Wer braucht schon die alte 3,5 mm-Klinke, wenn er USB Typ-C hat? [Kommentar]

Tuan Le 32

In der Apple-Welt geht schon seit einiger Zeit die Geistermeldung umher, in Cupertino wolle man den 3,5 Millimeter-Klinkenanschluss wegrationalisieren. In der Android-Welt ist dieser Schritt schon längst von einigen wagemutigen Pionieren gegangen worden – erst von OPPO mit dem R5 und R5s, jüngst auch von LeEco. Was im ersten Moment nach einer bizarren Hardware-Beschneidung klingt, dürfte sich in Zukunft als Standard bei High End-Geräten etablieren – dank USB Typ-C.

Wer braucht schon die alte 3,5 mm-Klinke, wenn er USB Typ-C hat? [Kommentar]

Die Nutzer stehen Veränderungen im Allgemeinen nicht sonderlich wohlgesonnen gegenüber. Gerade bei USB Typ-C scheinen sich die meisten noch nicht so ganz sicher zu sein, ob die Vorteile die Nachteile wirklich überwiegen. Da die meisten Hersteller in ihren Geräten zwar den physischen Typ C-Port verbauen, allerdings nicht auf den schnellen USB 3.1-Standard setzen, bietet der Anschluss bislang kaum einen anderen Vorteil als den, dass man sich nicht mehr um die richtige Richtung beim Einstecken des Kabels kümmern muss.

Natürlich gibt es perspektivisch betrachtet noch zahlreiche weitere Vorteile: Angefangen von verbesserten Quick Charging-Technologien bis hin zur Nutzung als multifunktionale Schnittstelle für Periphere-Geräte aller Art birgt USB Typ-C das Potenzial, die Fähigkeiten von Smartphones in Zukunft noch drastisch zu erweitern. In allererster Linie merken die Nutzer aber aktuell beim Umstieg auf ein Smartphone mit USB Typ-C aber vermutlich eines: Dass ihr gesamtes Zubehör, getrimmt auf microUSB, auf einen Schlag nutzlos und dass das einzige USB Typ-C-Kabel im Lieferumfang plötzlich zum überlebensnotwendigen Strohhalm für das Smartphone wird.

USB Typ-C ist die Zukunft, die es für den 3,5 mm-Port nicht gibt

Als eine geradezu unzumutbare Beschränkung dürften viele Nutzer daher die Entscheidung einiger Android-Smartphone-Hersteller betrachten, die Abhängigkeit von USB Typ-C durch die Entfernung des traditionellen 3,5 mm-Klinkensteckers sogar noch zu erweitern. LeEco ist der erste Smartphone-Hersteller, der diesen Schritt wagt und das Le Max 2 zugleich mit entsprechenden Kopfhörern und Headsets vorgestellt hat, die allesamt per USB Typ C angeschlossen werden.

In der Vergangenheit hat es sich aber auch der Smartphone-Hersteller OPPO ziemlich einfach gemacht und beim R5 sowie dem R5s den Klinkenstecker einfach weggelassen, um das nur 4,85 Millimeter dünne Gehäuse der beiden Geräte zu ermöglichen. USB Typ-C bietet das Smartphone zwar nicht, im Lieferumfang findet der Nutzer dafür einen microUSB-zu-Klinke-Adapter vor, mit dem man sowohl die mitgelieferten als auch alle anderen gängigen Kopfhörer anschließen kann.

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13 Anschlüsse die wir einst liebten: Die Totgeweihten grüßen uns aus der Gruft.

Leben ohne Klinkenanschluss – nur eine Frage der Gewohnheit

OPPO R5s

Zugegeben, das OPPO R5s hatte so einige Probleme – etwa eine deutlich aus dem Gehäuse herausragende Kamera sowie einen viel zu klein dimensionierten Akku – doch war es insgesamt ein sehr interessantes Experiment um festzustellen, ob man als Nutzer wirklich zwei Anschlüsse an seinem Smartphone benötigt. Ich persönlich habe das OPPO R5s für mehrere Monate als mein Alltags-Smartphone verwendet und schlussendlich festgestellt, dass die vermeintlichen Nachteile, die mit dem Wegfall eines Klinkensteckers einhergehen, eigentlich nicht allzu schwer wiegen.

Das Problem, dass der microUSB-Port bei Anschluss der Kopfhörer per Adapter plötzlich nicht mehr für andere Aufgaben bereitstellt, tritt in der Praxis nur selten auf. Wer daheim Daten über den Rechner übertragen möchte, hört dabei schließlich eher über die heimischen Boxen Musik und nicht auf seinem Smartphone. Auch das Musikhören beim Aufladen an der Steckdose kommt eher selten vor. Und selbst wenn: Viel angenehmer lässt sich Musik sowieso über drahtlose Kopfhörer genießen, die man per Bluetooth mit dem Smartphone verbindet. Zudem verringert die Integration von Wireless Charging die Wahrscheinlichkeit für solche Engpässe noch weiter.

Mehr Platz für Wichtiges

Einer der gravierendsten Vorteile dieser Rationalisierung dürfte aus Herstellersicht bei der Vereinfachung designtechnischer Überlegungen vorzufinden sein. Der Klinkenstecker ist nicht nur aufgrund seiner rundlichen Form im eckigen Smartphone-Rahmen nicht so ganz leicht in ein flaches Gehäuse zu integrieren, vor allem die Länge des Steckers stellt die Smartphone-Ingenieure immer wieder vor Herausforderungen.

Fällt die Integration desselbigen dagegen weg, so überträgt sich die Vereinfachung des Designs selbstredend auch in konkrete Vorteile für den Nutzer selbst. Smartphones können nicht nur schlanker werden, es wird auch Platz für andere Komponenten geschaffen – etwa einen dezent größeren Akku. Soll das Smartphone wasserdicht konzipiert werden, gibt es außerdem einen Anschluss weniger, in den Flüssigkeit eindringen kann.

Vorteile beim Musikgenuss per USB Typ C

Der Umstieg auf USB Typ-C beim Musikhören bietet aber auch an und für sich einige überzeugende Argumente. Noise Canceling-Kopfhörer, die auf eine Stromversorgung angewiesen sind, brauchen keinen integrierten Akku mehr und können direkt über USB Typ-C betrieben werden. Bei der Programmierung der Headset-Tasten gibt es außerdem mehr Spielraum: Nicht nur die üblichen Funktionen zur Reglementierung der Lautstärke oder der Lied-Navigation können umgesetzt werden, auch bestimmte Tasten für Apps wie Spotify, YouTube und Co. lassen sich mit den Tasten eines USB Typ C-Headsets künftig gezielt ansteuern.

Auch wenn die Umgewöhnung zu Beginn vielen Nutzern schwerfallen dürfte, überwiegen die Vorteile der Wegrationalisierung des Klinkensteckers die Nachteile. Es ist ja auch nicht gesagt, dass es bei der Integration eines Ports bleibt – möglicherweise folgen dann die ersten Hersteller, die ganze zwei USB Typ-C-Ports in ihren Smartphones verbauen, was gerade für den Einsatz von Android-Geräten als Desktop-Ersatz (wenn Google die Software entsprechend weiterentwickelt) höchstinteressant werden könnte. Dagegen wirkt der 3,5mm-Klinkenstecker mit seinem sehr beschränkten Nutzen und seinen viel zu klobigen Abmessungen nur noch wie ein Anachronismus – und dürfte in Zukunft zurecht aus High End-Geräten verbannt werden.

Hinweis: Das war die Meinung unseres Redakteurs Tuan zum Thema. In den folgenden Tagen wird Kollege Kaan seine Gegenrede veröffentlichen und eine Lanze für den 3,5 mm-Klinkenstecker brechen. 

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