Dieser Film ist der einflussreichste Science-Fiction-Film aller Zeiten - Und niemand hat ihn jemals gesehen

Tobias Heidemann
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Jeder gute Filmemacher kennt ihn. Unzählige Science-Fiction-Filme wurde von ihm inspiriert oder bedienten sich mitunter schamlos bei seinen fantastischen Ideen. Nicht irgendwelche Filme, sondern Klassiker wie “Alien”, “Star Wars” oder “Blade Runner”. In Hollywood ist sein gigantisches Storyboard eine Legende. Der Cast dieses enormen Meisterwerks bestand aus einigen der größten Künstlern des vergangenen Jahrhunderts. Darunter Namen wie Salvador Dali, Orson Welles und Mick Jagger. Der Soundtrack kam von einer Band namens Pink Floyd. Und hinter der Kamera standen Menschen wie Jean “Moebius“ Giraud, H.R. Giger, Chris Foss und Dan O'Bannon. Alejandro Jodorowskys Verfilmung von Frank Herberts Sci-Fi Roman “Dune” wurde nie fertig gestellt. Trotzdem ist er der wohl wichtigste Science-Fiction-Film der letzten 40 Jahre. 

Dieser Film ist der einflussreichste Science-Fiction-Film aller Zeiten - Und niemand hat ihn jemals gesehen

Wer sich für die aberwitzige Geschichte des kapitalen Scheiterns von Jodorowskys “Dune” interessiert, dem sein die gleichnamige Dokumentation wärmsten ans Herz gelegt. Unter Zuhilfenahme des Original-Storyboards und leidenschaftlichen Verehrern wie Nicolas Winding Refn wird hier gezeigt, was dieser Film hätte werden können. 

Das bewusstseinsverändernde Meisterwerk, an das alle Beteiligten so erstaunlich fest glaubten, blieb aus. Am Ende wurde etwas anders aus “Dune”. Kein Film, sondern ein tragisches Trümmerfeld aus genialen Konzepten, visionären Ideen und atemberaubenden Ambitionen. Doch ganz verschwunden ist “Dune” dabei nie. In Form eines monströsen Storyboard-Buchs, das sein Regisseur seinerzeit an alle wichtigen Hollywood-Produzenten verschickt hatte, lebte der Film weiter.

Und wurde seitdem wieder und wieder ausgenommen, ausgeweidet und kopiert. Die Liste der Filme, die sich direkt oder indirekt bei Jodorowskys “Dune” bedienten, ist lang und eindrucksvoll. Während sich David Lynchs Verfilmung noch direkt und offen mit Jodorowskys Version verband, nahmen andere Filmemacher es mit der Quellenangabe nicht ganz so genau. Hier ist eine Liste der interessantesten Einflüsse.  

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Alien: Das Schloss Harkonnen und der Xeromorph 

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Wie so viele seiner Kollegen wurde auch Dan O´Bannon von dem Scheitern des Projekts hart getroffen. Doch während Alejandro Jodorowskys “Dune” für immer im Mülleimer der Filmgeschichte landete, lebten die Ideen, Konzepte und Kontakte nach dem Kollaps weiter. Dan O´Bannons kreative Arbeit wurde in den Monaten nach dem Ende von “Dune” dabei besonders von dem geistigen Austausch mit H.R. Giger beeinflusst.

Bei “Dune” wäre O´Bannon für die Spezialeffekte zuständig gewesen und hatte somit im Vorfeld der Produktion eng mit Schweizer Maler zusammengearbeitet. Dessen zutiefst verstörenden Bilder, die O´Bannons aus seiner Zeit bei “Dune” mitnahm, flossen direkt in seine neue Arbeit an einem Drehbuch namens “Star Beast” ein. Später wurde dieses Buch in “Alien” umbenannt und ein junger, aufstrebender Regisseur namens Ridley Scott holte auf das Drängen von O´Bannon hin auch H.R. Giger an Bord. Wie stark der kreative Einfluss von “Dune” auf “Alien” ist, das lässt sich am besten beim Vergleich des Schloß Harkonnen mit dem berühmten Xenomorphs aus “Alien” erkennen.

Star Wars: Baron Harkonnen/Leto II und Jabba

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George Lucas hat mit “Star Wars” das Mainsstream-Kino und dessen Vermarktung neu definiert. Sein Werk war gleich in mehrfacher Hinsicht innovativ und hatte entscheidenden Einfluss auf den Abenteuerfilm und das Fantasy-Genre. Es gibt allerdings ein paar Menschen, die Lucas unterstellen, dass er für diesen Erfolg reichlich im Steinbruch von “Dune” gewildert hat.

So soll Lucas das legendäre Drehbuch, das Alejandro Jodorowskys seinerzeit an alle wichtigen Namen in Hollywood geschickt hatte, in die Finger bekommen haben und daraus gleich mehrere Ideen für “Star Wars” übernommen haben. Neben der legendären Eingangssequenz, über die wir an späterer Stelle noch reden werden, stehen dabei vor allem “Dunes” Baron Harkonnen, die Figur Leto II  und Jabba the Hutt aus Star Wars im Mittelpunkt der Diskussion. Hier gibt es konzeptionelle Ähnlichkeiten, die nicht so leicht von der Hand zu weisen sind. Doch damit nicht genug: Konzepte wie der Wüstenplanet Tatooine, die Sandcrawler der Jawas, etliche Gadgets und  Namensähnlichkeiten, sogar die ikonischen Lichtschwertkämpfe, die stark an eine bestimmte Fecht-Sequenz aus “Dune” erinnern, geben Kommentatoren regelmäßig Anlass zu Gegenüberstellungen wir dieser.

 

Blade Runner: The Long Tomorrow und Moebius

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Fliegende Autos, endlose Hochhäuser, die sich in einem schwarzen Smog-Himmel strecken und traurige Androiden, die sich unter eine verbitterte Menschheit mischen. Das ist “The Long Tomorrow” ein Noir-Comic, welches Dan  O'Bannon während seiner Arbeit an “Dune” erdachte und in einer Rohfassung zu Papier brachte. Was als grobes Storyboard begann, wurde dank des Genies von Jean Giraud, besser bekannt als Moebius zu einer Graphic Novel.

Moebius, der als Concept Artist an “Dune” beteiligt war, formulierte Dan O´Bannons Konzepte weiter aus und lieferte damit die Grundlage für Ridley Scotts “Blade Runner“. Dessen Story basiert bekanntlich zu großen Teilen auf Philip K. Dicks “Träumen Androiden von elektrischen Schafen”, die dystopischen Bilderwelten der Megacity aus “Blade Runner” sind jedoch direkte Nachfahren der Zusammenarbeit von Dan  O'Bannon und Moebius während ihrer Zeit bei “Dune”. Selbst Werke wie “Ghost in the Shell” oder “Das Fünfte Element” sind von dieser Arbeit stark beeinflusst worden.

Terminator: Ego-Perspektive eines Cyborgs

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Dass James Cameron sich für seinen “Terminator” stark bei Harlan Ellisons “Demon with a Glass Hand and Soldier” bedient hat, ohne den TV-Autoren dabei jemals in den Credits zu erwähnen, ist ein offenes Geheimnis in Hollywood. Der Rechtsstreit um die aus den “Outer Limits” geklauten Ideen ist aber lange beigelegt und vergessen.

Dass die damals ungewöhnliche und mit digitalen Elementen ausgestattete Ich-Perspektive des Terminators, in welche Cameron den Zuschauer zwängt, auch nicht allein auf dem Mist des Star-Regisseurs gewachsen ist, dürfte indes weniger bekannt sein. Das über 1000 Seite starke Storyboard zu Jodorowskys “Dune” enthält einige Sequenzen, die ganz stark an die ikonische Ego Perspektive des Cyborgs erinnern.   

Contact: Die Eröffnungssequenz

Das Storyboard zu “Dune” beginnt mit einer geradezu monumentalen Sequenz, die seinerzeit der wohl ambitionierteste Long Shot gewesen wäre. Alejandro Jodorowskys wollte eine epische Kamerafahrt durch eine ganze Galaxie zeigen und dabei Orson Welles legendäre Sequenz aus “Zeichen des Böses” mit Hilfe von Raumschiffen und Planeten zitieren.

Das Storyboard zu “Dune”enthält die gesamte Sequenz mit allen ihren verspielten Details und visuellen Ideen. Etliche Jahre später ließ Robert Zemeckis den großen Traum dann wahr werden. Seine Intro-Sequenz zu “Contact” ist die aus “Dune” – nur eben rückwärts inszeniert. Auch “Star Wars” hat, so sehen es jedenfalls einige Filmhistoriker, auffällige Parallelen zum “Dune”-Storyboard, wenngleich Lucas die Sequenz in mehrer Szenen aufbrach und drastisch vereinfachte.

Das fünfte Element: The Incal

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Auch Alejandro Jodorowskys arbeitete nach dem Scheitern von “Dune” weiterhin mit einigen seiner Kollegen zusammen. Das prominenteste Erzeugnis ist die Arbeit, die er gemeinsam mit Moebius gemacht hat. Die Grafic Novel “The Incal” ist eine klassische Abenteuergeschichte und genießt in der Comic-Kultur den Status des Meisterwerkes.

Etliche Ideen aus Jodorowskys “Dune” tauchen hier wieder auf oder wurden weiterentwickelt. Das Buch ist ein unglaublich kreativer Ritt durch fantastisches Welten und diente vielen Filmmachern als Inspiration. Allen voran natürlich Luc Bessons “Das Fünfte Element“. Visuell wurden hier gleich mehrere Konzepte 1 zu 1 übernommen. Wer sich für die Ähnlichkeiten interessiert, dem sei dieser Artikel ans Herz gelegt.

 

Prometheus: Späte Hommage? 

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Heute ist der extreme Einfluss, den das Team um Jodorowsky auf das Science-Fiction-Genre hatte, keine Geheimnis mehr. Eine echte Anerkennung sucht man allerdings vergebens. Selbst Ridley Scott, der jüngst in “Prometheus”  wieder ein altes “Dune”-Konzept von H.R. Giger für eine im Film zusehende Alien-Struktur verwendete, ließ sich bisher nicht dazu hinreißen, den massiven Einfluss, den Jodorowsky und Co. auf seine Karriere hatten, gebührend zu kennzeichnen.

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