An die Jugend 2013: Ihr seid langweilig, angepasst und egoistisch!

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Das Urteil ist vernichtend: Die Jugend von heute besteht aus angepassten, langweiligen Hosenscheißern. Ein lascher Haufen von ausschließlich am persönlichen Profit orientierten Egoisten, von oberflächlichen, eitlen Stylern, krampfhaften Selbstdarstellern und mutlosen Mitmachern. Glaubt man dem Jugendkulturforscher Bernhard Heinzlmaier, dann kapituliert die Generation YouTube gerade vor der totalen Kommerzialisierung durch die Konzerne und leistet keine Widerworte bei der Kontrolle durch die Alten. Keine Ideale, keine Solidarität, keine Träume – alles was zählt, bin ICH.

An die Jugend 2013: Ihr seid langweilig, angepasst und egoistisch!

Heinzlmaier findet drastische Worte für die Jugend im Jahr 2013. Die wichtigste Eigenschaft der jungen Generation ist laut seiner Analyse das »Aufsteigen durch das Mitmachen. Es ist eine adaptiv-pragmatische Generation mit einer hohen Anpassungsbereitschaft, mit einer Mitmachmentalität. Sie sind so erzogen, dass sie ordentlich funktionieren. Diese Generation ist nicht perspektivlos oder verdrossen, denn was ihre egoistischen Ziele anbelangt sind sie ganz klar orientiert. Ein großer Teil der Jugend ist cool, durchsetzungsfähig und kämpferisch, eine Art moderner Warrior. Ich finde sie sogar beängstigend gut orientiert. Die Konzernchefs sind zufrieden, denn junge Menschen sind angepasste, ausbeutbare und brave Konsumenten.«

Auch wenn sich Heinzlmaier vor einer Generalisierung solcher Zuschreibung verwehrt – der Mann macht klare Ansagen, die es ernst zu nehmen gilt. Im Verhältnis zu früheren Generationen stinkst du, lieber GIGA GAMES-Leser unter 25, laut Heinzlmaier gerade ziemlich ab. Fragt sich, ob du das auf dir sitzen lassen willst.

Doch bevor du dich jetzt in den Shitstorm-Modus begibst und mit Heinzlmaiers Thesen den Boden aufwischt, lohnt ein kurzer Blick hinter die Kulissen seiner polemischen Attacke. Wie kommt der Mitbegründer des Instituts für Jugendforschung eigentlich dazu, der Jugend von heute derartig gewaltig ins kollektive Gewissen zu wursten? Was sind die bestimmenden Faktoren, die eine junge Generation formen?

“Angepasste, ausbeutbare und brave Konsumenten”

Da wäre zunächst einmal die Altersverteilung. Wie viele sind heute überhaupt jung? Eine zentrale Frage, denn immerhin hat das Verhältnis zwischen jungen und alten Menschen einen starken Einfluss auf die Gesellschaft, in der wir leben. Und damit auch auf die Machtverteilung zwischen jung und alt.

Die Antwort ist erschreckend. Die Jugend ist in der Unterzahl – und zwar Big Time! Die Alten sind den Jungen haushoch überlegen. Deutschland ist schon jetzt das zweitälteste Land der Welt. Vor uns liegen nur noch die vollkommen vergreisten Japaner. Dabei wird es in den nächsten Jahren eher schlimmer als besser. Ihr werdet immer weniger. In Deutschland werden laut statischem Jahrbuch pro Jahr auf 1.000 Einwohner nur acht Kinder geboren. Die Zahl der Geburten hat sich in den vergangenen 50 Jahren halbiert. Schöne Aussichten. Wie soll man sein Leben in eigene Bahnen lenken, wenn überall nur alte Säcke die Weichen stellen? Auch Heinzlmaier scheint darauf keine praktische Antwort zu haben.

In puncto Bildung sieht es nicht viel besser aus. Die Chancen auf eine gute Ausbildung sind in Deutschland extrem ungleich verteilt. Gut »15% werden hierzulande mittlerweile abgehängt«, konnte man in der letzten Woche gerade wieder in der „Zeit“ lesen. Meist sind es die Kinder armer Eltern, meist haben sie von Anfang an keine Chance, werden im Bildungsbericht der Bunderegierung gar als »homogene Gruppe von Bildungsverlierern«, als »stabiler Sockel der Abgehängten« definiert. Der Druck, diese geringen Chancen dennoch zu nutzen, ist somit gewaltig.

Die Angst, am Ende doch zu den Verlierern zu gehören, ist also ein steter Wegbegleiter bei der großen Suche nach dem Sinn des Lebens. Sie schränkt ein, macht jeden Gehversuch auf unbekanntem Terrain zu einem riskanten Unterfangen, für das man später vielleicht mal die Rechnung zahlt. Wie soll man sich da entspannen? Nichtstun kann teuer werden. Die Freiheiten, die meine Generation noch genoss, wurden systematisch abgeschafft.

Wer es hingegen bis ins Studium schafft, darf sich über eine Semesterplanung freuen, die schlichtweg keinen Platz mehr für die Selbstfindung lässt. Geht es nach den Reformern, dann sitzt man mit Mitte zwanzig  schon im selbstgebauten Chefsessel. Die ehemals so beliebte und für die Inspiration der eigenen Lebenswelt belegbar bedeutsame Auslandsreise fällt heutzutage zum Beispiel gleich ganz flach. Immer weniger Studenten finden die Zeit, sich außerhalb Deutschlands nach sich selbst umzusehen.

Nehmen, was man kriegen kann

Bleiben der Arbeitsmarkt und die Aussichten auf einen Job, in welchem junge Menschen sich nach eigenen Vorstellungen selbst verwirklichen können. Zwar sind wir in Deutschland noch weit von dem desaströsen Verhältnissen in Spanien, Portugal oder Griechenland entfernt (In Portugal liegt die Arbeitslosenquote der unter 25-Jährigen bei 42,1 Prozent, in Spanien bei 56,5 und in Griechenland bei 59,2 Prozent), rosig sind die Zeiten für junge Arbeitssuchende in Deutschland aber trotzdem nicht. Im Gegenteil. Man nimmt, was man kriegen kann. Oft ist das ein schlecht bezahltes Praktikum mit miesen Arbeitsbedingungen oder eben ein Job, auf den man eigentlich überhaupt keinen Bock hat.

Vor diesen Hintergründen schmeckt das von Bernard Heinzlmaier – sicherlich bewusst provokant -  ausgestellte Armutszeugnis dann doch ein bisschen schal. Es ist ein schmerzhafter Schlag in die Weichteile all jener, die im Grunde alles richtig gemacht haben, die die Zeichen der Zeit richtig interpretiert haben. Heinzlmaier kritisiert den Siegeszug des Strebers – nur dass Fleiß, Zielstrebigkeit und Ehrgeiz heute weniger eine Frage des Charakters, sondern vielmehr der Notwendigkeit sind. Und das macht Heinzlmaiers Thesen dann auch etwas unfair. Die Politik wäre hier der eindeutig bessere Adressat gewesen.

Dass sich der Jugendkulturforscher mehr Kids wünscht, die auch mal bewusst was falsch machen, gerade weil der Druck zur Anpassung und zum Mitlaufen so unglaublich groß ist, kann man indes durchaus nachvollziehen.

Der große Stinkefinger in Richtung Establishment lässt sich in letzter Zeit sehr selten sehen. Zumindest geht dieser Tage kein Schwanz wegen Bildung, Arbeitsmarkt oder Generationengerechtigkeit auf die Straße. Dabei gäbe es dafür nun wirklich Anlass genug. Internetaffine Reizthemen wie zum Beispiel ACTA, GEMA, Datenschutz oder auch Xbox One bringen Jugendliche hingegen in null Komma nix auf die Shitstorm-Palme. Das sind jedoch alles Themen, die Jugendliche vor allem in ihrer Rolle als Konsumenten zum Widerstand führen. Ist das Selbstverständnis der Jugendlichen 2013 tatsächlich in erster Linie ein konsumbasiertes, wie es der Jugendkulturforscher auch nahelegt?

Der Siegeszug des Strebers

Mag sein, doch auch hier wird von Heinzlmaier zu viel ausgeklammert. So dürfte das Thema Crowdfunding (Kickstarter) zum Beispiel für eine der subversivsten und  anti-kommerziellsten Ideen des neuen Jahrhunderts sein. Eine Idee die vor allem von jungen Menschen entwickelt und weiter getragen wurde.

Ob man Heinzlmaiers Rant nun als wissenschaftliche Intervention oder persönliche Leidensbekundung abheftet, bleibt jedem selbst überlassen. Unterhaltsam und anregend sind seine Äußerungen zur gegenwärtigen Verfasstheit der Jugendkultur aber allemal: »Ich bevorzuge den ausgeflippten Punk, oder einen alten, versoffenen Philosophen gegenüber den coolen, performenden Anzug-Typen, die vorbei laufen und ihre komische, lächerliche Erfolgsgeschichte inszenieren, die zum Beispiel darin bestehen kann, irgendeine verblödete Applikation für das Handy zu programmieren und diese dann verkaufen. Diese Typen interessieren mich einfach nicht. Das sind langweilige, öde Menschen.«

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