Apple Watch & Prominenz: Vom Selbstbetrug der Kundschaft (Kommentar)

Sven Kaulfuss 30

Während normale Kunden noch geduldig auf die Lieferung ihrer Apple Watch warten, verteilt der Hersteller ganze – teils nicht erhältliche – Sonderserien vorab unter diversen Prominenten. Geschicktes Marketing oder neidvolle Zweiklassengesellschaft?

Apple Watch & Prominenz: Vom Selbstbetrug der Kundschaft (Kommentar)

Was haben Karl Lagerfeld, Beyonce, Pharrell Williams, Anna Wintour, Katy Perry, J.J. Abrams und weitere Persönlichkeiten der bunten Blitzlichtwelt dieser Tage gemein? Sie alle wurden noch vor Marktstart mit einer Apple Watch bedacht, die sie auch stolz im Fernsehen, den sozialen Netzwerken und bei weiteren Gelegenheiten herumzeigen. Und wir und der Rest der Reporter-Bagage berichten in schöner Regelmäßigkeit darüber. Natürlich erhält die illustre Gesellschaft nicht irgendein beliebiges Standardmodell. Modeschöpfer Karl Lagerfeld erfreut sich beispielsweise über eine güldene Apple Watch Edition mit einem bisher nicht erhältlichen goldenen Edelmetallband – die perfide Steigerung einer inszenierten Exklusivität. Ein Massenprodukt vollführt die Kür und avanciert doch tatsächlich zum individuellen Schmuckstück.

Promi-Taktik der Apple Watch: Sehen und gesehen werden

Apropos: Damit wäre dann auch schon weitestgehend die Taktik seitens Apple erklärt. Die ausgesuchte Prominenz wird schlichtweg als Markenbotschafter der Apple Watch auserkoren. Die Pracht der Glitzerwelt färbt auf die smarte Uhr ab. Im Gegenzug schmücken sich die Schönen und Reichen wiederum mit dem Star-Appeal Apples, dürfen die begehrenswerte Technik schon vor dem gemeinen Pöbel nutzen. Dieser fühlt sich durch die Star-Akzeptanz in seinem Kaufwunsch bestätigt beziehungsweise in ihm wird eine zuvor unbekannte Begehrlichkeit erweckt. Nimmt der normale Kunde nach längerer Wartezeit seine Apple Watch schlussendlich in Empfang, so darf er sich dazugehörig fühlen. Ein Teil dieser „exklusiven“ Welt sein.

1st apple watch specially made for KarL !! Amazing !!! Thanks #apple !!!!!! @karllagerfeld

A photo posted by Sebastien Jondeau (@bentoub) on

Zweifelsohne und realistisch betrachtet reiner Selbstbetrug. Doch mit rationalen Maßstäben wird man dem so oder so nicht gerecht. Apple versteht sich auf eine perfekte Inszenierung. Am Ende gewinnt doch tatsächlich jeder: Die Prominenten, die Kunden und nicht zuletzt der Hersteller selbst. Alle sind glücklich und zufrieden – schöne neue Welt.

Bilderstrecke starten
13 Bilder
watchOS 6: Diese 12 Funktionen wünschen wir uns für die Apple Watch.

AppleMasters: Glaubwürdige Markenbotschafter aus der Vergangenheit

Und doch möchte ich Kritik üben. Die Instrumentalisierung prominenter Persönlichkeiten ist auch für Apple kein Neuland, anders als zuvor wirkt das neuerliche „Apple-Watch-Verteilungsprogramm“ auf mich jedoch allzu durchschaubar. Letzten Endes berechnend, kühl, unpersönlich, kurzum unehrlich.

apple_masters

In früheren Tagen war dies noch anders. 1996 hob man ein als AppleMasters bezeichnendes Programm aus der Taufe (lief bis 2002). Auf dem Tiefpunkt des wirtschaftlichen (Miss)Erfolges beschwor man die Gemeinschaft der Mac-Nutzer. Als „Paradepferde“ dienten herausragende Persönlichkeiten der Kunst, Kultur, des Sports, der Musik, Bildung, Forschung und vielen weiteren Bereichen – allesamt Mac-User aus Überzeugung. Unter ihnen beispielsweise der Autor und „Apple-Geek“ Douglas Adams (The Hitchhiker’s Guide to the Galaxy), Richard Dawkins (ehemaliger Oxford-Professor und einer DER Advokaten des neuen, aufgeklärten Atheismus), John Knoll (Miterfinder von Photoshop), Muhammad Ali (keine Erklärung nötig), Terry Gilliam, John Cleese (Monty Python) oder auch Peter Gabriel (Sänger) – gesamte Liste hier zu sehen. Sie alle dienten Apple als Markenbotschafter in unterschiedlicher Form (später teils auch im Bezug zur Think-Different-Kampagne) und erhielten im Gegenzug kostenfreie Hardware von Apple.

Heutige Realität: Massen-Promis für den Massenmarkt der Apple Watch

Der Unterscheid zu heute: Die (intellektuelle) Bandbreite der Prominenten und ein extra großer Glaubwürdigkeitsbonus. Wer Apple in schweren Zeiten als Botschafter beisteht, der muss wohl zwangsläufig ein „Überzeugungstäter“ sein, kein reines „Apple-Schönwetter-Modell“. Die heutigen Apple-Watch-Promis sind dagegen nur opportun und stehen im Zeichen des Fashion-Mainstreams, trotz inszenierter Individualität. „Schlimm“ ist dies nicht wirklich, halt nur passend zum gegenwärtigen Markenbild von Apple – konsequent meine Herren!

Umfrage zur Apple Watch: Wird die Smartwatch überzeugen?

Seit der Präsentation der Apple Watch sind Monate vergangen, der Marktstart dürfte nicht mehr allzu lange auf sich warten lassen. Glaubt ihr an den Erfolg der Smartwatch? Wie viel würdet ihr für die Uhr ausgeben? Eine Umfrage (Ergebnisse auf der letzten Seite):

Zu den Kommentaren

Kommentare zu diesem Artikel

* Werbung