Mittelerde - Schatten des Krieges im Test: Ein Ring sie zu knechten

Alexander Gehlsdorf

Dreamteam Talion und Celebrimbor sind zurück, um dem dunklen Lord ordentlich einzuheizen. Diesmal haben die beiden jedoch einen eigenen Ring der Macht im Gepäck, beziehungsweise am Finger, was natürlich allerhand spannende Features und Neuerungen verspricht. Aber wie viel Innovation steckt wirklich in der Fortsetzung?

Du hast nur wenig Zeit? Ganz unten findest du eine Zusammenfassung unseres Tests.

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Mittelerde: Schatten des Krieges - Story Trailer

Mittelerde: Schatten des Krieges bleibt seinem Vorgänger treu und setzt auf die gleiche Dreifaltigkeit aus Assassin’s Creed-Kletterei, Arkham Knight-Kämpfe und Nemesis-System, die auch dem ersten Teil zum Erfolg verholfen hat. Das ist zwar weder originell noch kreativ, ergibt aber nach wie vor ein stimmiges Gesamtpaket, dass im Vergleich zum Vorgänger sogar noch ein bisschen zulegen konnte.

So wurde das Nemesis-System um die Eroberung und Bemannung von Festungen erweitert: So steht jedes Gebiet unter Kontrolle eines Overlords. Diesem sind mehrere Warchiefs untergeordnet, welche wiederum über diverse Captains befehligen. Jeder Charakter stammt dabei aus dem Zufalls-Generator und hat eine eigene Persönlichkeit, eine Kampf-Spezialisierung sowie unterschiedliche Schwächen und Resistenzen.

Zusätzlich verfügen die Orks jetzt aber auch über einen Stamm, der besonders dann zum Tragen kommt, wenn die entsprechende Grünhaut zum Overlord erkoren wird: So verändert sich der Baustil mancher Monumente, die gehissten Flaggen sowie das Geschehen in der Umgebung je nach Gesinnung des Landsherren. Mitglieder des Mystic-Stamms füllen ihre Gebiete mit Totems und Totenbeschwörern, Vertreter des Feral-Stamms sorgen für deutlich mehr Wildtiere, während der Maschinen-Stamm für rauchende Schornsteine und Sklaven verantwortlich ist.

Je nach Stamm des Overlords stehen in dem entsprechenden Gebiet zudem spezielle Boni zur Verfügung, etwa die Beschwörung eines Drachen als Flugtier, wodurch es sich anbietet, den Overlord je nach Situation auszutauschen. Das setzt natürlich voraus, dass sich die Festung und damit auch der Overlord unter der eigenen Kontrolle befindet. Ist das nicht der Fall, muss die Burg eben erobert und der amtierende Overlord besiegt werden.

Natürlich könntest du dafür einfach in die entsprechende Festung spazieren und den Widersacher zum Duell fordern, allerdings empfiehlt es sich zuerst, gezielt die Warlords und Captains auszuschalten und somit die Verteidigung der Festung zu schwächen. Alternativ lassen sich die Orks auch dank Talions Ring bekehren und kämpfen fortan für dich — entweder direkt an der Seite des Waldläufers oder aber als Spion in den feindlichen Reihen, die zu Beginn der Belagerung per Dolchstoß die Verteidiger um einen ihrer Warlords erleichtern.

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Nachts sind alle Orks grau

Mit Celebrimbor als Ring- und Talion als Ränkeschmied wächst der Nemesis-Modus zu einem komplexen Verwaltungs-Tool, das motivierte und experimentierfreudige Spieler jede Menge Möglichkeiten in die Hand gibt, Mordor nach ihrem persönlichen Geschmack zu gestalten. Für alle anderen ist das System eher ein Nadelöhr der Story-Missionen, welche ab und an an Bedingen wie „Kontrolliere drei Captains in Region XY“ gebunden sind, bevor sie freigeschaltet werden. In dem Fall werden die erstbesten Widersacher aufgespürt, unterworfen und die Reise kann weitergehen. „Erstbeste Wiedersacher” deshalb, weil gerade der namensgebende Nemesis eher auf der Strecke bleibt.

So sind die Orks mit ihren unterschiedlichen und vielfältigen Eigenschaften in der Theorie zwar alle einzigartig, dennoch fällt es schwer, einen wirklich persönlichen Bezug aufzubauen: Zu austauschbar sind die zähnefletschenden Grünhäute am Ende des Tages. Das Gefühl eines echten Widersachers, eines persönlichen Nemesis kommt zudem nicht auf, wenn sich auf den ersten beiden der drei Schwierigkeitsgrade fast alle Kämpfe ohne viel Frust gewinnen lassen. Das ist natürlich auch dem zugänglichen und angenehm dynamischen Kampfsystem zu verdanken, echte Brocken an denen du dir wirklich die Zähne ausbeißt und beim fünften oder zehnten Anlauf endlich den Kopf abschlagen willst gibt es hingegen nur in den Story-Missionen und da stammen die Gegner nicht aus dem Zufalls-Baukasten.

Wer also wirklich das Nemesis-System in seiner intendierten Form erleben will, muss sich bewusst darauf einlassen und etwa einzelne Orks entkommen lassen, wenn diese die Flucht ergreifen, statt sie in der Aussicht auf fette Beute mit einem Pfeil in den Rücken aufzuhalten. Oder aber das Spiel gleich zu Beginn auf dem höchsten Schwierigkeitsgrad starten, um auf diesem Weg von harten Gegnern und tatsächlichen Erfolgserlebnissen zu profitieren.

Mordor selbst ist übrigens erfrischend abwechslungsreich, auch wenn das von dem Schwarzen Land im ersten Moment gar nicht zu erwarten ist. Neben der aus dem Film bekannten Festungsstadt Minas Morgul sowie den düsteren Höhlen von Cirith Ungol, die dem bekannten Look absolut entsprechen, bietet Schatten des Krieges auch eine farbenfrohe Wald- und Sumpflandschaft, eine besonders helle Eis- und Schneelandschaft sowie ein Gebiet voller obligatorischer Lavaströme.

Mein Freund der Baum

Bevor es mit dem Nemesis-System jedoch so richtig los geht, steht dir ein Story-Prolog bevor. Das Problem: Der frisch geschmiedete Ring wird von Riesenspinne Shelob (in der deutschen Version Kankra) gemopst. Sie ist bereit, das Schmuckstück wieder herzugeben, verlangt dafür aber deine Hilfe bei der Verteidigung von Minas Ithil. Noch wird die Festung von Gondir gehalten, doch die Armeen Mordors sind auf dem Vormarsch.

Buchkenner dürften bereits an dieser Stelle stutzig werden. Die Eroberung von Minas Ithil und der anschließenden Umbenennung in Minas Morgul wird in Tolkiens Buchvorlage zwar bereits detalliert erläutert, allerdings fand diese Jahrhunderte zuvor statt und nicht in den Jahren zwischen Der Hobbit und Der Herr der Ringe. Dass Shelob sich in eine laszive, leicht bekleidete Schönheit verwandeln kann, hat Tolkien zudem wohl auch vergessen zu erwähnen.

Sobald Talion und Celebrimbor ihren Ring zurück haben, öffnet sich die Spielwelt und die übrigen Gebiete können erkundet werden. Dort unterstützt du unter anderem das mächtige Baumwesen Carnán beim Kampf gegen einen Balrog. Natürlich lassen sich ab und an auch alte Bekannte wie Gollum und Sauron blicken. Insgesamt sind die Story-Missionen nett erzählt, auch wenn sie nicht viel mehr als das bieten kann, was heutzutage alles als passable Videospiel-Story durchgewunken wird. Weitere Einblicke in die Story findest du außerdem im oben eingebundenen Trailer.

Mittelerde_Review

 

Fazit zu Mittelerde: Schatten des Krieges

Mittelerde: Schatten des Krieges ist ein solider Mix bewährter Gameplay-Elemente, dem es mit seinem sinnvoll ausgebauten Nemesis-System und der starken Marke eine eigene Handschrift verleiht. Eine wirklich offene Welt kann das Spiel zwar nicht bieten, sondern setzt stattdessen auf fünf mittelgroße Areale, hakt darüber hinaus aber alles ab, was heutzutage in einer Triple-A-Produktion eben enthalten sein muss: Türme, ein flottes Kampfsystem, jede Menge freischaltbare Skills, seltene Ausrüstung und natürlich Quick-Time-Events bis zum Umfallen. Damit fühlt sich der Titel zwar irgendwie wie ein Blockbuster von der Stange an, kann aber dennoch unterhalten.

Und was ist mit diesen ominösen Lootboxen? Pay to Win? Auf die heiß diskutierten Schatzkisten bin ich bewusst nicht eingegangen, denn sie lassen sich tatsächlich komplett ignorieren. In den Truhen stecken Ausrüstung und Begleiter: Je teurer die Box, desto besser der Inhalt. Durch den ohnehin eher seichten Schwierigkeitsgrad des Spiels ist es jedoch an keiner Stelle nötig, auf diese Upgrades zurückzugreifen. Zudem verdienst du im Laufe der Kampagne derart viel Ingame-Währung, dass du dir problemlos regelmäßig einige der Kisten leisten kannst. Zwar nur die billigste der drei Preisklassen, jedoch stecken auch in dieser bereits brauchbare Belohnungen. Teurere Kisten, die nur für Echtgeld verfügbar sind, erhöhen zwar die Chance auf legendäre und damit mächtigere Beute, Grund dafür gibt es für Einzelspieler jedoch nie.

Wird dir gefallen, wenn du bereits den ersten Teil mochtest und über Unstimmigkeiten mit der Buchvorlage hinwegsehen kannst.

Wird dir nicht gefallen, wenn du auf der Suche nach originellen Spielen bist, die sich nicht nur an etablierten Standards orientieren.

Wertung

8/10
Getestet von Alexander

Der zweite Teil wagt keine Experimente sondern besinnt sich auf die Stärken der Vorlage, baut aber das Nemesis-System sinnvoll aus.

Weitere Themen: Der Herr der Ringe, Monolith

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