video hochgeladen hat, könnte dem anschließend widersprechen, woraufhin Google selbst entscheiden könnte, ob sie das Video wieder hochladen. Tun sie dies, müsste der Urheber einen Gerichtsprozess starten, um dagegen vorzugehen.

Das wäre natürlich ziemlich aufwendig und kostspielig für Youtube. Das Content-ID-System wurde erfunden, um diese rechtlichen Auseinandersetzungen zu verhindern. Grundsätzlich funktioniert es folgendermaßen: Ein Urheber gibt etwa sein Musikstück an Youtube weiter. Dort wird es in das Content-ID-System übertragen, welches nun sämtliche Youtube-Videos automatisch mit dem Musikstück abgleicht. Wird es in einem monetarisierten Video gefunden, verliert der Nutzer, der das entsprechende Video hochgeladen hat, automatisch die Rechte daran, mit dem Video künftig Geld zu verdienen. Stattdessen geht das durch die Werbung verdiente Geld automatisch an den Urheber – oder an den, der sich als Urheber ausgibt.

Vor etwa einer Woche änderte Google das System so, dass nun auch große, früher von Netzwerken geschützte Kanäle davon erfasst werden. Da es automatisiert ist, ist es dabei völlig egal, ob die entsprechenden Kanäle die Erlaubnis von den Urhebern haben oder sogar vom Gesetz geschützte Inhalte produzieren. So gibt es etwa in Amerika das „Fair Use“-Gesetz, was im Deutschen Rechtssystem mit dem Zitatrecht vergleichbar ist. Demnach dürfen Persönlichkeiten wie „Angry Joe“ oder der „Nostalgia Critic“ die Spiele und Filme, über die sie sprechen, auch in Teilen zeigen, um ihre Argumente zu untermauern. In Deutschland ist das entsprechende Gesetz sehr viel schwammiger, während es in den USA klar geregelt ist: Spiele-Firmen dürfen „Angry Joe“ rechtlich nicht davon abhalten, ihre Spiele in seinen Reviews zu zeigen.

Da Content-ID jedoch ein automatisiertes System zur Findung von urheberrechtlich geschütztem Material ist, kann es „Fair Use“ nicht einordnen. Viele Entwickler und Publisher wie „Ubisoft“ oder „Bethesda“ haben deswegen schon vor langer Zeit reagiert und nutzen das System gar nicht erst. Sie erlauben und ermutigen ihre Kunden dazu, Videos aller Art mit ihren Spielen zu erstellen und zu monetarisieren.

Die Musik-Industrie ist da noch nicht so weit – und das trägt teilweise skurrile Früchte. So wie etwa bei Magnus Pålsson, seines Zeichens Komponist verschiedener Indie-Games wie „VVVVVV“. Seine eigenen Soundtracks wurden auf Youtube vom Content-ID-System erfasst und von anderen angeblichen Urhebern beansprucht. Des Rätsels Lösung: Pålsson verkaufte seine Musik über den Distributions-Service „TuneCore“. Dieses Unternehmen wiederum ist Partner des Youtube-Musik-Netzwerks „Indmusic“. Und „Indmusic“ wird nun als Urheber im Content-ID-System von Youtube aufgeführt. Als dieses nun die Website scannte, wurde der Komponist Pålsson genauso davon erfasst, wie tausende andere Let’s Player von Spielen, in denen seine Lieder auftauchen.

 

Und das obwohl Pålsson ausdrücklich erlaubt, seine Songs in Let’s Plays und anderen Videoproduktionen zu nutzen. Ohne sein Wissen und als „Teil ihres Services“, nach eigenen Worten, gehen „TuneCore“ und „Indmusic“ mit dem Content-ID-System auf Jagd nach angeblichen Urheberrechtsverletzungen. Künftig bekommt „Indmusic“ (und damit auch „TuneCore“ und Pålsson) sämtliche Einnahmen des entsprechenden Videos – ohne Pålsson darüber in Kenntnis zu setzen.

Doch wieso bekommen gerade jetzt so viele Kanäle Probleme, schließlich gibt es das Content-ID-System schon seit langer Zeit? Manu aka „GermanLetsPlay“ hat dafür eine überraschende und durchaus logisch klingende Antwort:

YouTube möchte im Januar ein neues System einführen und musste deswegen einen Bug beheben. Es war die ganze Zeit so, dass, wenn man ein Video hochgeladen und sofort monetarisiert hat (bevor es fertig hochgeladen wurde), das Content-ID-System nicht griff. Jetzt wo dieser Bug behoben wurde, holt sich das System nachträglich all diese Videos.“

„In dem neuen System wird es sogenannte „Affiliate“- und „Managed“ Partner. geben Dein Netzwerk kann einstellen, zu welche der beiden Gruppen du gehörst. „Affiliate“-Kanäle werden weiterhin große Probleme haben, während „Managed“-Kanäle vor Content-ID-Claims geschützt bleiben. Das Problem: „Managed“ Kanäle sollen sein, auf die die Netzwerkinhaber (beschränkten) Zugriffe haben, wie es etwa bei GIGA und Mediakraft oder High 5 und IDG der Fall ist.“ Alle anderen hätten demnach Pech gehabt.

Ob die vorherige Umgehung des Content-ID-Systems tatsächlich ein Bug oder von Youtube absichtlich toleriert wurde, ist im Endeffekt egal: Nachträglich wurden tausende Videos von einem System erkannt und für andere Urheber beansprucht, was herzlich wenig mit dem Urheberrecht zu tun hat. Ob der angebliche Anspruch des ebenso angeblichen Urhebers rechtens ist, das prüft Google nicht. Allein der Vorwurf reicht schon, um Tausenden Nutzern die Möglichkeit zu nehmen, mit ihren Videos Geld zu verdienen – und es stattdessen den angeblichen Urhebern zuzuspielen. Da ist es übrigens auch völlig egal, wie der urheberrechtlich geltend gemachte Inhalt im Verhältnis zum Rest des Videos steht. Selbst wenn nur 10 Sekunden in einem 30-Minuten-Video von einem vermeintlichen Urheber beansprucht wird, bekommt er zukünftig sämtliche Einnahmen dieses Videos.

„Content-ID“ ist ein gut gemeintes,in der Praxis jedoch sehr fehlerhaftes System, das weder die Urheber, noch die Videomacher glücklich macht. Eine Änderung scheint sich derweil nicht abzuzeichnen: „Google“ steht hinter „Content ID“ und ignoriert sämtliche hier aufgeführten Vorwürfe.

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