Es muss nicht gleich eine Oculus Rift sein: Drei günstige VR-Brillen ausprobiert

Kaan Gürayer 7

Spätestens seit dem Verkaufsstart der Oculus Rift und HTC Vive ist die Virtual Reality tatsächlich in unseren Wohnzimmern angekommen – mit Preisen jenseits der 600 Euro sind die High-End-Headsets aber alles andere als günstig. Erschwinglicher sind hingegen VR-Brillen, die mit einem Smartphone gekoppelt werden. Welche Modelle es gibt und wo die Vor- und Nachteile liegen, haben wir für euch beleuchtet. 

Es muss nicht gleich eine Oculus Rift sein: Drei günstige VR-Brillen ausprobiert

Über die weiten Schluchten des Grand Canyon blicken, durch das königliche Schlafzimmer Ludwig, des XIV. schlendern oder im australischen Ozean mit Delfinen schwimmen – alles, ohne auch nur einen Fuß vor die Haustür zu setzen. Dank des technischen Fortschritts scheinen die Verheißungen der Virtual Reality anno 2016 tatsächlich zum Greifen nahe zu sein.

Wer aber in ferne Welten abtauchen möchte, muss – so wenigstens die landläufige Meinung – das nötige Kleingeld mitbringen: Eine Oculus Rift schlägt beispielsweise mit 699 Euro zu Buche, die HTC Vive kostet gar 849 Euro. Und in dem Preis ist noch nicht einmal der leistungsstarke Computer mit eingerechnet, der zum Betrieb der beiden Brillen notwendig ist.

Geht’s auch bezahlbarer? Es geht! VR-Brillen, die sich mit Smartphones koppeln lassen, können eine günstige Alternative zu den teuren Modellen von Oculus, HTC und Co. darstellen. Während die Headsets lediglich die notwendige Linsentechnik zur Darstellung der virtuellen Realität mitbringen, dient das Smartphone gleichermaßen als Bildschirm und Recheneinheit.

Mit Google Cardboard, Shinecon und der Gear VR haben wir gleich drei solcher VR-Brillen unter die Lupe genommen, die von knapp 4 Euro bis 69,99 Euro eine breite Preisspanne abdecken und sowohl für Virtual-Reality-Neulinge als auch VR-Profis das passende Headset bieten.

Unser Fokus lag dabei auf drei Kriterien:

  • Inbetriebnahme
  • VR-Erlebnis
  • Preis

Den Anfang hat Googles Cardboard gemacht, das mit einem Preis von 3,94 Euro auch die mit Abstand günstigste VR-Brille im Test war. Im Gegenzug für den erschwinglichen Preis darf der Käufer aber selbst Hand anlegen, denn Google Cardboard kommt als Bastelset geliefert und muss erst einmal zusammengebaut werden. Mit etwas Handwerksgeschick und räumlichem Vorstellungsvermögen lassen sich die Einzelteile aber schnell zusammensetzen.

Cardboard und Gear VR: Bastelgeschick vs. Rundum-Sorglos-Paket

Leider ist der Autor dieser Zeilen mit keiner dieser Fähigkeiten begnadet und musste sich erst ein YouTube-Video als Bastelanleitung anschauen, bevor er Cardboard nach ungefähr einer halbe Stunde zusammensetzen konnte. Soll heißen: Wer tatsächlich zwei linke Hände besitzt oder partout keine Lust auf Basteln hat, sollte Google Cardboard lieber links liegen lassen.

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Die Gear VR war im Vergleich dazu eine selbsterklärende Wohltat. Die VR-Brille wurde bereits komplett zusammengeschraubt angeliefert und für Verständnisfragen gab es darüber hinaus eine ausführliche Bedienungsanleitung. Sobald das kompatible Samsung-Smartphone eingesteckt wurde, begann ein automatischer Prozess, der den Nutzer Schritt für Schritt durch die Installation der notwendigen Software und die Konfiguration der VR-Brille leitete – bravo! Genau so muss heutzutage Technik gemacht sein.

In der Mitte zwischen Cardboard und der Gear VR positioniert sich die Shinecon: Zwar war die VR-Brille ebenfalls vormontiert und konnte somit direkt ausprobiert werden. Die mitgelieferte Bedienungsanleitung war jedoch eher spartanisch und hat manches Mal mehr Fragen aufgeworfen als beantwortet – etwa dann, wenn der Nutzer aufgefordert wird, eine App herunterzuladen, ohne jedoch eine URL oder einen QR-Code als Bezugsquelle anzugeben.

Google Cardboard: Hakelige Magnetsteuerung

Was die VR-Experience angeht, hinterließ Cardboard ein gemischtes Bild. Die Papp-Brille kann zwar weder mit der hervorragenden Optik der Shinecon und schon gar nicht mit der geballten Technik der Gear VR mithalten – was die knapp 4 Euro teure Virtual-Reality-Brille aber an praktischen Zusatzfunktionen vermissen lässt, macht Cardboard mit einer breiten Kompatibilität wieder wett.

Zum einen gibt sich Cardboard ziemlich tolerant, was die Zahl der unterstützten Smartphones angeht und akzeptiert so ziemlich jedes Gerät mit einer Bildschirmdiagonale von bis zu 6 Zoll. Auf der anderen Seite bietet Cardboard auch eine breitgefächerte Auswahl an unterstützten Apps. Das sollte wenig verwundern, denn immerhin kommt das VR-Headset von Google selbst und bietet mit der kostenlosen Cardboard-App einen übersichtlichen und leicht zu bedienenden Hub, der alle kompatiblen Anwendungen auflistet. Bequem zu benutzen war Cardboard hingegen nicht, da keinerlei Tragegurte mitgeliefert wurden. So muss der Anwender die VR-Brille mit der Hand stets selbst auf der Nase halten, was auf Dauer keinen allzu großen Spaß macht.

Google Cardboard
Entwickler: Google LLC
Preis: Kostenlos

Die Steuerung der VR-Apps wird über zwei runde Magneten realisiert, die an der linken Außenseite der VR-Brille stecken und aneinander haften. Indem die Magneten auseinander und wieder zusammengeführt werden, ändert sich das Magnetfeld in der Nähe, was der Kompass des Smartphones registriert und in Softwarebefehle umsetzt. Da das Smartphone im Headset steckt und somit das Display nicht berührt werden kann, lassen sich auf diese Weise etwa Menüoptionen anwählen.

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Was sich jetzt wie ein genialer Kniff der Google-Entwickler anhört, hat aber einen Haken: Es funktioniert oftmals nicht. Unter Umständen lag die fehlerhafte Steuerung an diesem speziellen Cardboard-Modell, doch in unserem Test versagte die Steuerung in circa vier von zehn Versuchen. Folge: Cardboard dient im Grunde lediglich als Abspielgerät für 360-Grad-Videos, die es beispielsweise zuhauf auf YouTube gibt. Dort machte die Papp-Brille auch eine gute Figur, wenngleich sie sich nicht mit der Gear VR oder Shinecon messen kann.

Shinecon: Hervorragende Optik – mit einem (großen) Mangel

Apropos Shinecon: Die VR-Brille überzeugte mit einer hervorragenden Optik. Jedes Virtual-Reality-Bild wurde glasklar dargestellt und hat nach unserer Meinung in Sachen Bildqualität sogar die Gear VR ausgestochen. Ferner konnte die Shinecon weitreichende Einstellungsmöglichkeiten für die Linsen bieten. Das Einsetzen des Smartphones verlief über die vordere Klappe ebenfalls ohne Probleme, wenngleich die oberen Halterungen etwas zu nahe am Powerbutton unseres Smartphones platziert waren und wir das Gerät etwas verrücken mussten, um nicht versehentlich den Ausschalter zu betätigen. Das allerdings ist von Mobiltelefon zu Mobiltelefon unterschiedlich und kann man der Shinecon kaum vorwerfen.

Ein großes Manko des Headsets hat sich erst im Betrieb herausgestellt, denn leider verfügt die Shinecon über keinen Steuerungsbutton. Bedeutet: Mit der VR-Brille lassen sich faktisch keinerlei VR-Apps verwenden, da sich der Nutzer ohne passende Steuerung nicht durch Menüs navigieren kann. Wir haben den Test gemacht: Shinecon aufgesetzt, beide Magneten aus Cardboard genommen und in der Nähe der VR-Brille hin und her gerieben – und siehe da: es klappt! Leider hat der Workaround aber seine Schwächen, denn die Methode funktioniert noch unzuverlässiger als bei Cardboard.

Wie auch bei der Papp-Brille selbst wird Shinecon somit auf das Niveau eines einfachen 360-Grad-Viewers degradiert. Dank der hervorragenden Optik machen solche Rundum-Videos zwar besonders viel Spaß, eine kleine Enttäuschung bleibt aber dennoch zurück – zumal auch der Tragekomfort bei der Shinecon aufgrund der dicken Polsterung hervorragend war.

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Gear VR: Ausgereiftes Virtual-Reality-Erlebnis

Wo Cardboard als auch Shinecon stolpern, trumpft hingegen die Gear VR auf: Die Samsung-Brille trägt sich ebenfalls ausgezeichnet, verfügt über ausgetüftelte Steuerungselemente auf dem Brillengestell und kann neben Einstellungsmöglichkeiten für die Optik mit einem speziellen Back-Button und einem Touchpad aufwarten. Die Navigation durch Menüs und die Steuerung von VR-Apps wird damit zum Kinderspiel. Durch die Zusammenarbeit mit Oculus kann die Gear VR außerdem mit einem reichhaltigen App-Angebot punkten, das für jeden Geschmack etwas Passendes auf Lager hat.

Das ausgereifte VR-Erlebnis hat jedoch einen kleinen Haken: Die Gear VR funktioniert ausschließlich mit Samsungs eigenen High-End-Smartphones. Wer also kein aktuelles Galaxy der Oberklasse besitzt, schaut in die sprichwörtliche Röhre.

Erhebliche Preisunterschiede

Auch beim Preis muss die Gear VR Federn lassen. Wir haben die VR-Brille neu für 69,99 Euro über eBay erstanden. An sich ein Schnäppchen, trägt die Gear VR doch eigentlich einen UVP von 99,99 Euro. Im Vergleich zu Cardboard, das lediglich 3,94 Euro gekostet hat, ist Samsungs VR-Headset aber beinahe zwanzigmal so teuer. Mit einem Preis von 13,99 Euro war auch die Shinecon deutlich günstiger als die Gear VR.

Cardboard Shinecon Gear VR
Kompatibilität Smartphones bis 6 Zoll Displaydiagonale Smartphones bis 6 Zoll Displaydiagonale Galaxy-Smartphones der Oberklasse
Gewicht circa 70 Gramm circa 380 Gramm  circa 318 Gramm
Preis  3,94 Euro (kostenloser Versand) 13,99 Euro (kostenloser Versand) 69,99 Euro (kostenloser Versand)

Fazit

Um die Eingangsfrage wieder aufzugreifen: Sind an Smartphones gekoppelte Virtual-Reality-Brillen eine günstige Alternative zu den Headsets von Oculus, HTC oder auch der neuen PlayStation VR? Tatsächlich, ja – mit Einschränkungen. Die VR-Brillen kommen mit Sicherheit nicht an die grafische Qualität einer Rift oder Vive heran, kosten dafür aber auch nur einen Bruchteil des Preises und bieten für ihre Verhältnisse ein ansprechendes und immersives VR-Erlebnis.

Von allen getesteten Modellen hat uns die Gear VR am besten gefallen, die jedoch auch am teuersten war und sich ausschließlich mit High-End-Smartphones von Samsung versteht. Cardboard konnte hingegen mit dem sehr günstigen Preis punkten, wenngleich die Steuerung über die Magneten nicht wirklich ausgereift erscheint. Die Steuerung war es auch, die der ansonsten sehr guten Shinecon das Genick gebrochen hat.

Und dennoch: Wer sich noch nicht sicher ist, ob Virtual Reality wirklich sein „Ding“ ist, findet mit solchen und ähnlichen Brillen einen erschwinglichen Einstieg in die abenteuerliche VR-Welt – und kann bei Gefallen im Anschluss ja zu teureren Modellen greifen.

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2016 ist das Jahr der VR-Brillen: Oculus Rift, PlayStation VR, HTC Vive & Co - der Weg wird schon recht bald in die virtuelle Realität führen. Doch... bist du eigentlich auch dabei? Erzähl uns in der Umfrage, ob du dir auch eine Brille holst und was du damit anstellen wirst.

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