Parkour und Zombies zermatschen, das ist es, was sich Fans der Reihe von Dying Light 2: Stay Human wünschen. In diesen Bereichen liefert Entwickler Techland ab, scheitert aber an den eigenen Ambitionen und den Vorlagen anderer.

 
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Dying Light 2: Noch ein Zombie-Spiel, aber mit Parkour

Nach mehrfacher Verschiebung der Veröffentlichung sind die Erwartungen an Dying Light 2 fast so groß wie die Ambitionen von Entwickler Techland selbst. In Deutschland erscheint das Spiel in einer geschnittenen Fassung und ist ab 18 Jahren freigegeben. Wie auch beim Vorgänger bewegt ihr euch dank Parkour-Fähigkeiten durch eine von Zombies heimgesuchte Open World. Die Entwickler versprechen eine abwechslungsreiche Welt, in der eure Entscheidungen eine große Bedeutung haben und das Spiel maßgeblich beeinflussen.

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Dying Light 2 Stay Human - The Reason - Official Gameplay Trailer

Der apokalyptische Pilger: Er kann Parkour

Ihr seid Aiden Cadwell und durchstreift als einer der wenigen Menschen die Zombie-Apokalypse. Pilger heißen diejenigen, die zwischen den wenigen verbleibenden Siedlungen hin und her wandern und ihre Dienste anbieten. Auf der Suche nach eurer Schwester Mia kommt ihr in die Stadt Villedor, ein Ort, wo die Menschen nicht nur gegen die Zombies kämpfen, sondern auch gegeneinander. Die Fraktionen der Überlebenden, Peacekeeper und Abtrünnigen kämpfen um die zwölf Bezirke der Stadt und ihre Ressourcen.

Mit den Überlebenden und den Peacekeepern könnt ihr Zusammenarbeiten. An dieser Stelle sollt ihr Einfluss auf die Spielwelt nehmen können und folgenschwere Entscheidungen treffen. Während den Hauptmissionen müsst ihr euch häufig für eine der beiden Seiten entscheiden. Ich habe die Peacekeeper belogen und betrogen, wo ich nur konnte. Außerdem, wann immer ich einen Wasserturm oder ein Umspannwerk erobert habe, gab ich es in die Hände der Überlebenden. Durch dieses Feature bekommt ihr je nach Fraktion Vorteile für die Open World.

Wichtige Gebäude wie Wassertürme könnt ihr nach der Aktivierung einer der beiden Fraktionen zuteilen und so Boni erhalten. (Bildquelle: Techland)

Egal was ich den Peacekeepern antat, das änderte nie etwas daran, dass ich mit ihnen Handeln und ihre Nebenmissionen absolvieren konnte. Tatsächlich arbeitet ihr, wann immer es die Geschichte verlangt, mit ihnen wieder zusammen. Die Entscheidung für eine der beiden Seiten ändert schlussendlich nur ein paar Variablen der möglichen Enden der Geschichte.

Wann immer ihr eine Entscheidung trefft und eine Abzweigung der Geschichte nehmen wollt, schiebt euch das Spiel früher oder später wieder zurück auf den einen Weg. Um Mia zu finden, verfolgt ihr den Antagonisten des Spiels. Sein Name ist Waltz Herder, er war ein Wissenschaftler, natürlich einer von denen, die für das ganze Zombie-Chaos verantwortlich sind, und hat an Aiden und Mia Experimente durchgeführt, als sie noch Kinder waren.

Die Geschichte ist insgesamt zwar wenig originell, hat aber einen Protagonisten mit nachvollziehbaren Motiven. Neben der einen oder anderen netten Wendung stoßt ihr unterwegs auf einige echt spannende Charaktere, die euch zwar helfen, aber auch ihre eigene Agenda im Guten wie im Schlechten verfolgen. Sie sind aber auch alle auf eure Hilfe angewiesen, denn ihr seid der Pilger mit den krassen Parkour-Fähigkeiten.

Klettern und Zombies zermatschen, aber mit Parkour

In Dying Light 2 gibt es zwei Talentbäume. Der eine gewährt euch neue Fähigkeiten für den Kampf, der andere enthält Parkour-Talente. Ihr sammelt für beide Bäume getrennt Erfahrungspunkte, schlicht indem ihr Aktionen für den jeweiligen Bereich ausführt. Wenn ihr also kämpft, gibt es Kampf-EP, wenn ihr klettert, gibt's Parkour-EP. Ein weiteres Feature beim Charakterfortschritt sind die Hemmstoffe, die ihr in der Spielwelt finden könnt. Habt ihr drei dieser Injektionen gesammelt, könnt ihr entweder eure Gesundheit oder eure Ausdauer steigern. Das ist wichtig, denn in beiden Talentbäumen gibt es Fähigkeiten, die erst aber einem gewissen Wert freigeschaltet werden können.

Ich verdient getrennt voneinander Punkte für Kampf- und Parkour-Fähigkeiten. (Bildquelle: Techland)

Wie auch beim Vorgänger verbraucht jede Aktion Ausdauer und davon habt ihr am Anfang nicht gerade viel. In den ersten Stunden kann es euch durchaus passieren, dass ihr kraftlos vor einer Horde Zombies steht und nicht mehr zuschlagen oder ausweichen könnt. Ebenso werdet ihr vermutlich auch irgendwo runterfallen, weil euch die Puste ausging. Mit der Zeit habt ihr das aber im Griff, kennt das Timing für Schläge wie Sprünge, wisst eure Fähigkeiten einzusetzen und dann geht der Spaß los. Dying Light 2 macht beim Parkour-Part extrem viel richtig. Habt ihr erst mal den „Flow“ raus, fliegt ihr nur so über die Dächer von Villedor. Im Spielverlauf gesellen sich noch Gleitschirm und Enterhaken dazu und es gibt kein Halten mehr. Hier liegen eindeutig die Stärken des Spiels. Gerade Missionen wie die Eroberung der alten TV-Station (dem höchsten Gebäude des Spiels) sind packende Abenteuer.

Eine weitere Stärke ist das Kampfsystem. Es ist zwar nicht sonderlich komplex und es fehlt ein wenig an Abwechslung, aber das Treffer-Feedback fühlt sich einfach gut an. Die Macheten, Streitkolben und sogar Tischbeine sind wuchtig im Einschlag und schleudern einfache Zombies und Banditen nur so durch die Gegend. Die Parkour-Fähigkeiten werden gut in die Kämpfe integriert und es verschafft nun mal eine ungemeine Befriedigung, einem Zombie mit beiden Füßen voraus ins Gesicht zu springen, um ihn dann in die Tiefe zwischen zwei Hochhäusern stürzen zu sehen.

Die Zombies machen das, was sie sollen. Sie verlieren in großen Blutfontänen Köpfe und alles, was das so an ihnen rumhängt. Die Gegnertypen sind aber nur Zombie-Standard. Es gibt langsame Zombies, schnelle Zombies, spuckende Zombies, explodierende Zombies, extrem große Zombies und so weiter. Auch die Banditen teilen sich nur in wenige klassische Typen auf. Bei den Bosskämpfen ist hier und da etwas Taktik gefragt, schnelle Reaktionen sind aber eigentlich alles, was nötig ist.

Bei dem Thema können wir auch gleich das Thema „Zensur der deutschen Fassung“ abhaken. In der bei uns erhältlichen Version könnt ihr nur den Zombies Köpfe und Gliedmaßen abtrennen, bei menschlichen Gegnern geht das nicht. Außerdem seid ihr nicht in der Lage, NPCs zu töten. Kein Verlust, denn es ist ein völlig sinnloser Bruch mit Aidens Charakter, der im Spiel nichts verloren hat.

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Lämmer bei Tag, Wölfe bei Nacht – Zombies können Parkour

Ein wichtiges und vor allem gelungenes Gameplay-Feature ist der aus dem Vorgänger bekannte Tag/Nacht-Zyklus. Während die Zombies bei Tageslicht träge umherschlurfen, werden sie bei Nacht umso aktiver. Als Belohnung für die Gefahren winken Bonus-EP bei Nacht. Einige Missionen müsst ihr sogar bei Nacht machen und auch viele Open-World-Aktivitäten gehen nur bei Dunkelheit. In Forschungseinrichtungen findet ihr beispielsweise die begehrten Hemmstoffe. Ihr könnt dort tagsüber aber nicht rein, weil sich viele Zombies in Gebäude zurückziehen und nur nachts draußen unterwegs sind. Die Gebäude sind dann deutlich leerer und ihr habt eine bessere Chance, dort lebend wieder rauszukommen.

Außer ihr rennt nachts in einen Heuler, denn dann beginnt die Jagd auf euch. Eure einzige Chance ist es, schnell zu einer mit UV-Lampen geschützten Sicherheitszone zu kommen. Die flinken Zombies verfolgen euch auch über die Dächer.

Einige Missionen könnt ich nur nachts absolvieren. (Bildquelle: Techland)

Ausrüstung und Crafting – viel zu wenig Parkour

Beginnen wir mit den Waffen. Neben einem Bogen oder einer selbst gebauten Schrotflinte nutzt ihr fast ausschließlich Nahkampfwaffen. Gewöhnt euch aber nicht zu sehr an sie, denn das Heizungsrohr, mit dem ihr so eifrig Zombieköpfe zerplatzen lasst, hat eine endliche Haltbarkeit und ist irgendwann kaputt. Leider ist es ziemlich egal, mit welcher Waffe ihr spielt, wichtig ist nur, wie hoch ihr Schadenswert ist und ob ihr sie mit einer oder mit beiden Händen schwingt, denn das verändert das Timing für eure Schläge.

Noch irrelevanter ist Aidens Bekleidung. Zwar könnt ihr euch von Kopf bis Fuß ausstatten, doch sind die Boni dadurch kaum der Rede wert. Dass euer neuer Handschuh nun eure Ausdauerregeneration um 1,8 Prozent erhöht, bekommt ihr im Spiel selbst kaum mit.

Ob Arznei, Dietrich oder Molotow-Cocktail: Aus dem ganzen Zeug, das ihr unterwegs sammelt, könnt ihr zumindest ein paar sehr nützliche Dinge herstellen. Außerdem gibt es auch Mods für eure Waffen, die haben aber leider auch keinen großen Einfluss und so fehlt es an Motivation, sich viel mit dem kleinteiligen Crafting-System zu beschäftigen.

In der Welt von Dying Light 2 findet ihr allerhand Nützliches, das ihr dann zu Ausrüstung verarbeiten könnt. (Bildquelle: Techland)

Open World – der Parkour-Spielplatz

Für die Parkour-Elemente ist die Open World perfekt. Sich Wege über Häuserdächer zu bahnen und alle Tools einzusetzen, um auf ein Hochhaus zu kommen, macht wirklich Freude. Die Spielwelt ist optisch dazu auch noch echt gelungen. Die Parkour-Elemente machen so viel Spaß, dass ich sogar vergesse, wie überflüssig sie manchmal sind. Bei Tageslicht könnt ihr euch nämlich auf den Straßen frei bewegen. Ihr könnt also die Route vom Fischauge aus mit dem Gleitschirm zum nächsten Dachgarten nehmen. Von dort das Hochhaus erklimmen und dann mit der Seilrutsche am Fernsehturm vorbei und dann nur noch über ein paar Stangen über acht Häuser schwingen und ihr habt euer Ziel erreicht. Oder ihr geht 300 Meter die Straße runter, biegt rechts ab, benutzt die Seilwinde und ihr seid auch da.

Was die Open World nicht gut macht, ist das, was für jede Open World gilt. Repetitive Inhalte wohin das Auge reicht. Ganz im Geiste Ubisofts ist die Welt voll mit den immer gleichen Nebenaktivitäten, die sich nicht nur inhaltlich, sondern auch optisch ständig wiederholen. Jeder Wasserturm, jede Windmühle, jeder Dachgarten, jedes Umspannwerk sieht gleich aus. Außerdem scheint es in Villedor nur eine Art Rucksack zu geben und die Leute transportierten darin ausschließlich Harz, Federn oder Zigaretten. Ein klassischer Fall von „weniger ist manchmal mehr“.

Villedor lädt zur Erkundungstour ein. (Bildquelle: Techland)

Fazit – ohne Parkour

Dying Light 2 ist spannendes Parkour-Abenteuer mit wuchtigen Kämpfen und atmosphärischen Schleichpassagen. Die durchaus gute, wenn auch uninspirierte Geschichte wird von einigen interessanten Charakteren getragen, die nachvollziehbar handeln. Es gibt ein paar sehr schöne und gefühlvolle Momente gerade um Figuren wie Lawan, Hakon, Rowe oder Frank. Das Ende war für mich aber inhaltlich ziemlich enttäuschend und selbst wenn das eher Geschmackssache ist, so muss ich auf jeden Fall feststellen, dass Techland an den eigenen Ambitionen scheitert.

Ohne hier eines der Enden zu verraten: Meinen Einfluss als Spieler darauf und das wie angekündigt über das ganze Spiel, existiert nur minimal. Die großen Konsequenzen während der Geschichte bleiben aus und wem ich nun die Kontrolle über die Stadt gebe, ist hinterher fast nur eine Fußnote. Weniger Open-World-Kram und mehr Fokus auf dieses Feature würde Dying Light 2 zu einem deutlich besseren Spiel machen. Das Thema Ausrüstung und Crafting ist viel zu bedeutungslos, was letztendlich nur die Motivation schwächt, den Open-World-Kram überhaupt zu machen.

Falls ihr auf der Suche nach einem actionreichen Zombie-Abenteuer seid, dessen Parkour-Elemente dafür sorgen können, dass ihr euch im Sitzen nach vorne lehnt, weil ihr glaubt, Aiden springt dadurch weiter, ist Dying Light 2 möglicherweise euer Spiel. Die Open World wiederholt sich viel zu oft und es gibt keine Fortschrittssysteme, die euch motivieren, an ihr teilzuhaben. Das große Versprechen der bedeutungsvollen Entscheidungen löst Techland leider nicht ein.

Dying Light 2: Stay Human erscheint am 4. Februar 2022 für PC, PS5, PS4, Xbox Series X|S und Xbox One. Der Release der Version für die Nintendo Switch wurde von Techland verschoben.

Hatte ich Parkour eigentlich erwähnt?

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Wertung
7.3/10
“Dying Light 2 spielt die Kernkompetenzen des Vorgängers mit Parkour aus und kann diese noch verbessern. Garniert wird das Ganze mit ein paar tollen Story-Momenten, die großen Entscheidungen und ihre Konsequenzen gibt es aber nicht. Die Open World dient als Parkour-Spielplatz mit repetitiven Aktivitäten, da es kaum Features gibt, die dazu motivieren.”