Moto 360 im Test: Eine (fast) runde Sache

Rafael Thiel 4

Sie gilt als das Vorzeigeprodukt von Smartwatches mit Android Wear: die Moto 360. Im März dieses Jahres angekündigt, wurde die smarte Uhr von Motorola jedoch erst im Oktober auf den Markt gebracht. Zu diesem Zeitpunkt hatte sich bereits ein immenser Hype um die erste runde Smartwatch aufgebaut; vor allem aufgrund der augenscheinlich perfekten Mischung aus Design und Funktionalität. Doch kann das kleine Gadget fürs Handgelenk mit Software aus Mountain View den Erwartungen gerecht werden? Unser umfangreicher Testbericht gibt Auskunft.

Moto 360 im Test: Eine (fast) runde Sache

Smartwatches drängen in den Mainstream. Nachdem Smartphones unser Leben und den Umgang miteinander in den vergangenen Jahren nachhaltig verändert haben, sollen intelligente Uhren die nächste große Sache sein. Dabei gibt es Smartwatches schon seit geraumer Zeit – die ihr Dasein jedoch stets als Nischenprodukt fristeten. Das will Google mit seiner Android Wear-Initiative ändern. Die Softwareplattform wurde nach einer ersten Ankündigung im März auf der Google I/O 2014 im Juni der Öffentlichkeit präsentiert, mitsamt der ersten Generation Smartwatches mit diesem Betriebssystem. Doch die Samsung Gear Live sowie die LG G Watch (Test) erinnerten eher an gut gemeinte Machbarkeitsstudien denn ausgereifte Smartwatches.

lg-g-watch-samsung-gear-live

Die erste Generation von Android Wear: LG mit der G Watch und Samsung mit der Gear Live.

Motorola beanspruchte für sich, dank des runden „Ziffernblattes“ das – an sich profane – Erfolgsrezept für eine Smartwatch der neuesten Generation zu besitzen. Der Hype gab den US-amerikanern vorerst Recht: Die Moto 360 zog Tech-Presse und -Enthusiasten von Beginn an in den Bann. Die Balance zwischen ansehnlichem Äußeren und technischen Features schien zu stimmen, zumal Android Wear von Anfang an auch für runde Ziffernblätter ausgerichtet sein sollte. Doch hält die kreisrunde Moto-Smartwatch auch einem zweiten Blick stand?

Hinweis: In den vergangenen Wochen haben wir die Moto 360 in der schwarzen Ausführung mit Android Wear in der Version 4.4W.2 ausführlich getestet. Es handelt sich um ein privates Gerät, die Erkenntnisse des Autoren wurden mit denen des Redakteurs Lukas Funk ergänzt, der ebenfalls ein Exemplar der Moto 360 besitzt.

Bilderstrecke starten
24 Bilder
Die 23 schönsten Smartwatches, Fitness-Tracker & Wearables.

Das Design der Moto 360

Eine Uhr ist heutzutage weitaus mehr als ein schnöder Zeitmesser – sie gilt als Statusobjekt und ist für viele das womöglich persönlichste Schmuckstück. Das hat Motorola erkannt und sich, im Gegensatz zur Konkurrenz aus Südkorea, von vornherein auf die Optik der Smartwatch konzentriert. Die Moto 360 versteht sich nicht nur als funktionales Gadget am Handgelenk, sondern will auch in ihrem äußeren Erscheinungsbild überzeugen.

moto-360-test-seite-button-kante-2

Das beginnt schon mit dem runden Korpus der Moto 360, der dafür sorgt, dass die Smartwatch auf den ersten Blick als reguläre Armbanduhr durchgeht. Die klaren und schlichten Linien des Gehäuses muten elegant an und werden nur linksseitig von einer kleinen Öffnung für das Mikrofon sowie von einem an der rechten Seite herausstehenden Knopf unterbrochen. Dieser dient dazu, den Bildschirm händisch ein- beziehungsweise auszuschalten und per Langdruck die Einstellungen aufzurufen. Doch auch die eingesetzten Materialien sowie die solide Verarbeitungsqualität verleihen der Smartwatch einen edlen Touch: Das Gehäuse ist aus Edelstahl gefertigt und verjüngt sich nach einer schmalen Kante in Richtung des Nutzers, wo es dem von Gorilla Glas 3 bedeckten Display mitsamt des ungeliebten schwarzen „Balkens“ auf der Unterseite der Glasfront weicht. Die Glasfront steht dabei ein klein wenig über und ist nach außen hin abgeflacht. Das führt dazu, dass sich das Licht des zugrunde liegenden Bildschirms am Rande des Glases bricht – das fällt allerdings lediglich bei einem hellen Hintergrund auf und stört meist nicht weiter.

moto-360-test-seite-button

Die Moto 360 macht bei ausgeschaltetem Display schlicht einen soliden und auf eine dezente Art und Weise äußerst hochwertigen Eindruck – von dem sich in den Rändern ansammelnden Staub mal abgesehen. Das Design wirkt zeitlos und futuristisch zugleich. Die Uhr ist zudem überraschend leicht, vielleicht sogar mit nur 60 Gramm etwas zu leicht, da sie dadurch wiederum ein wenig wie ein Spielzeug wirkt. Denn: Motorolas Smartwatch ist auf den ersten Blick nicht gleich als solche erkennbar; das liegt einerseits am Design als auch an der unscheinbaren Größe. Der Durchmesser beträgt 46 Millimeter – nichts ungewöhnliches für eine Uhr. In der Höhe misst die Moto 360 rund 11,5 Millimeter, was auch noch im Rahmen liegt.

moto-360-test-lederarmband-rueckseite

Bei unserem Modell war ein schwarzes Lederarmband der Horween Leather Company aus Chicago – so gesehen ein direkter Nachbar von Motorola – angebracht. Dieses erfüllt seinen Zweck und sieht recht ordentlich aus, gleichwohl der Verfasser dieser Zeilen Metallarmbänder bevorzugt – ein Metallband würde der Uhr zudem ein angenehme(re)s Gewicht verleihen, wobei das eindeutig subjektiv ist. Außerdem erschien ihm das Lederband etwas zu lang, wodurch es regelmäßig aus der Schlaufe springt, wenngleich das auch auf eher schmale Handgelenke zurückzuführen sein könnte. Das Armband lässt sich jedoch bequem austauschen, weist es doch eine standardisierte Breite von 22 Millimetern auf, somit können ohne Probleme auch Bänder anderer Hersteller verwendet werden. Motorola bietet die Moto 360 – zumindest in den USA – mittlerweile auch wahlweise mit einem Metallarmband an.

moto-360-test-seite

Die Unterseite der Uhr besteht aus schlichtem Plastik, was den technischen Innereien geschuldet ist. So ist dort der optische Herzfrequenzmesser angebracht, der sich durch sein gelegentlich grünes Aufleuchten bemerkbar macht. Dies fällt beim Tragen allerdings keineswegs auf und geschieht auch nur schätzungsweise zweimal in der Minute – das Messintervall lässt sich übrigens nicht manuell ändern. Darüber hinaus benötigt auch die integrierte kabellose Ladefunktion per QI Wireless-Standard ein nichtleitendes Gehäusematerial zur Induktion. Ebenso ist unten die Wasserfestigkeit vermerkt, denn die Moto 360 ist nach IP67-Standard zertifiziert.

Hardware und Spezifikationen der Moto 360

Doch wir wollen die Moto 360 nicht nur auf ihr Äußeres reduzieren, sondern beschäftigen uns selbstredend auch mit den inneren Werten der Android Wear-Uhr. Beginnen wir mit dem markantesten Bauteil, dem 1,56 Zoll in der Diagonale messenden Display: Die Auflösung des runden IPS-Bildschirms beträgt 320 x 290 Pixel, was zu einer Pixeldichte von 205 ppi führt. Das ist wahrlich nicht scharf und die Moto 360 hinkt der Konkurrenz in dieser Disziplin auch hinterher. Infolgedessen werden Symbole auch etwas größer dargestellt, wodurch Informationen weniger Platz eingeräumt wird. Nichtsdestotrotz erweist sich die Auflösung im Alltagsgebrauch als ausreichend scharf. Die dargestellten Farben sind solide und überraschend blickwinkelstabil. Die maximale Helligkeit sollte für sonnige Tage reichen, gleichwohl die aktuelle Wetterlage diesbezüglich keinen sonderlich aussagekräftigen Test erlaubt.

moto-360-test-lichtbrechung-display-rand
An der Kante des Displayglases kommt es zur Lichtbrechung.

Da die Moto 360 im Gegensatz zu bislang allen anderen Android Wear-Smartwatches über ein LC-Display verfügt, saugt der Bildschirm auch bei passiver Benutzung vergleichsweise gierig am Energiespeicher. Bei den OLED-Screens der Konkurrenz können die Pixel einzeln angesteuert und beleuchtet werden, wodurch ein schwarzer Hintergrund im abgedunkelten Modus mit lediglich einem Ziffernblatt auf der Anzeige kaum ins Gewicht fällt. Die LCD-Technologie erlaubt dies jedoch nicht und wird, sofern aktiv, stetig und gleichmäßig von hinten beleuchtet. An dieser Stelle geben wir allerdings vorab schon mal eine Entwarnung: Die Akkulaufzeit der Moto 360 ist dennoch zufriedenstellend, doch dazu später mehr. Dennoch fragen wir uns, weshalb Motorola nicht ebenfalls auf ein modernes OLED-Display zurückgegriffen hat – beim Moto X (2014, Test) ging es doch auch.

moto-360-test-balken

Allerdings wird das Display dem Namen der Uhr nicht gerecht, denn es handelt sich nicht um einen vollständigen 360 Grad-Kreis. Im unteren Bereich wird der Bildschirm durch einen schwarzen Balken abgelöst, der scheinbar keinerlei Nutzen bringt. Weit gefehlt, denn in diesem ominösen Balken verbergen sich allerhand Technik für das Display sowie der Lichtsensor. Der Sensor regelt automatisch die Helligkeit des Bildschirms – ein Feature, das den anderen Android Wear-Smartwatches abhandenkommt. Gäbe es diesen schwarzen Balken nicht, hätte Motorola die Ränder um das Display breiter konzipieren müssen und wir hätten nicht den futuristischen Look der Moto 360 bekommen. Das zeigt sich bei LG, die bei der G Watch R einen komplett runden Bildschirm verbauen, allerdings mitsamt der dadurch benötigten Bezel für die Technik.

moto-360-test-unten-sensor

In der Mitte der Unterseite ist der Herzfrequenzmesser angebracht.

Das nominelle Herzstück der Moto 360 ist der verbaute Prozessor, ein OMAP3-Chip von Texas Instruments. Dieser verfügt über einen ARM Cortex A8-Rechenkern mit einer vom Hersteller nicht genau bezifferten Taktrate. Der Chip wurde noch im veralteten 45 nm-Verfahren gefertigt. Diese Hardware-Wahl gehört zu den größeren Kritikpunkten an der Uhr von Motorola, da nicht ersichtlich ist, wieso nicht zu einem Snapdragon 400 von Marktführer Qualcomm gegriffen wurde, wie er ausnahmslos bei der Smartwatch-Konkurrenz zum Einsatz kommt – der Qualcomm-Chip ist im 28 nm-Verfahren gefertigt und damit deutlich energieeffizienter. Der OMAP3 wurde im Jahr 2010 eingeführt und in Geräten wie dem Motorola Droid X und dem Palm Pre 2 eingesetzt. Mittlerweile wird der Prozessor schon gar nicht mehr hergestellt. Warum diese Entscheidung? Eine mögliche Erklärung ist, dass der Preis der Moto 360 auf diese Weise signifikant gedrückt werden konnte. Der OMAP3 war auch in der MOTOACTV-Smartwatch verbaut, die es jedoch nur auf den US-Markt geschafft hatte. Infolgedessen könnte Motorola schlicht die eigenen Lager geleert haben, indem man auf einen angestaubten Chipsatz zurückgriff.

moto-360-test-buch

Der interne Speicher misst wie bei bislang allen Android Wear-Smartwatches 4 GB, auf dem sich seit dem jüngsten Software-Update auch Musik ablegen lässt. Als Arbeitsspeicher stehen wie bei der Konkurrenz 512 MB zur Verfügung. Als Energiespeicher dient ein Lithium-Polymer-Akku mit einer Kapazität von 320 mAh. Die Uhr verbindet sich via Bluetooth 4.0 LE mit dem Smartphone, das daher mindestens mit Android 4.3 ausgestattet sein muss. Im Gegensatz zur Sony Smartwatch 3 verfügt die Moto 360 über kein GPS-Modul, dafür unterstützt Motorolas Smartwatch das kabellose Laden per Qi Wireless-Standard – ein im Alltag überaus nützliches Feature. Die mitgelieferte Ladestation dürfte für den Formfaktor optimal sein, es lässt sich aber jeder andere Ladeadapter mit Qi Wireless verwenden – entsprechende Ladestationen findet man bereits .

Software und Performance der Moto 360

Die bisweilen fragwürdige Hardware sowie das überaus schicke Design der Moto 360 stammen von Motorola, doch die Software wurde frisch aus Mountain View importiert. Bis auf eigens entworfene Ziffernblätter, genannt Watchfaces, haben die Hersteller hierbei wenig Spielraum für Individualisierung. Seit dem Debüt in der LG G Watch hat sich bei Android Wear durchaus einiges getan, das Grundkonzept ist hingegen beibehalten worden. Die Software wurde unter der Haube nach und nach optimiert, die Oberfläche punktuell verbessert und angepasst. In unserem Testzeitraum wurde die Moto 360 mit der Version 4.4W.2 betrieben und war stets mit einem LG G3 (Test) unter Android 4.4 KitKat verbunden. Das erstmalige Pairing mit dem Smartphone erfolgte übrigens ohne nennenswerte Hürden. Android Wear 5.0 hat sich derweil noch nicht blicken lassen.

moto-360-test-softwareversion

Nach wie vor basiert Android Wear auf dem aus Google Now bekannten Kartensystem. Dabei wird per Wischgeste nach oben beziehungsweise unten zwischen den Karten navigiert. Eine Karte kann allerlei Informationen und Interaktionsmöglichkeiten beinhalten. Im Grunde werden nur Karten aus Googles Sprachassistenten sowie die gespiegelten Benachrichtigungen des verbundenen Smartphones samt dazugehöriger Shortcuts angezeigt, App-Entwickler können ihre Anwendungen für Android Wear anpassen und die Funktionalität erweitern. Mithilfe der zusätzlichen App „Wear Mini Launcher“ können Anwendungen zudem händisch auf der Uhr aufgerufen werden.

moto-360-test-wetter-karte

Bei Audiowiedergabe ist es zudem möglich, diese von der Uhr aus zu steuern – und schon sind wir bei der ersten spürbaren Verbesserung des jüngsten Updates: Während die Steuerelemente vorher auf mehreren durchwischbaren Seiten verteilt waren – was wir noch im Test der G Watch kritisierten – sind diese jetzt sinnvoll auf einer Interface-Seite angeordnet – eine höchst willkommene Veränderung. Darüber hinaus ist es erst seit Version 4.4W.2 möglich, die aktuelle Kartenpreview zum Verstecken nach unten zu wischen. Das ließ sich vorher nur durch die Stummschaltung per Wischgeste vom oberen Bildschirmrand nach unten bewerkstelligen, wodurch allerdings die Uhr auch nicht mehr über eingehende Benachrichtigungen informiert. Außerdem kann jetzt auch auf dem Speicher der Smartwatch Musik hinterlegt und via Bluetooth-Kopfhörer respektive -Lautsprecher wiedergegeben werden.

moto-360-test-musik-steuerung

Damit sind die auffälligen Veränderungen der Oberfläche abgehakt, doch die Updates für die Moto 360 seit dem release des Geräts wirken sich auch „unter der Haube“ immens auf die Nutzungserfahrung der Moto 360 aus. Während bei zahlreichen Testberichten – nur wenige Tage nach der Vorstellung – noch der Akku sowie regelmäßig auftretende Ruckler kritisiert wurden, läuft das System jetzt butterweich und spürbar energieeffizienter. Im Testzeitraum konnte der Autor nur noch vereinzelt Aussetzer in der Performance ausmachen. Ebenso erwies sich der Akku als ausreichend bemessen, um einen Tag zu überstehen – das gilt sowohl für die „reguläre“ Nutzung als auch mit dem so genannten „Ambient Mode“, der das Display dauerhaft aktiv lässt.

moto-360-test-watchface-handgelenk-2

Die Moto 360 mit beleuchtetem Watchface.

Der Ambient Mode der Moto 360 funktioniert allerdings auch etwas anders als bei LG G Watch, Asus ZenWatch und Co. Der Bildschirm wird nicht etwa konstant angelassen, sondern schaltet die verbaute Sensorik lediglich etwas sensibler. Wird die Oberseite der Uhr auch nur ansatzweise nach oben gerichtet, springt eine abgedunkelte Anzeige an. Wenn der Benutzer diese Geste „zu Ende führt“, wechselt der Bildschirm in den regulären und voll ausgeleuchteten Modus – aufgrund des Lichtsensors ist die Helligkeit erfreulicherweise zudem stets der Umgebung angemessen eingestellt.

Im Testzeitraum kam es lediglich sporadisch zu Verbindungsabbrüchen mit dem Smartphone. Die App Wear Aware aus dem Play Store, welche die Verbindung im Hintergrund überwacht, schlug nur wenige Male Alarm, meist wegen der Distanz zwischen den beiden Geräten. Die Bluetooth-Verbindung ist im Nebenraum in der Regel noch stabil, bei zwei Räumen Abstand zwischen Smartphone und Uhr wird es schon kritisch – der verwendete Bluetooth-Standard erreicht ohne Hindernis eine Funkreichweite von etwa zehn Metern. Dennoch ist die Verbindung zwischen Moto 360 und Companion-Androide als zufriedenstellend zu bewerten. Auf letzterem lassen sich übrigens per Moto Connect-App diverse Einstellungen vornehmen, unter anderem ist es möglich, die Watchfaces zu bearbeiten.

Die Moto 360 im Alltag

Ein elegantes Stück feiner Technik mit einem leicht überholten Innenleben also – schön und gut, doch wie schlägt sich die Moto 360 im Alltag? Der Mehrwert einer Smartwatch ist derzeit noch begrenzt und hängt stark vom eigenen Nutzungsverhalten ab. Dennoch gibt es nette Features und Gimmicks, die der Autor im Alltag teilweise nicht mehr missen möchte.

Angefangen bei der Möglichkeit eine laufende Audiowiedergabe auf dem Smartphone per Uhr zu steuern. Seit dem letzten größeren Update wurde die entsprechende Oberfläche ordentlich aufpoliert und ist jetzt wirklich „nutzbar“. Dadurch kann man etwa mit Kopfhörern im Ohr die Musikwiedergabe per Sprachbefehl starten und auf der Uhr die Lautstärke regeln sowie zwischen den Tracks in der Wiedergabeliste springen – bequeme Sache. Was hingegen nicht so recht funktionieren will, ist die vom Smartphone unabhängige Wiedergabe per Bluetooth. Die Moto 360 hat sich stets gesträubt, sich mit verschiedenen Audiogeräten zu verbinden.

moto-360-test-handgelenk-seite

Ein weiteres Gimmick, das sich in gewissen Szenarien als nützlich erweisen könnte, ist, die Uhr als Fernsteuerung zu benutzen. Denn mit einigen Drittanbieter-Apps lassen sich so Dinge wie WLAN und Toneinstellungen des verbundenen Smartphones fernsteuern. Dasselbe gilt für die Kamera; hierbei bedarf es allerdings zunächst entsprechender Unterstützung der Kamera-Anwendung – LG hat seine App auf dem G3 dankenswerterweise jüngst dahingehend erweitert. Bei aktivierter Kamera zeigt die Uhr optional den Sucher an und erlaubt das ferngesteuerte Knipsen von Fotos. Da der Fotosensor allerdings rechteckige Bilder aufnimmt, wird die Anzeige auf dem runden Display der Moto 360 lediglich geschrumpft dargestellt und kann nicht auf die volle Anzahl der Pixel des eh schon nicht allzu hochauflösenden Bildschirms zurückgreifen.

moto-360-test-auf-telefon-oeffnen

Bekommt man leider häufiger zu sehen: einen Verweis aufs Smartphone.

Da kommen wir schon zu einer größeren Problematik: Gleichwohl Android Wear nominell auch runde Smartwatches unterstützt, sind viele Oberflächen nicht an die kreisförmige Anzeige angepasst. In manchen Fällen wird an den Ecken etwas abgeschnitten, mal steht der Text über oder der Informationsgehalt wird schlicht mangels Optimierung an die runden Gegebenheiten gestaucht. Das dürfte wohl der Preis für das schicke Design sein, denn bei der Moto 360 gilt eben nicht „Form follows Function“ – im Gegenteil. Es gibt hier seitens der Entwickler von System und Drittanbietersoftware durchaus noch Handlungsbedarf.

moto-360-test-watchface-gedimmt

Des Autors liebstes Watchface im gedimmmten Modus.

Kommen wir zur vermeintlichen markantesten Achillesferse der Moto 360: dem Akku. Nach dem initialen Marktstart der Smartwatch im Oktober wurde sofort der verbaute Energiespeicher als „Dealbreaker“ ausgemacht. Im Vergleich mit der Konkurrenz wirken die 320 mAh geradezu mickrig – selbst die erste LG-Uhr besaß schon einen 400 mAh großen Akku – bei einem mutmaßlich effizienterem Display und SoC. Die ersten Einheiten bestätigten die Einschätzung, dass die Moto 360 wahrlich kein Akkuwunder sei. Allerdings ist es den Entwicklern bei Motorola sukzessive gelungen, den Energieverbrauch der Uhr per Software-Update zu minimieren. Mit der aktuellen Software-Version bringt die Moto 360 seinen Träger bei moderater Nutzung sicher durch den Tag – und das bei eingeschaltetem Ambient Mode.

moto-360-test-screenshot-akku
moto-360-test-screenshot-akku-2

Die Moto 360 steht auch mit Ambient Mode einen Tag ohne Boxenstopp durch.

Mit einigen Sprachbefehlen, relativ vielen Benachrichtigungen und verbalen Antworten sowie regelmäßigen Blicken auf die Uhr(zeit) liegt der durchschnittliche Energiebedarf bei aktiver Benutzung bei rund 4 bis 5 Prozent die Stunde. Die Laufzeiten lagen im Testzeitraum somit folgerichtig stets zwischen 18 und 24 Stunden. Ist der Ambient Mode ausgeschaltet, sinkt der stündliche Verbrauch auf rund 3 Prozent. Das bedeutet dennoch, dass die Moto 360 in beiden Fällen – wie die meisten Smartphones – täglich aufgeladen werden muss. Zur Auswertung des Akkus wurde übrigens die App „Wear Battery Stats“ herangezogen. Die Akkulaufzeit ist wahrlich nicht „State-of-the-Art“, doch als befriedigend einzustufen – wenn wir an dieser Stelle Schulnoten bemühen, ergibt das eine glatte „3“.

moto-360-test-watchface-handgelenk-1

Es gibt wahrlich Watchfaces für jeden Geschmack.

Insofern kann die Moto 360 ihrer nominellen Grundaufgabe über den Tag hinweg zuverlässig nachkommen – nämlich die Uhrzeit anzuzeigen. Bei ausgeschaltetem Ambient Mode reagierte die Smartwatch allerdings bisweilen nicht, wenn man sie „zu Gesicht führte“. Das war in gewissen Situationen, in denen keine zweite Hand frei war, um den Bildschirm manuell einzuschalten, etwas ärgerlich – wir empfehlen den Ambient Mode beziehungsweise „Bildschirm im Inaktivmodus“, wie die Funktion in der Android Wear-App genannt wird, darum stets aktiviert zu lassen – weil der Akku ob der nachträglichen Softwareoptimierung trotzdem lange genug mitmacht.

moto-360-test-handgelenk-oben

Die Hardware der Moto 360 stört im Alltag weniger – vom etwas zu lauten Vibrationsmotor abgesehen –, vielmehr lässt die Software einen bisweilen die Augenbraue hochziehen. So kommt es beispielsweise gelegentlich vor, dass eingesprochene Antworten auf Nachrichten trotz visueller Bestätigung durch einen grünen Haken nicht abgeschickt werden. Generell lässt die Spracheingabe hin und wieder Frust aufkommen, denn die Interpretation des akustischen Inputs geht nur recht träge vonstatten. Es gilt also noch einige Schrauben anzuziehen, um mit Android Wear die Masse zu erreichen – die Weichen sind gestellt, die Richtung stimmt.

Fazit

Es gab in diesem Jahr wohl kaum ein Gadget aus dem Android-Lager – auf Apple wollen wir an dieser Stelle keine Rücksicht nehmen –, das einen solchen Hype erfahren hat wie die Moto 360. Seit der Ankündigung der ersten runden Smartwatch gierten Tech-Interessierte aus aller Welt nach der futuristischen Uhr. Infolgedessen war beinahe absehbar, dass Motorola den aufgeblähten Erwartungen nicht gerecht werden konnte; die Moto 360 ist, nüchtern betrachtet, nicht ohne Makel und weit entfernt von der zunächst erhofften eierlegenden Wollmilchsau.

moto-360-test-android-wear

Dennoch hat die Moto 360, von ihrer Schokoladenseite betrachtet, ihre Reize. Wenn man über die ausreichende aber verglichen mit der Konkurrenz doch knapp bemessene Akkulaufzeit, den etwas langsamen Prozessor, und eine bisweilen suboptimale Darstellung auf dem eben nicht ganz runden Display hinwegsehen kann, ist es durchaus möglich, mit der Smartwatch glücklich zu werden. Denn Motorola hat auch einiges richtig gemacht, angefangen beim eleganten Design bis hin zum unterstützten kabellosen Qi-Ladestandard.

Smartwatches sind noch immer mehr Gimmick als „Must-Have“, das ändert auch die Moto 360 nicht. Bei der Moto 360 hat Motorola den Spagat zwischen schickem Design und nützlicher Funktionalität sowie technischen Features gewagt – mit Erfolg: Das Gesamtpaket kann überzeugen und stellt in vielerlei Hinsicht eine Bereicherung für den Alltag da. Wer etwas fürs Auge will und bereit ist, seine Smartwatch täglich aufzuladen, kann bei der Moto 360 bedenkenlos zugreifen.

Wertung

  • Display: 4/5
  • Ergonomie: 4/5
  • Design und Verarbeitung: 5/5
  • Software: 4/5
  • Akku: 3/5

Gesamt: 4/5

Moto-360-Test-Badge-androidnext

Pro

  • Hochwertiges Design
  • Hervorragende Verarbeitungsqualität
  • Nützliche Extras (kabelloses Laden, Helligkeitssensor)

Contra

  • Veralteter Prozessor
  • Akkulaufzeit nur mittelmäßig
  • Software nur bedingt an runden Bildschirm angepasst

Weitere Themen

Neue Artikel von GIGA ANDROID

  • Ratgeber: Die besten Android-Smartphones für unter 300 Euro

    Ratgeber: Die besten Android-Smartphones für unter 300 Euro

    Wer ein neues Handy ohne Vertrag für 200 bis 300 Euro kaufen möchte, hat oft die Qual der Wahl. Denn es finden sich unter den preiswerten Handys oft viele Geräte der gehobenen Mittel- bis Oberklasse mit solider Hardware-Ausstattung, die regelmäßig in Smartphone-Tests glänzen. Wollt ihr euch ein Android-Smartphone für unter 300 Euro ohne Vertrag zulegen, braucht ihr also nicht auf gute Handys zu verzichten. Wir...
    Christin Richter 30
* gesponsorter Link