Chromecast: Googles kleine Media-Revolution [Kommentar]

Amir Tamannai 50

Was für ein tolles Frühstück das gestern in San Francisco doch war: Während wir den Mittwoch schnöde mit Schrippe, Marmelade und ’nem hartgekochten Ei begonnen haben, tischte Google den versammelten Pressevertretern und der via Live-Stream verbundenen Öffentlichkeit Android 4.3, die Play Games-App, das Nexus 7 (2013) und vor allem den Chromecast-Dongle auf — besonders letzteres ist mein Produkt des Abends, ach des Sommers und in ein paar Monaten rückblickend vielleicht gar des Jahres. Warum? Weil Google damit endlich gelingen könnte, was Google TV versagt blieb: Online Multimedia-Inhalte unkompliziert und für jedermann erschwinglich auf den großen Wohnzimmer-Screen zu bringen.

Chromecast: Googles kleine Media-Revolution [Kommentar]

Das Foto da oben, das die Kollegen von The Verge am gestrigen Abend als eines der letzten in ihren Live-Blog vom Google-Frühstück geladen hatten, ist für mich das Bild des Tages gewesen: Ein kleines Gadget im ursprünglichsten Sinne, zum kleinen Preis von nur 35 US-Dollar, das aber Großes leisten soll und unter Umständen ein wirklicher Game Changer werden könnte — für Google, für Android und für die Art und Weise, wie zukünftig viele Menschen zuhause YouTube, Netflix (wenigstens in den USA), Google Play Music und sogar das Internet im Chrome-Browser konsumieren werden. Dieses Foto des Chromecast genannten Dongles zusammen mit der beinahe magischen $35-Angabe sollten wir also vor unserem inneren Auge behalten, als eines der Highlights der Technikhistorie des Jahres 2013.

Klar, das Rad hat Google mit dem Chromecast (wer gerade gar nicht weiß, worum es sich dabei handelt, darf sich gerne unseren kompakten Chromecast-Artikel von gestern Abend durchlesen) nicht neu erfunden: Er kann nichts, was Apple nicht schon vor Jahren mit AirPlay und Apple TV etabliert hätte; in vielerlei Hinsicht kann er sogar weniger. Aber er macht manches anders und das könnte ihm zu größerer Verbreitung und damit mehr Erfolg und einer höheren Durchsetzung verhelfen als dem Vorbild aus Cupertino.

Chromecast

Da wäre zunächst eben der Preis: Wo Apple TV rund 100 Dollar (hierzulande sind es 109 Euro) kostet, verhökert Google seinen Dongle ab heute für sage und schreibe 35 Dollar (leider lässt sich der Chromecast über Amazon.com nicht nach Deutschland ordern, ich hab’s heute morgen wirklich hundertmal probiert). 35 Dollar! Das ist so günstig, dass sich wirklich jeder, der sich ansatzweise für diese Technik interessiert, notfalls gleich zwei Teile leisten kann; oder auch drei.

Natürlich ist Chromecast im Vergleich zu Apple TV auch ein deutlich abgespecktes Stück Technik — aber das funktioniert in beide Richtungen: So fehlen dem Dongle zwar ein eigenes UI und zahlreiche Funktionalitäten, wie beispielsweise das komplette Spiegeln des Desktops an den TV; Gaming vom Smartphone, Tablet oder PC — auf dem Fernseher ist mit Chromecast aktuell nicht möglich. Andererseits ist er aber äußerst kompakt und kann mit allen möglichen Geräten — vom Android-Smartphone oder-Tablet über iOS-Geräte bis hin zu MacBooks, Laptops und PCs angesteuert werden. Eine solche Multi-Plattform-Kompatibilität sucht man und wird man auch weiterhin bei Apple TV vergebens suchen.

Auch der Chromecast muss beim Betrieb mit Strom versorgt werden — das funktioniert entweder via Netzteil oder einfach über den USB-Port des TV. Abgestöpselt ist er mitsamt Kabel aber immer noch so portabel, dass man ihn überall hin mitnehmen kann, sei es ins Nebenzimmer, zu Freunden oder gar in den Urlaub beziehungsweise auf die Geschäftsreise — um dann eben auch im Hotelzimmer auf das eigene Programm zurückgreifen zu können. Vom etwaigen beruflichen Nutzen, Präsentationen und Tabellen via Google Docs oder ganze Webseiten via Chrome-Plugin unkompliziert an jeden TV senden zu können, gar nicht zu sprechen.

Chromecast-Power

Außerdem ist Chromecast, so wie es sich aktuell darstellt, nur der Anfang: Nicht nur stellt Google ein SDK bereit, mit dem Drittentwickler ihre Produkte Cast-fähig machen können, auch hofft man in Mountain View darauf, dass Hardware-Hersteller den Standard adaptieren und in ihre Geräte integrieren; der Dongle selbst könnte in Zukunft dann gar wegfallen. Und mit der weiteren Verbreitung wird auch eine erweiterte Funktionalität einher gehen. Eminent wichtig dafür ist die Unterstützung der dritten Parteien — und dafür wiederum ist die Verbreitung des Dongles Voraussetzung.

Zum aktuellen Stand ist es daher sogar gut, dass der Chromecast in seiner Funktionalität simpel gehalten wurde: So können wir und vor allem die nicht so techaffinen Nutzer uns und sich ganz langsam daran gewöhnen, den großen Screen, den wir inzwischen fast alle Zuhause haben, eben auch als komfortableres und unterhaltsameres Fenster in die Medien-Cloud zu nutzen. Desktop-Spiegelung, Medienwiedergabe von der Festplatte und Gaming dürfen dann später ruhig folgen.

Chromecast-box

Mit dem niedrigen Preis, der Simplizität in Benutzung und Funktionsumfang hat Google beim Chromecast all das richtig gemacht, was man bei Google TV und dem Nexus Q nicht optimal gelöst hatte. Ich bin davon überzeugt, dass wir gestern Zeugen des Beginns einer kleinen Medien-Revolution geworden sind und bin gespannt, ob und hoffe, dass ich diese Aussage noch in einem Jahr so unterschreiben werde. Jetzt zähle ich aber erstmal die Tage, bis ich meine zwei oder drei Chromecasts in Händen halten darf.

[via Android Community, The Verge]

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