Hellblade - Senua's Sacrifice im Test: Angst und Schrecken in Perfektion

Luis Kümmeler

Gut drei Jahre nach der Erstankündigung erscheint das Spiel Hellblade: Senua’s Sacrifice in digitaler Form für den PC und die PlayStation 4. In zeitgemäßer Grafik und dennoch abseits vieler Blockbuster-Konventionen will der Entwickler Ninja Theory eine eigenwillige, tiefgründige Geschichte erzählen – ein erfolgreiches Unterfangen?

Du hast gerade keine Zeit für den gesamten Test? Unten findest du das Fazit.

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Hellblade: Senua's Sacrifice im Test

Auf der Gamescom 2014 kündigte der britische Entwickler Ninja Theory erstmals das Spiel Hellblade: Senua's Sacrifice an. Nun, fast genau drei Jahre später, ist der neue Titel der „Heavenly Sword“- und „DmC: Devil May Cry“-Macher da – und beschreitet eigenwillige Wege.

Reise in die Unterwelt

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In Hellblade: Senua's Sacrifice begleitest du die titelgebende Senua auf eine Reise durch ihre ganz persönliche Hölle. Im Land der Wikinger kämpft die von Psychosen gebeutelte, keltische Kriegerin um die Seele ihres toten Geliebten, während sie sich ihren inneren Ängsten und Dämonen stellen muss. Klingt verworren? Ist es auch. Aber im besten Sinne des Wortes.

Bildergalerie Hellblade - Screenshots

Denn Hellblade: Senua's Sacrifice trieft nur so vor Atmosphäre und inszenatorischem Einfallsreichtum. In der Haut Senuas wanderst du durch im Wind rauschende Wälder, tiefes Donnergrollen ist omnipräsent. Das Meer schmiegt sich an Klippen und Berge, die sich bedrohlich in den blauen Nordhimmel erheben. Der kühle, feuchte Sand unter den Zehen der Protagonistin ist beinahe spürbar, als sie sich an sonnengetünchten Stränden ihrem unbekannten Bestimmungsort nähert.

Doch so einladend diese Welt in einem Moment wirken kann, so beklemmend, ja gnadenlos furchteinflößend zeigt sie sich in der nächsten Sekunde. Mit Hellblade stellt Ninja Theory ein Händchen für psychologischen Horror unter Beweis, den du so nur selten erlebst. Auf der Reise durch die Windungen ihrer Psyche stolpert Senua von einer alptraumhaften Situation in die nächste, wird von rätselhaften Schatten gepiesackt und von den Geistern ihrer Vergangenheit malträtiert.

Betörung der Sinne

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Wahrlich, Hellblade: Senua's Sacrifice ist fantastisch inszeniert. Von der tollen Einführung – einer von geflüsterter Quasi-Narration untermalten Bootsfahrt – bis zum furiosen Finale, wird der Entwickler Ninja Theory seinem Anspruch „Indie-Spiel im ‘Triple A'-Gewand“ gerecht. Die auf der Unreal Engine 4 fußende Grafik kommt fast durchgehend hübsch, ja mitunter sogar beeindruckend und auf PS4 Pro mit angehobener Auflösung von bis zu 1440p und doppelter Bildrate von 60 Bildern pro Sekunde daher. Kleinere visuelle Macken verschmerzt man da mit Leichtigkeit. Das Schauspiel der deutschen Amateur-Darstellerin Melina Juergens weiß zu überzeugen und die Kameraarbeit in den vielen, nahtlos eingebundenen Zwischensequenzen darf als meisterhaft bezeichnet werden.

Auch auf Audio-Ebene zeigt sich Hellblade gekonnt und bringt den bedrohlichen Norden – aber noch viel wichtiger: die Stimmen in Senuas Kopf – überzeugend herüber. Als Symptom vieler geistiger Erkrankungen sind sie auch elementarer Bestandteil des Spiels, diese ständig flüsternden Stimmen, welche die inneren Konflikte und Ängste der Titelheldin widerspiegeln, dabei aber nicht nur als bloßer Handlungszweck dienen.

Darum stehst du wirklich auf Horror-Games

Wo andere Spiele nämlich Hinweise wie „Drücke Knopf X, um zu sprinten“ plump per Einblendung präsentieren, webt Ninja Theory Tutorials und Hinweise im Spiel geschickt in die Psyche Senuas ein. Generell gibt es angenehm wenig Händchenhalten in Hellblade, doch wenn es mal eine Hilfestellung gibt, so scheint diese stets direkt aus dem Innern der Protagonistin selbst zu kommen. Es sind auch diese Stimmen, die Hellblade einen wunderbaren Fluss verleihen – dieser wird höchstens durch optionale, runenverzierte Steingebilde am Wegesrand gestört, an denen du dir Hintergründe zu der im Spiel verwobenen, nordischen Mythologie anhören kannst.

Hellblade - Senua's Sacrifice: Alle Trophäen und Erfolge - Leitfaden für 100%

„Die härtesten Kämpfe werden im Kopf ausgetragen, nicht an der Waffe“

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So oder so ähnlich heißt es an einer Stelle in Hellblade: Senua's Sacrifice. Und das bringt es ganz gut auf den Punkt, denn wenn das Spiel eine Schwachstelle hat, dann ist das wohl eine gewisse Abwechslungsarmut insbesondere im Kampfsystem. Senua verfügt über leichte und schwere Angriffe, eine Sprintattacke, ein Ausweichmanöver und eine Parrier- und Konterfähigkeit. Schnell fällt auf, dass die stämmigen Nordmann-Phantome ihrer gebeutelten Psyche sehr widerstandsfähige Gegner abgeben, auf die du schon auf normalem Schwierigkeitsgrad etliche Male einprügeln musst, bevor sie endlich zu Boden gehen. Echte Gefahr kommt dabei allerdings nur selten auf, da sich Senua mit einer zeitverlangsamenden „Fokus“-Fähigkeit regelmäßig aus den misslichsten Lagen befreien kann.

Das alles ist in den ersten Spielstunden noch nicht so schlimm, macht durchaus Spaß und gliedert sich rein optisch sogar hervorragend in die restliche Präsentation ein – sorgt aber gepaart mit der zu geringen Abwechslung in späteren Abschnitten schon mal für Ermüdung. Entweder weniger beziehungsweise kürzere Kampfabschnitte oder aber mehr frische Gameplay-Ideen wären in den letzten Spielstunden willkommen gewesen.

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Hellblade: Senua's Sacrifice - Official Trailer

Senua muss auf ihrer Reise durch die nordische Unterwelt zahlreiche Rätsel lösen – Torbögen in der Wildnis enthüllen zuvor verborgene Wege und massive Holzpforten können durch das Aufspüren bestimmter Runenmuster in der Wildnis geöffnet sowie Brücken durch den richtigen Blickwinkel repariert werden. Dieses geschickte Spiel mit optischen Illusionen weiß die grauen Zellen anzuregen, insbesondere das Erspähen von Runen läuft sich mit fortlaufender Dauer des etwa sechs bis acht Stunden langen Spiels aber ebenfalls ein wenig tot.

Apropos tot: Paranoia und Wahnsinn verstärkt Ninja Theroy durch eine schwarze Fäulnis, die sich nach jedem Ableben an Senuas Arm hinauf frisst. Erreicht sie ihren Kopf, ist die Reise endgültig beendet, so die unheilvolle Ankündigung zu Beginn des Spiels…

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Fazit zu Hellblade – Senua’s Sacrifice:

Hellblade: Senua's Sacrifice ist eine bild- und sinngewaltige Mär, eine mutige, Spiel-gewordene Tour de Force, die sich einem, in Spielen noch unterrepräsentiertem Thema widmet. Die kräftige, durch gelungene optische Tricksereien erweiterte Inszenierung weist nur wenige Macken auf. Das Spiel ist sicherlich nicht für jeden gedacht und lässt in Sachen Gameplay noch etwas Luft nach oben. Dennoch: Hellblade: Senua's Sacrifice ist atmosphärisch stark und weiß mit einer Handlung fundamental-existenzieller Natur zum Mitdenken anzuregen, zu erschrecken, zu berühren.

Hellblade: Senua's Sacrifice wird dir gefallen, wenn du ein Freund erzählerischen Anspruchs, Horror und gekonnter Inszenierung bist.

Hellblade: Senua's Sacrifice wird dir nicht gefallen, wenn du abwechslungsreiche Kämpfe suchst und Zwischensequenzen verabscheust.

Wertung

9/10
Getestet von Luis

Hellblade: Senua’s Sacrifice hat mich kalt erwischt. Der Horror der Titelheldin hat mich mit leichten Abstrichen von Anfang bis Ende in seinen Bann gezogen. Nur selten hat mir das Medium Videospiel ein so wohliges Unwohlsein kredenzt und das Gefühl gegeben, an etwas Besonderem teilzuhaben.

Na, angefixt?
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